> > > Grisey, Gérard: Solo pour deux
Sonntag, 19. Mai 2019

Grisey, Gérard - Solo pour deux

Klangraumkontinuum


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch diesmal überzeugt Kairos wieder mit zupackend interpretierter Neue Musik, einer ausgezeichneten Klangqualität und einer edlen Verpackung.

Nach herausragenden Einspielungen von Gérard Griseys größeren Werken ,Quatre chants pour franchir le seuil’ und ,Les Espaces Acoustiques’ legt das Wiener Label Kairos nunmehr die dritte dem 1998 verstorbenen französischem Komponisten gewidmete Platte vor. Auch diesmal überzeugt Kairos wieder mit zupackend interpretierter Neue Musik, einer ausgezeichneten Klangqualität und einer edlen Verpackung.

Mit den fünf eingespielten Werken – zwei Soli, zwei Duos und ein Sextett – präsentiert KAIROS auch zwei Erstaufnahmen. Die erste der beiden, ,Charme’ ein Solo für Klarinette, nennt Grisey ,ein Werk einer Jugendlichkeit’. Hier hat Grisey die ihm eigene Sprache noch nicht entwickelt, entsprechend distanziert er sich von diesem frühen, noch mit Reihentechniken geformten Stück.

Perfekte Illusion

In ,Solo pour deux’ lotet Grisey die Möglichkeiten der Instrumentalsynthese zwischen Posaune und Klarinette aus. Dies gelingt ihm auch überraschend gut, zumal eine kammermusikalisch verwendete Posaune gewöhnlich alles erstickt. Versucht man beim Hören die Trennung nicht zu erzwingen, hört man tatsächlich die Illusion eines neuen Instruments. Grisey verschmilzt die Instrumente nicht nur im Gleichklang, sondern und vor allem auch im Nacheinander. So hört man Läufe, deren tiefen Töne von der Posaune, die hohen dagegen von der Klarinette gespielt werden. Perfekt interpretiert ist die Illusion ein einziges Instrument zu hören nahezu vollkommen. Hier zeigt sich, was auch für die übrigen Stücke der CD zutrifft, eine musikalische Herangehensweise Griseys: er sieht das jeweilige Stück als einen einzigen, andauernden Klang, den er allmählich verändert. Mit wenigem Ausgangsmaterial gelingt es ihm jeweils eine ungeahnte, variationsreiche Klangfülle zu entlocken.

,Anubis-Nout’, das mit seinem auf ägyptische Todesmythologie verweisendem Titel Raum für Spekulationen öffnet, ist ein Stück für Solokontrabassklarinette, ein ansonsten eher unterschätztes Instrument. Mit seinen tiefen, obertonreichen Tönen und der Möglichkeit zu Mehrklängen ist jedoch überaus geeignet für die spektralen Elemente in Griseys Musik.

Die beiden faszinierendsten Stücke der CD sind die Schlagzeugkompositionen ,Stéle’ für zwei und ,Tempus ex machina’ für sechs Schlagzeuger. Auch hier entfaltet Grisey ein für diese Instrumente kaum für möglich gehaltenes Klangraumkontinuum - Klangwellen, die den Hörer überfluten. Es ist, als könnte man die Hammerschläge eines Demiurgen hören.

Leider genügt der Text des Booklets dem selbst gesetzten hohen Anspruch des Labels nicht. Warum wurden die abgedruckten französischen Kommentare Griseys zu den einzelnen Kompositionen nur teilweise übersetzt? Auf die Übersetzung der englisch verfassten, allgemeineren Gedanken Griseys wurde ganz verzichtet. Der sonstige von Wolfgang Hofer verfasste Booklettext ist zudem eher verwirrend als hilfreich. Bleibt zu hoffen, dass Kairos daran zukünftig arbeiten wird. Trotzdem eine ausgezeichnete Produktion.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Grisey, Gérard: Solo pour deux

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
21.04.2006
EAN:

9120010281006


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Patrick Beck:

  • Zur Kritik... Quartett trifft Human Beatboxing: Zweite CD des polnischen Quartetts Kwartludium. Kwartludium spielt die hier vorgestellten Kompositionen genau, sorgfältig, mit viel Liebe, atmosphärisch und vor allem überaus lebendig. Weiter...
    (Patrick Beck, )
  • Zur Kritik... Unsuk Chin wieder aufgelegt: Das Ensemble Intercontemporain spielt Werke von Unsuk Chin - auch in Wiederauflage eine tolle Aufnahme. Weiter...
    (Patrick Beck, )
  • Zur Kritik... Edgar Varèse in Salzburg: Ein kostbares Dokument der Salzburger Festspiele 2009 mit Kompositionen Edgar Varèses. Weiter...
    (Patrick Beck, )
blättern

Alle Kritiken von Patrick Beck...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klangsinnliches Volkslied: Der Tenor Christian Gerhaher und ein exzellentes Klaviertrio widmen sich schottischen und walisischen Volksliedern mit entwaffnender Natürlichkeit und Eleganz im Ausdruck – in bester Klangqualität. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Finalisiert: Bruckners Neunte Sinfonie ohne Lasten. Sinfonik im Sinne Schuberts, verführerisch, apollinisch: Das wäre schon angesichts der ersten drei Sätze ein höchst erfreulicher Befund. Mit Gerd Schallers kundiger Ausformulierung des Finales umso mehr. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Armida stiehlt die Show: Allein für die orchestrale Leistung und die Armida von Gesche Geier lohnt sich das Hören dieses Mitschnitts. Wirklich konkurrenzfähig ist dieser 'Rinaldo' vermutlich aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2019) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich