> > > Tschaikowsky, Peter: Sinfonie Nr. 6 b-Moll "Pathétique"
Samstag, 24. Oktober 2020

Tschaikowsky, Peter - Sinfonie Nr. 6 b-Moll "Pathétique"

Ungewohnt


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ansonsten erfreut der Tonträger durch erfrischendes, sauberes Spiel, absolut fehlerfrei und präzise.

Václav Talich, gebürtiger Tscheche, hat einen recht ungewöhnlichen Lebenslauf. 1883 geboren, entdeckt er erst um 1906 seine Begabung zum Dirigieren, nach einer nicht wenig versprechenden Karriere als Violinist, unter anderem bei den Berliner Philharmonikern als Konzertmeister unter Arthur Nikisch. Über zahlreiche Stationen, wie unter anderem Odessa, Tiflis, wo er das erste mal das Amt des Dirigierenden übernimmt, Laibach, Leipzig und Mailand, kommt er schließlich in die damalige Tschechoslowakei zurück, um die Leitung der Tschechischen Philharmonie zu übernehmen, für die er sich durch die Uraufführung symphonischer Kompositionen Suks (‘Zrání’ – d.i. ‘Das Reifen’) qualifizierte. Dort gelang es Tálich, aus dem etwas rohen Klangorganum, das er dort vorfand, ein passables Orchester mit annehmbarem Stammrepertoire zu formen. Die Früchte dieser Arbeit zu genießen, ermöglicht die von ‘Supraphon’ herausgegebene Edition mit den digital aufgearbeiteten Einspielungen des Dirigenten Talich mit seinem Orchester.

Aus dem verfügbaren Tonträgersortiment ragt zwischen vielen tschechischen Komponisten, Dvorák, Smetana, Suk und Janácek und einigen Deutschen wie Mozart und Bach, ein in zweierlei Hinsichten merkwürdiger Tonträger heraus. Es handelt sich um denjenigen mit den von 1953 stammenden Einspielungen der ‘Pathetique’ von einem auch nicht selten von Talich interpretierten Komponisten Peter Tschaikowski in Verbindung mit einem dazu nur scheinbar schwerlich passenden Unikum: Richard Wagner, dessen ‘Tristan und Isolde’ mit ‘Vorspiel’ und ‘Liebestod’ Einzug in die Edition findet. Erfreulich an solchen wiederaufgenommenen Einspielungen ist nun das, dass man auf geläufigem Terrain Zugang findet zu etwas eigentlich neuem, der Hörerfahrung und Interpretationsweise einer vergangenen Zeit.

Jenes wird man insofern interessant finden, wenn man den Tonträger hört, dass die Art und Weise der Interpretation, die gesamte Herangehensweise an die Musik zu unserer stark divergiert. Anhaltspunkte dafür sind Verschiedenheiten in Artikulation und Phrasierung. Man kann der Aufführung Talichs einen im Vergleich zu heutiger Interpretation deutlich progressiveren Charakter einräumen, der viel weniger pathetisch als der heutige Stil auf ein flüssiges Musizieren Wert legt. Ausgehaltene Noten, längere Fermaten und ähnliches sucht man als Mittel zur musikalischen Gestaltung vergebens. Insbesondere bei der sechsten Sinfonie Tschaikowskis mag das etwas verwundern.

Ebenso mutet der ausgeprägte Akzent auf die starken Zählzeiten des Taktes etwas merkwürdig an. Dies wirkt für das heutige Gehör, dass einen vergleichsweise ausgeglichenen Takt gewohnt ist, etwas holprig, ist bei weitem aber nicht stockend. Im Gegenteil ist die, wie schon erwähnt, recht flüssige Interpretation sehr zügig und schnell gehalten. Dass dabei die einzelnen Phrasen des Stückes deutlich zu hören sind, zeugt von dem qualitativen Anspruch, den Talich seinem Orchester gegenüber vertrat und legitimiert somit die Arbeit des Herausgebers seiner Edition. Tatsächlich ist die Hörtiefe und Sauberkeit des Klangbildes überdurchschnittlich, um nicht zu sagen ungewöhnlich, trotz einiger nicht ganz beseitigter Mängel der Aufnahmequalität.

Dies betrifft zum einen die Klangbreite, die in der Höhe zuweilen empfindliche Mängel hat. Im ersten Satz der ‘Pathetique’ fällt das leider auf. Die expressiveren Abschnitte klingen in den dramatischen Violinen recht schnarrig und erinnern stark an das alte Grammophon. Ebenso macht sich dieser Malus bei Tschaikowskis recht dominantem Gebrauch des Blechapparats im ersten Satz bemerkbar, wobei die Trompeten etwas hohl und dünn klingen.

Ansonsten erfreut der Tonträger durch erfrischendes, sauberes Spiel, absolut fehlerfrei und präzise, was die ‘Pathetique’ angeht, die durch einen dramatischen und sehr bewegten ersten Satz, tänzerisch-zügige Mittelsätze und einen sehr dynamischen Finalsatz glänzt. Freilich wirkt daneben die Interpretation des schon zeitlich viel geringeren Wagners etwas unpassend, was die gleichzeitige Qualität dieser Einspielung nicht mindert, aber ihre Brisanz.

Somit verfügt man nach Kauf der Platte um ein durchaus respektables Erzeugnis, das aber durch seine eigenwilligen Abstriche nicht für jedermann seine Eignung bekommt. Zum einen handelt es sich hier um ein Fundstück für jene, die den Facettenreichtum des Komponisten Tschaikowski, oder auch Wagner zu schätzen wissen oder ergründen wollen. Hier bietet sich ein völlig neuer Blick- und Standpunkt zur Bewertung der jeweiligen Komposition. Zum anderen ist es für den Sammler älterer Einspielungen, vielleicht auch den, der den Geschmack an Václav Talich bereits gefunden das passende Stück zur Vervollständigung der eigenen Kollektion, und sicher nicht das schlechteste.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Christoph Mann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tschaikowsky, Peter: Sinfonie Nr. 6 b-Moll "Pathétique"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
26.05.2006
Medium:
EAN:

CD
099925382827


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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