> > > Pettersson, Allan: Sinfonie Nr. 12 'Die Toten auf dem Marktplatz'
Montag, 24. Juni 2019

Pettersson, Allan - Sinfonie Nr. 12 'Die Toten auf dem Marktplatz'

Chorsymphonische Mahnung zur Humanität


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


in Jahrhundert-Zyklus findet damit nicht nur einen Abschluss, sondern ein glänzendes Finale.

Nun ist es geschafft – der letzte Stein zum gigantischen Bau der Gesamteinspielung der Sinfonien Allan Petterssons bei dem 'Entdecker-Label' CPO wurde hinzugefügt. Lange hat es gedauert, bis die riesenhafte Zwölfte Sinfonie mit dem Untertitel 'De Döda på torget' (zu deutsch: 'Die Toten auf dem Marktplatz') im Rahmen der viel gelobten Reihe mit Pettersson-Sinfonien bei CPO erschienen ist. Ein Blick auf die Besetzung allerdings macht deutlich, dass man so ein voluminöses Werk nicht einmal so nebenher produziert: Zwei Chöre wurden engagiert, der Schwedische Radiochor und der Eric Ericson Kammerchor, dazu das hervorragende Schwedische Radio-Sinfonieorchester, geleitet vom versierten österreichischen Dirigenten Manfred Honeck, der schon einige andere Pettersson-Sinfonien in der cpo-Reihe fulminant interpretierte.

Zeitaktuell und zugleich universal

Als 'Akademische Festmusik' zum 500-jährigen Bestehen der Universität Uppsala in Auftrag gegeben, zeichnet sich das 1973 entstandene Werk nicht gerade durch festliche Jubelklänge aus. Und so war es auch gar nicht gedacht. Pettersson bekam den Auftrag ein Werk 'mit Zeitakualität in einem tieferen Sinne' zu schreiben – was ihm durchaus geglückt ist. Denn Pettersson nahm die schwedische Übersetzung von Gedichten Pablo Nerudas, um eine Chorsinfonie zu erschaffen, die eine 'gewaltige Menschheitsklage' (so Andreas K. W. Meyer im äußerst informativen und vorzüglich geschriebenen Booklettext) darstellt. Es handelt sich dabei um höchst politische Gedichte, in denen die Wortgewalt Nerudas mit einer humanistischen Anklage verbunden ist, die Pettersson in einen mächtigen sinfonischen Strom verwandelt. Die unschuldigen Menschen, die während des chilenischen Putschs gegen den Präsidenten Salvador Allende Gossens 1973 ermordet wurden, stehen im Zentrum der neun Gedichte. Zeitaktualität und eine universale Mahnung zu Humanität und Frieden werden von Allan Pettersson, dem Außenseiter zwischen den Stühlen der Musikgeschichte, zusammengebracht.

Strömend und eruptiv

Die Interpretation dieser riesenhaften Chorsinfonie scheint bei Manfred Honeck einmal mehr in besten Händen zu sein. Honeck versteht es, das Essentielle des Werks zu betonen, den Strom nicht nur anzuknipsen, sondern ständig in Bewegung zu halten. Das Sinfonieorchester des Schwedischen Rundfunks folgt ihm dabei bis ins kleinste Detail. Dynamische Schattierungen werden deutlich und expressiv eingesetzt, doch nie als bloßer Effekt. Die Abstimmung zwischen den Orchestergruppen wie zwischen Instrumentalisten und dem Chor ist sehr gut gelungen. Der voluminöse Orchesterklang droht nie den Text zu erdrücken, wie dicht und vor Spannung vibrierend der Klang auch immer sein mag.

Die beiden Chöre, der Schwedische Radiochor und der Eric Ericson Kammerchor können als ideale Interpreten dieser höchst ausdrucksvollen Musik gelten. Sie achten nicht nur auf eine lupenreine Intonation und hohe Wortverständlichkeit, sondern vor allem auf die expressive Seite des Textinhalts: Ausdruck ist hier wichtiger als Schönklang, eine sehr eindringliche Interpretationshaltung angesichts des Sujets.

Klanglich ist auch der abschließende Baustein der Gesamteinspielung exzellent gelungen – vielleicht sogar am besten. Der Orchesterklang ist äußerst differenziert und feingliedrig, selbst in extrem verwobenen Passagen, die Balance zwischen Vokalem und Instrumentalem perfekt. Man bekommt einen unvergleichlichen Eindruck von der Monumentalität des Werks, einer Monumentalität allerdings, die nicht erdrückt, sondern zum (nach-)denken anregt. Und wenn dann alle Beteiligten mit so hohem Engagement und Präzision zu Werke gehen wie hier, lässt man sich gerne überwältigen von der expressiven Kraft dieser Musik. Zu wünschen wäre es ihm. Ein Jahrhundert-Zyklus findet damit nicht nur einen Abschluss, sondern ein glänzendes Finale. Und vielleicht findet Pettersson in Zukunft ein paar weitere Fürsprecher bei der dirigierenden Zunft. Zu wüschen wäre es ihm – und dem Publikum.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Pettersson, Allan: Sinfonie Nr. 12 'Die Toten auf dem Marktplatz'

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
cpo
1
20.03.2006
00:53:05
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203718726
777 146-2


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Pettersson, Allan
 - Sinfonie Nr. 12 - Die Toten auf dem Marktplatz


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Dirigent(en):Honeck, Manfred
Orchester/Ensemble:Swedish Radio Symphony Orchestra


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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