> > > Bach, Carl Philipp Emanuel: Hamburgische Festmusiken
Sonntag, 20. Oktober 2019

Bach, Carl Philipp Emanuel - Hamburgische Festmusiken

Prachtvolle Festklänge aus Hamburgs alten Zeiten


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Allein schon des Einführungstexts von Ludger Rémy wegen lohnte sich der Kauf der CD.

Der Virtuose auf historischen Tasteninstrumenten Ludger Rémy gilt in ebenso großem Maße als historisch fundierter Archäologe verstaubter Musik. Dass diese Musik allerdings mehr zu bieten hat als dem Staub der Jahrhunderte eine feste Unterlage zu bieten, zeigt diese vortreffliche Einspielung mit Werken Carl Philipp Emanuel Bachs. Der CPE Bach-Spezialist Rémy nahm sich den Einführungsmusiken Hamburger Pastoren und Prediger an, die von der Forschung bisher als „Gelegenheitskompositionen“ leichtfertig abgetan und genüsslich beiseite gelegt wurden. Dass aber, wie fast zu erwarten war, Carl Philipp Emanuel Bach auch in diesen Musiken zu gegebenem Anlass seine Gestaltungsfreude und den ihm eigenen Einfallsreichtum nicht zurechtstutzte, wird hier deutlich – eine Reanimierung, die sich gelohnt hat. (Auch das braucht kaum hervorgehoben zu werden, denn Rémy scheint vergessene Werke nicht um ihrer selbst willen wieder ins Blickfeld zu rücken, sondern wegen ihrer künstlerischen Qualität.)

Eingespieltes Ensemble

Um sich scharte Rémy für die Aufnahmen sein Ensemble „Les Amis de Philippe“ und die „Himlische Cantorey“, zwei auf Alte Musik spezialisierte Ensembles, die seit Jahren als eine der besten Anwälte Alter Musik gelten. Eingerahmt werden die beiden hier aufgenommenen Festmusiken von kleineren Chorwerken verschiedener Provenienz. Das Herzstück dieser CD bilden allerdings die Musik zur Einführung für Pastor Joh. Jacob Schäffer an St. Nikolai am 3. August 1785 (H 821m(Wq 253) und die Musik zur Einführung von Pastor Joh. Christoph Friderici an St. Petri am 13. Dezember 1775 (H 821g/Wq 251).

Vor allem die Festmusik aus dem Jahr 1785 lässt mit einigen interessanten Elementen aufhorchen. Da ist zum einen ein (von unbekanntem Autor stammender) Text, in dem vor allem die Unbegreiflichkeit Gottes thematisiert wird; Vokabeln wie etwa „Denkkraft“ machen deutlich, dass der Textdichter mit philosophischen Diskursen seiner Zeit up to date war. Auch die Trauer um den verstorbenen Amtsvorgänger wird auf ein Minimum reduziert. Dafür kommt Jüngstes Gericht und Auferstehung der Toten mit hinein, Elemente, die zu einer betont affekthaften musikalischen Darstellung reizen. Carl Philipp Emanuel Bach nutzte das Potential, ohne zu übertreiben – ebenso wie auch Ludger Rémy und sein bestens disponiertes Ensemble. Die letzte Posaune, hier eine herrlich „schmutzig“ gespielte Naturtrompete, erschallt nicht als Effektknüller, sondern ist eingebunden in eine Gestaltung, die eng am Gehalt des Textes orientiert ist.

Schlanker Gesamtklang

Dass die Textverständlichkeit stets gewährleistet ist zeugt von guter Balance zwischen Instrumentalem und Vokalem und vor allem von der Qualität des Ensembles „Himlische Cantorey“. Die doppelt besetzten Stimmen (so wie auch bei CPE Bach ein „Chor“ aussah) klingen äußerst schlank; jede Sängerin und jeder Sänger treten ebenso als Solisten in Rezitativen und Arien hervor und gestalten dort den Text mit lebhaftem Ausdruck, ohne aber überzogen zu wirken. Dass sie als Chor so gut zusammenwirken, ist bei den solistischen Qualitäten erstaunlich. Aber genau das macht ein so junges Ensemble wie die „Himlische Cantorey“ eben aus.

Mit leichter Hand, flüssigen Tempi und transparentem Klang bringt Rémy die Musik Carl Philipp Emanuel Bachs zum Klingen. Die Musiker agieren auf höchstem Niveau, das Zusammenspiel, die Abstimmung ist perfekt, der Gesamtklang rank und schlank – und dabei hoch differenziert.

Auch die klangliche Seite dieser Produktion ist gut gelungen. Sowohl Instrumental- als auch Vokalpart kommen sehr gut zum Tragen, die Balance zwischen beiden ist exzellent gelungen.

Allein schon des Einführungstexts von Ludger Rémy wegen lohnte sich der Kauf der CD. Denn dort räumt der Dirigent mit einigen gängigen Musikbildern kräftig auf – und regt zum Nachdenken über den Wert historischer Forschungen an. Ein hervorragender Text. Passend zu einer hervorragenden CD.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Carl Philipp Emanuel: Hamburgische Festmusiken

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
cpo
1
20.03.2006
01:13:27
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203710829
777 108-2


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Bach, Carl Philipp Emanuel
 - Leite mich nach deinem Willen H 835 -
 - Einführung für Pastor Joh. Jacob Schäffer an St. Nikolai H 821 m -
 - Mein Heiland, meine Zuversicht H 830 -
 - Einführung für Pastor Joh. Christoph Friderici an St. Petri H 821 g -
 - Amen! Lob und Preis und Stärke H 834 -


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Dirigent(en):Rémy, Ludger
Orchester/Ensemble:Les Amis de Philippe


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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