> > > Lipinski, Karol: Rondo alla Polacca E-Dur, op. 13
Samstag, 22. Januar 2022

Lipinski, Karol - Rondo alla Polacca E-Dur, op. 13

Virtuosität und Spielwitz auf höchstem Niveau


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dem Label cpo gebührt wieder einmal das Lob, bei der Vermittlung eines vergessenen Komponisten eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

Virtuosenmusik kann aus zwei Gründen entsetzlich langweilig sein: Einerseits bleibt die Präsentation technischer Kunststücke auf der Ebene des Komponierten häufig rein äußerlich und wird musikalisch kaum in sinnvolle dramaturgische Abläufe eingebunden; andererseits fehlt es auch bei der Umsetzung allzu oft an einer Haltung, die solchen Effekten mit der gehörigen Portion an Spielwitz zu begegnen weiß. Mit seiner zweiten Einspielung von Werken für Violine und Orchester aus der Feder des polnischen Violinvirtuosen und Komponisten Karol Jozef Lipinski (1790-1861) setzt der Geiger Albrecht Laurent Breuninger in dieser Hinsicht Maßstäbe: Er beherrscht nicht nur die bisweilen haarsträubend schwierigen Solopartien mit beeindruckender Souveränität, sondern trägt sie zudem mit einer Leichtigkeit vor, hinter der die Virtuosität fast schon wieder ihre Bedeutung verliert und dadurch den Zwischentönen dieser nur wenig bekannten Musik Platz schafft.

Diskographische Entdeckung eines Unbekannten

Nicht umsonst hat man Lipinski aufgrund seiner geigerischen Fähigkeiten zu Lebzeiten als „polnischen Paganini“ tituliert: Seine Violinwerke gehören, den Werken seines italienischen Zeitgenossen in nichts nachstehend, zu den technisch anspruchsvollsten Kompositionen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sind aufgrund ihrer enormen Anforderungen an den Interpreten auch heute kaum im Repertoire anzutreffen. Dennoch tritt der Charakter des musikalischen Schaustücks zugunsten einer erstaunlichen musikalischen Qualität zurück, die nicht nur aus dem ausgefeilten Wechselspiel zwischen Solist und Orchester, sondern auch auf Lipinskis Wissen um die klanglichen Raffinessen von Orchesterklangfarben und deren Verbindung mit virtuosen Violineffekten beruht. Dass dabei vielfach dramatische Gestaltungsmomente zur Geltung kommen, die der Komponist der Oper abgelauscht hat – so das Rezitativ, mit dem die „Variations de Bravoure sur une Romance militaire“ op. 22 eingeleitet werden, aber auch die spannungsvollen retardierenden Momente im Finalsatz des Violinkonzerts Nr. 1 fis-Moll op. 14 – macht die Musik zudem passagenweise ungemein spannend.

Wie die vorangegangene Einspielungen mit Lipinskis Violinkonzerten Nr. 2 bis 4 aus dem Jahr 2004 ist Breuningers Interpretation eine herausragende Empfehlung für den zu Unrecht vergessenen Komponisten. Mit welcher Sicherheit in Technik und Intonation er die Klippen dieser Musik meistert, ist schier atemberaubend. Dass er dabei dennoch eine enorme Leichtigkeit vermittelt, der Musik durch weiche Tongebung und Kantabilität vielfach differenzierte Zwischentöne abgewinnt und außerdem einen untrüglichen Sinn für die klanglichen Möglichkeiten der violintechnischen Effekte an den Tag legt, steuert viel zum hohen interpretatorischen Niveau der Aufnahme bei. Wesentlich unterstützt wird Breuninger von den Musikern des Polnischen Radio-Sinfonieorchester unter Leitung von Wojciech Rajski, dessen feinfühlige Behandlung der Orchesterbegleitung dort besonders zur Geltung kommt, wo sich in Wechselwirkung mit dem Solisten bisweilen faszinierende und effektvolle Klangfarbenwirkungen ergeben. Selbst das scheinbar einfach gebaute „Rondo alla Polacca“ op. 13 erhält dadurch die Gestalt eines Dialogs zweier gleichberechtigter Partner, die sich gegenseitig musikalisch kommentieren und auch in klanglicher Hinsicht einander immer die rechte Balance halten.

Hervorragende Produktion

Dem Label cpo gebührt wieder einmal das Lob, bei der Vermittlung eines vergessenen Komponisten eine Vorreiterrolle zu übernehmen und – nach der vielbeachteten Produktion sämtlicher Violinkonzerte des deutschen Geigers und Komponisten Louis Spohr in den Neunzigerjahren – nun einen weiteren Schöpfer konzertanter Violinmusik der Romantik ins Bewusstsein der Klassikliebhaber zu heben. Dass diese Repertoirelücke zudem in so außerordentlich hoher Qualität und in musikalisch wie klangtechnisch überzeugender Umsetzung ausgefüllt wird, ist mehr als erfreulich. Zu loben ist auch der umfangreiche, sehr informative Booklet-Text von Eckhardt van den Hoogen, der kompetent mit Lipinskis Leben und Werk vertraut macht und das Besondere von dessen Schaffen hervorzuheben versteht. Für mich ist die CD daher eine absolute Empfehlung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lipinski, Karol: Rondo alla Polacca E-Dur, op. 13

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
cpo
1
20.04.2006
01:13:01
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203991228
999 912-2


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Lipinski, Karol Józef
 - Rondo alla Polacca E-Dur, op. 13 -
 - Violinkonzert Nr. 1 fis-Moll, op. 14 -
 - Variations de Bravoure sur une Romance militaire D-Dur, op. 22 -


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Dirigent(en):Rajski, Wojciech
Orchester/Ensemble:Polish Radio Symphony Orchestra
Interpret(en):Breuninger, Albrecht Laurent


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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