> > > Schumann, Robert: Quartett in a-Moll, op. 41 Nr. 1
Samstag, 6. März 2021

Schumann, Robert - Quartett in a-Moll, op. 41 Nr. 1

Unterkühlter Schumann


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Am gelungensten und profiliertesten wirkt eindeutig das abschließende Quartett A-Dur op. 41 Nr. 3.

Gute Aufnahmen von Robert Schumanns drei Streichquartetten op. 41 genießen immer noch Seltenheitswert, was sicher auch damit zusammenhängt, dass diese 1842 entstandene Werkgruppe im Repertoire meist weit hinter anderen romantischen Quartetten wie etwa jenen von Johannes Brahms angesiedelt wird. Einige neuere Einspielungen – so die 2001 bei Tacet veröffentlichte Interpretation des Auryn Quartetts – haben indessen gezeigt, dass diese Vernachlässigung aus musikalischer Hinsicht nicht gerechtfertigt ist.

Eine brandneue Produktion stammt vom nierderländischen Quatuor Kuijken, das sich der Werkgruppe unter dem Aspekt einer historisch-orientierten Aufführungspraxis nähert. In klanglicher Hinsicht ist es sicherlich sehr zu begrüßen, dass die Kompositionen durch diese interpretatorische Perspektive etwas entschlackt werden, erweisen doch Einspielungen wie jene des Melos-Quartetts mit ihrem Übermaß an Vibrato, dass zuviel romatischer Zuckerguss den Werken eher abträglich ist. Hier entsteht jedoch genau der gegenteilige Effekt: Die Zurückhaltung springt von der Tongebung auf andere Bestandteile des Klangbilds über, wodurch die Einspielung mitunter recht leblos und starr wirkt.

Dass die Interpretation in ihrer Gesamtheit unbefriedigend bleibt, hat jedoch gleich an eine ganzen Reihe von Ursachen. Generell könnten etwa die dynamischen Kontraste deutlicher ausfallen: Während der Pianobereich vom Ensemble häufig sehr differenziert ausgelotet wird – die Einleitung des Quartetts a-Moll op. 41 Nr. 1 ist hierfür ein ebenso gutes Beispiel wie das Kopfsatzthema des Quartetts F-Dur op. 41 Nr. 2 – fallen Crescendowirkungen manchmal eher dürftig aus. Das Quatuor Kuijken scheint gar eine gewisse Scheu vor dem Vorstoß in die Forte-Regionen zu haben, wodurch der Eindruck einer über weite Strecken zu vorsichtigen Herangehensweise entsteht. Darunter leiden vor allem Sätze wie das wunderschöne Adagio aus dem a-Moll-Quartett, dem es am langen Atem zur Gestaltung der kantablen Hauptstimmen fehlt. Die ‘espressivo’-Anweisungen Schumanns fallen einer halbherzigen Umsetzung zum Opfer, die damit verbundenen dynamischen Wellenbewegungen werden nur stark gemäßigt nachvollzogen, was der Musik eine seltsame klangliche Starre verleiht, die den Angaben des Notentextes zuwider läuft.

Probleme gibt es aber auch im Zusammenspiel der Ensemblemitglieder: Zwar ist die Intonation auch an den harmonisch heiklen Stellen meist sehr gut, doch wirken die Musiker oftmals wie vier Individuen, die nicht miteinander, sondern nebeneinander her musizieren. Manchmal wird dadurch der Eindruck vermittelt, als habe es bezüglich der gemeinsamen Lesart von Vortragsbezeichnungen kaum Absprachen gegeben: Gleiche Artikulationsangaben in den Einzelstimmen werden ohne musikalische Logik unterschiedlich ausgeführt, wobei aus unerfindlichen Gründen ein kurzer Sforzato-Akzent manchmal gar zu einem lang gehaltenen Forte-Ton werden kann. Dass darüber hinaus auch die Haupt- und Nebenstimmen bisweilen wenig voneinander unterschieden werden, also keine hierarchische Tiefenstaffelung innerhalb des Klangraumes Streichquartett erkennbar ist, gefährdet zudem die Durchhörbarkeit mancher dicht komponierter Passagen in den Kopfsätzen des ersten und zweiten Quartetts.

Am gelungensten und profiliertesten wirkt eindeutig das abschließende Quartett A-Dur op. 41 Nr. 3, dessen kontrapunktische Durcharbeitung über weite Strecken hinweg eine plastische und kontrastreiche Umsetzung erfährt. Dies lässt den Schluss zu, dass die Musiker das Werk als Höhepunkt einer über alle drei Kompositionen reichenden zyklischen Entwicklung auffassen. Dem A-Dur-Quartett kommt diese Auffassung zweifellos zugute, doch rechtfertigt diese interpretatorische Idee noch lange nicht die Vorsicht und Zurückhaltung, die das Quatuor Kuijken insbesondere im eröffnenden a-Moll-Quartett walten lässt und ihm dadurch einen großen Teil seiner musikalischen Wirkung raubt. Hier und an vielen anderen Stellen bleibt die Musik daher unterkühlt, erweist sich ihrer Ecken und Kanten ebenso beraubt wie ihrer großartigen Irritationen und ihrer kantablen Ausbrüche. Und das ist wirklich schade.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Quartett in a-Moll, op. 41 Nr. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
1
01.10.2009
Medium:
EAN:

CD
3464858013266


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Arcana

Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


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