> > > Rossini, Gioacchino: Il Turco in Italia
Dienstag, 2. März 2021

Rossini, Gioacchino - Il Turco in Italia

Freche Komödie - über italienische Ehezustände!


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sehr lebendige Live-Aufnahme von Rossinis Erotik-Knaller ‚Il Turco in Italia’ aus dem italienischen Chieti - mit einer jungen Top-Besetzung, die den Damen Callas und Bartoli starke Konkurrenz macht. Und einen Orchesterklang bietet, der einzigartig gut ist

Zuerst einmal Hütchen ab vor der Leistung des Orchesters Teatro Marrucino di Chieti unter Leitung von Marzio Conti. Ihre Wiedergabe von Rossinis 2-aktiger Buffa ‚Il Turco in Italia’ ist derart federnd, farbig und frech, dass es von Anfang bis Ende ein Genuss ist, der Truppe zuzuhören. Besonders die Holzbläser sind ungewöhnlich präsent und gut von der Aufnahmetechnik eingefangen. Man hört hier Rossinis geniale Instrumentationskunst so deutlich wie selten sonst – ich würde sogar sagen besser als bei Chailly und dem Orchester von La Scala (Decca) oder Marriner mit St. Martin in the Fields (Philips). Was besonders schön ist, sind die bewusst eingesetzten ‚Schmierer’, die das Ganze lebendig machen und dem Sound jenen frivolen Unterton geben, der nötig ist, um diese Geschichte über Ehezustände in Neapel im 19. Jahrhundert glaubwürdig zu machen. Denn was Rossini da vertonte – ein Textbuch von Felice Romani – ist schon starker Tobak: eine verheiratete Frau mit Liebhaber lässt Ehemann und Lover links liegen, als sie einen sexy Türken sieht und sich sofort an ihn ranmacht. Man kann da wohl von einem belcantistischen Beispiel von Nymphomanie sprechen. Dem die restlichen Charaktere in nichts nachstehen, versucht doch der attraktive Türke (Natale De Carolis) dem Ehemann Don Geronio (Massimiliano Gagliardo) die Frau abzukaufen, derweil der Liebhaber Don Narciso (Amedeo Moretti) die Welt nicht mehr versteht. Und zu allem Überdruss (und für die komische Wirkung unerlässlich) taucht auch noch die Ex-Geliebte des Türken auf, eine verstoßene Haremsdame namens Zaida (Damiana Pinti), die sich nun als Zigeunerin ihren Lebensunterhalt verdienen muss. Kurz: es ist herrlichster Slapstick mit starkem Erotikgehalt. Und da kann man nicht nur brav und sauber musizieren, wie’s in den Noten steht, da muss man schon etwas ‚mitgehen’. Das tut der Dirigent vorbildlich. Er versteht es, der live aufgenommenen Aufführung genau den richtigen Biss und Pfiff zu geben, der nötig ist. Ein Musterbeispiel der Rossini Exegese. (Von dem Interpreten der deutschen Spielopern Lortzings viel lernen könnten, was die Interpretation von Werken wie ‚Zar und Zimmermann’ angeht!)

Die Sänger halten das hohe Niveau des Orchesters und sind dank der Liveaufnahme ebenfalls sehr lebendig bei der Sache. Angenehm an ihnen allen ist, dass sie nicht aus anderem Kontext bekannt sind und man sie wirklich in diesen Rollen als ‚Original’ hören kann. Damit ist gemeint: Hört man Callas in der legendären Aufnahme bei EMI oder Bartoli bei Decca, so hört man immer hundert andere Rollen assoziativ mit. Das hat auch seine Vorteile, lenkt aber oft von der hier zur Diskussion stehenden Story ab. Die Fiorilla der Griechin Myrtò Papatanasiu ist dagegen ein diskographisch weitgehend unbeschriebenes Blatt und man kann sie wirklich als Fiorilla erleben, nicht als Fiorilla + Tosca + Lucia + Norma + Traviata. Oder im Fall von Bartoli, ohne die Verweise an die vielen Vivaldi- oder ‚Verbotene Oper’-Alben, an die man angesichts der zahllosen Manierismen der Dame sofort denken muss. Alle Darsteller kommen mit Rossinis reich verzierter Musik gut zurecht, beherrschen den Stil mühelos. Nur sind sie teils nicht ganz so charakteristisch wie die Sänger in der alten EMI-Aufnahme. Außer Natale De Carolis, der einen wirklich hinreißenden Türken spielt. Ein echter Prachtkerl.

Es ist insgesamt ein junges Ensemble, und das hat seine Nachteile in Einzelfällen: Denn so schön es ist, alles frisch und lebendig zu hören – für die Rolle des geprellten Ehemanns Don Geronio braucht man einen älter klingenden Charakterbass, keinen jungen Mann, der genauso attraktiv klingt wie der konkurrierende Türke. Sonst verlieren sich viele der Witze. Und auch ein etwas feurigerer Tenor als Amedeo Moretti wäre hilfreich, um die komischen Wirkungen zu steigern in diesem amourösen Hin und Her.

Trotzdem: Eine insgesamt gelungene Produktion. Und eine willkommene Ergänzung zu den bereits bestehenden Aufnahmen. Die Naxos-Produktion wird Klassiker wie die Callas-Einspielung nicht ersetzen und auch Fans von Bartoli nicht restlos überzeugen. Aber sie ist ein überzeugendes Plädoyer für diese nicht ganz so bekannte Türkenoper des Maestros aus Pesaro – und da hier die ungestrichene Fassung gespielt wird (anders als bei EMI), lohnt die Anschaffung auf alle Fälle, denn nur ungestrichen erlebt man den ganzen Reiz dieses überaus komischen Erotik-Knallers. Und so vulgär wie Papatanasiu und Pinti haben sich schon lange keine Soprane beschimpft wie hier im Finale I. Göttlich und genau wie es sich gehört.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rossini, Gioacchino: Il Turco in Italia

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
14.11.2005
Medium:
EAN:

CD
730099618328


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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