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Sonntag, 14. August 2022

Desprez, Josquin - Missa Gaudeamus

Grosses aus der Feder des ‚Fürsten’


Label/Verlag: Stradivarius
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dass sich für eine herausfordernde Musik absolut geeignete Interpreten zusammengefunden haben, ist kein ganz kleines Kompliment - weder für die Musik noch für die Künstler.

Der ‚Fürst der Musik’, wie der franko-flämische Komponist Josquin Desprez von seinen Zeitgenossen ehrfürchtig genannt wurde, war nicht nur ein enorm produktiver Künstler – auch wurden die Werke früh und zu seinen Lebzeiten gedruckt, so dass die Kompositionen in relativ großer Zahl überliefert sind. Einer ersten Sammlung von Vertonungen des Messordinariums entstammt die ‚Missa Gaudeamus’, die 1502 beim venezianischen Verleger Ottaviano Petrucci im Druck erschien. In diesem komplexen Werk der Vokalpolyphonie entfaltet Josquin die ganze Meisterschaft des bereits reifen Komponisten: Das musikalische Material der zu Grunde liegenden Antiphon ‚Gaudeamus omnes in Domino’ durchdringt er vor allem intellektuell und eignet es sich mit den vielfältigen Mitteln des auf den Traditionen Ockeghems und Obrechts basierenden durchimitierenden Stils an. Doch deutet sich hier ebenfalls Josquins Individualität an, erlangt er eine eigentümliche Expressivität und findet zu Höhepunkten von besonderer emotionaler Intensität.

Stärker als die vielfältig symbolisch durchwirkte Messe sind die vorwiegend von marianischen Inhalten inspirierten Motetten vom individuellen Gestaltungswillen des kompositorisch Gestaltenden gekennzeichnet: Konzentriert und zugleich frei entfaltet Josquin sein kunstvoll-filigranen Gewebe, formiert er die einzelnen Abschnitte im Wechsel von fließendem Charakter und bewegterer Geste. Vor allem hier zeigt sich die Tendenz zur speziellen, persönlichen Färbung Josquins – im abschließenden ‚Inviolata, integra et casta’ gibt er mit der systematisch aufgebauten Zwölfstimmigkeit beinahe schon einen Vorgeschmack der Klangpracht späterer Zeiten.

Absolut überzeugend

Walter Testolin nimmt sich dieser komplexen und für das heutige Ohr durchaus anspruchsvollen Musik mit einer Mischung aus musikhistorischer Detailkenntnis und einem sicheren Gespür für die wichtigen Hauptelemente der Vokalpolyphonie auf eine überzeugende Weise an. Vor allem macht es diese Aufnahme hörenswert, dass es ihm und seinem famosen Ensemble ‚De Labyrintho’ gelingt, die Musik über die zeitliche Distanz von mehr als einem halben Jahrtausend hinweg wirklich lebendig zu machen und das Artifizielle, Konstruierte der Kompositionen mit einem lebendig-musikantischen Zugriff zu versöhnen. So bleibt dem Hörer eine rein intellektuelle Deutung erspart und wird es den Sängern ermöglicht, ihr enormes Potential zu entfalten: Besonders hervorzuheben sind die wirklich fabelhafte Intonation, die sinnfällige Phrasierung und die auf einem sehr großen Atem aufbauenden, organischen Spannungsbögen. Doch ist auch die musikalische Basis der einzelnen Sänger überzeugend: Alle – häufig solistisch besetzten Register – folgen einem gemeinsamen Klangideal und produzieren über die einzelne Stimme hinaus einen klanglichen ‚Mehrwert’ – beileibe kein Selbstverständlichkeit.

Dass sich für eine herausfordernde Musik absolut geeignete Interpreten zusammengefunden haben, ist kein ganz kleines Kompliment – weder für die Musik noch für die Künstler.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Desprez, Josquin: Missa Gaudeamus

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Stradivarius
1
21.04.2006
Medium:
EAN:

CD
8011570337221


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Stradivarius

Das 1988 gegründete Label STRADIVARIUS hat sich auf dem internationalen Markt als unabhängige Schallplattenfirma durchgesetzt, die vor allem auf zwei musikalische Gattungen spezialisiert ist: klassisch - aus der Renaissance und dem Barock - (mit der Reihe Dulcimer) und zeitgenössisch (mit der Reihe Times Future). Diese programmatische Entscheidung kommt aus dem Willen, eine ganz bestimmte und bezeichnende Rolle im heutigen Schallplattenumfeld zu spielen. Insbesondere hat STRADIVARIUS immer das Ziel verfolgt, den Vorrang italienischen Komponisten und Interpreten zu geben, um die bemerkenswertesten italienischen Kulturdarsteller auf aller Welt kennenlernen zu lassen.

In einem weiten Bereich ist STRADIVARIUS tätig: geistige, säkulare, Vokal-, Instrumental-, Solo-, Kammer- und Orchestermusik. Es gibt viele Beispiele seltener Registrieren, die als außerordentliche Kunstwerke weltweit betrachtet werden, wie zum Beispiel die Serie Un homme de concert, die die Zusammenarbeit mit dem berühmten Sviatoslav Richter offiziell festgelegt hat.

Was das zeitgenössische Repertoire betrifft, ist STRADIVARIUS im Laufe der Jahre, dank der Reihe Times Future, ein Bezugspunkt geworden, indem sie Werke von Franco Donatoni, Salvatore Sciarrino, Bruno Maderna, Goffredo Petrassi, Ivan Fedele, Luis De Pablo, Toshio Hosokawa und viele andere veröffentlicht hat.

Bruno Canino, René Clemencic, Alan Curtis, Emilia Fadini, Monica Huggett, Lucas Pfaff, Arturo Tamayo, Maggio Musicale Fiorentino, Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, Orchestra Verdi di Milano, Orchestre Philarmonique de Radio France, Orquesta y Coro de Madrid: Sie sind nur einige der Musiker und Formationen, die CDs für STRADIVARIUS aufgenommen haben.

Mit der Zeit ist das Bedürfnis entstanden, den Verlegervorschlag weiter zu diversifizieren; dadurch sind wichtige Reihen geboren, und zwar Guitar Collection (unter der Leitung von Frédéric Zigante), Ricordi Oggi (Ergebnis der Zusammenarbeit unter Stradivarius, dem Ricordi Universal Verlag und den Erben des Malers Emilio Tadini) und Milano Musica Festival (in Zusammenarbeit mit Milano Musica und RAI Radio3). Letzte in zeitlicher Reihenfolge ist die Landscape Serie, mit der STRADIVARIUS ihre Bereitschaft beweist, innovative Projekte zu verwirklichen.


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