> > > Bach, Carl Philipp Emanuel: Die Sechs Württembergischen Sonaten
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Bach, Carl Philipp Emanuel - Die Sechs Württembergischen Sonaten

Ungestüme Klaviersonaten der ersten Generation


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dass die Aufnahme über ihre rein interpretatorische Qualität auch noch als audiophile Glanzleistung zu bezeichnen ist, macht so umso attraktiver. Ein Muss für jeden Kenner und Liebhaber.

Carl Philipp Emanuel Bachs ‘Württembergische Sonaten’, entstanden zwischen 1742 und 1744, dürfen als eine der bedeutsamsten Sonaten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelten. Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich der junge Bach von seinem Vater zu lösen vermag, ohne dessen Erbe gänzlich über den Haufen zu werfen; man denke nur an die kontrapunktischen Finessen oder an den schier unerschöpflichen kompositorischen Reichtum, den Carl Philipp Emanuel Bach in diesen Werken an den Tag legt.

Das junge Leipziger Label Genuin schickt nun die ebenfalls junge Pianistin Ana-Marija Markovina mit den ‘Württembergischen Sonaten’ ins Rennen, zusätzlich bekommt man auf einer (ziemlich kurzen) zweiten CD eine Live-Aufnahme des d-Moll-Konzerts für Clavier und Orchester H 427 (Wq. 23) von Carl Philipp Emanuel Bach geboten. Liest man auf dem in edlem, glänzenden Schwarz gehaltenen Booklet, dass Ana-Marija Markovina sich der Sonaten (wie auch dem Konzert) mit einem Bösendorfer-Flügel annimmt, so stellen sich zuerst einmal historische Bedenken ein. In Zeiten, in denen historisch informierte Aufführungspraxis oder zumindest enge Orientierung an ihr zum guten Ton gehört, werden solche Produktionen schnell als Anachronismus abgestempelt. Wer wagt es heute noch, C. P. E. Bach auf einem Konzertflügel zu spielen…? – Dass allerdings historische Angemessenheit nicht primär mit dem Instrumentarium zu tun hat, macht diese Aufnahme auf sinnfällige Art deutlich. Denn Ana-Marija Markovina zaubert aus ihrem Flügel so filigrane, luzide Klänge, dass man kaum seinen Ohren traut. Wie viele Aufnahmen gibt es, bei denen zwar alte Instrumente benutzt werden, aber letztlich so uninspiriert und blechern klingen, dass man gerne mal das Bonmot von der Schreibmaschine hervorzuholen geneigt ist. Hier allerdings wird historisch informierte Aufführungspraxis auf modernem Instrumentarium gezeigt: knackige Akkorde, gestochen scharfe Läufe, kontrapunktische Dichte und alles in unerhörter klanglicher Transparenz und filigraner Klarheit des Satzes.

Flüssige Tempi, pointierte Leichtigkeit

 

Ana-Marija Markovinas Lesart der ‘Württembergischen Sonaten’ macht süchtig. Spätestens beim Finalsatz der einleitenden a-Moll-Sonate H 30 (Wq. 49) wird man überwältigt. Mit ungeheuerlichem Drang nach vorn, aber ohne verhetztes Tempo, geht Markovina das ‘Allegro assai’ an. Wie Blitze fahren die Linien der rechten Hand in die Klangtextur, mit unendlicher Zartheit und leichter Dramatik werden dynamische Steigerungen (etwa im Endteil der Exposition) eingesetzt, so dass der Hörer unweigerlich in den Bann der Musik gerät. Ana-Marija Markovina schafft es, ohne virtuoses Auftrumpfen eine Spannung höchster Intensität zu schaffen. Sie wählt stets genau passende Tempi; in den langsamen Sätzen lässt sie den Flügel singen und gestaltet weit geschwungene Melodielinien. Am eindruckvollsten sind jedoch die schnellen Ecksätze, in denen sie ihre technische Virtuosität in den Dienst einer detailreichen, subtilen und energiegeladenen Deutung stellt. Sie setzt Pointen mit dynamischen Schattierungen, nutzt die angelegte Dramatik (etwa unvermittelte Pausen oder harsche harmonische Wechsel), um Carl Philipp Emanuel Bachs Sonaten in ihrer Fülle von Ausdrucksmomenten erfahrbar zu machen. Fast ohne Pedal musizierend, lässt sie die Dichte des Satzes hörbar werden, achtet jedoch stets auf Durchsichtigkeit der Stimmen und schafft es die Musik mit ihrem Flügel mal zerbrechlich, mal dramatisch, aber stets ausdrucksstark klingen zu lassen. Ein Fest für die Sinne!

Audiophile Qualität

 

An der hervorragenden Gesamterscheinung dieser Produktion hat die klangliche Realisierung entscheidenden Anteil. Selten hört man eine Klavieraufnahme, bei der wirklich jede Kleinigkeit hörbar, jede Schattierung im Dynamischen und in der Anschlagstechnik so direkt abgebildet wird. Man hat den Eindruck, ganz nah am Klavier zu sitzen, hört sogar die leicht dumpfen Geräusche der Filze auf den Saiten. Der Aufnahmeort stellt sich als hervorragende Wahl heraus. Ohne störenden Hall lässt sich diese Musik schnell wechselnder Stimmungen hervorragend genießen.

Dem Label Genuin und Ana-Marija Markovina ist damit eine Meisterleistung gelungen. Die ‘Württembergischen Sonaten’ und das d-Moll-Konzert (bei dem die Sächsische Kammerphilharmonie eine glänzende Figur macht) hört man selten so inspiriert, so reich schattiert, so filigran und doch so dramatisch. Dass die Aufnahme über ihre rein interpretatorische Qualität auch noch als audiophile Glanzleistung zu bezeichnen ist, macht so umso attraktiver. Ein Muss für jeden Kenner und Liebhaber.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Carl Philipp Emanuel: Die Sechs Württembergischen Sonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
2
01.06.2006
Medium:
EAN:

CD
4260036250541


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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