> > > Brahms, Johannes: Sinfonie Nr. 1
Samstag, 24. Oktober 2020

Brahms, Johannes - Sinfonie Nr. 1

Gediegener Brahms


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Am meisten überzeugt die Interpretation der Dritten Sinfonie F-Dur op. 90. Bìlohláveks Handschrift kommt hier am besten zu Tage.

Der angesehene tschechische Dirigent Jiøi Bìlohlávek feiert in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag. Von seiner Plattenfirma Supraphon bekommt er oder vielmehr sein Publikum ein hübsches Geschenk: seine Einspielungen der Brahms-Sinfonien in einer Box zum Sonderpreis, ergänzt durch die beiden Ouvertüren und Brahms’ frühe Serenaden. Aufgenommen wurden die Werke Ende der 1980er und Anfang der 90er Jahre – wer also die Einzel-CDs mit Bìlohláveks Brahms-Interpretationen schon besitzt, braucht sie sich nicht noch mal, nun in dem netten Karton-Schuber, kaufen.

Dunkel leuchtender Orchesterklang

Was die Interpretationen Jiøi Bìlohláveks mit dem Tschechischen Philharmonischen Orchester betrifft, so kann man sie generell als durchaus gelungene, gediegene Deutungen zusammenfassen. Bìlohlávek gehört nicht zu den Dirigenten, die mit neuen Interpretationsansätzen glänzen. Seine Stärke ist es, den Notentext in reich schattierten Klang zu verwandeln. Das zeigt sich schon in der Brahms’ Erster Sinfonie c-Moll op. 68. Sehr dunkel und dramatisch klingt die langsame Einleitung, doch Bìlohlávek schreckt vor allzu viel Ausdruck zurück. Hört man im Vergleich die kürzlich erschienene, von Genauigkeit bezüglich des Notentextes und ausdrucksstarker Vehemenz durchdrungene Aufnahme Michael Gielens, so merkt man alsbald, woran es dem tschechischen Dirigenten mangelt: an Mut. Jiøi Bìlohlávek zaubert zwar aus dem Tschechischen Philharmonischen Orchester einen sehr reichhaltigen, gut ausgehörten Klang, doch fehlt einfach der Biss. So verschenkt Bìlohlávek etwa auch den genialen Effekt im Finale, wenn Brahms spontan einen Gang hoch schaltet. Hier wird das Tempo schon zuvor leicht angezogen, wodurch die mitreißende Wirkung ein gutes Stück verloren geht. Die ‘Variationen über ein Thema von Haydn’ op. 56a gelingen Bìlohlávek besser, denn hier geht es weniger um ein tiefschürfendes Seelengemälde wie bei der Ersten Sinfonie als vielmehr um die Erprobung orchestraler Techniken. Das Orchester zeigt sich hier sehr beweglich, die Instrumentengruppen sind fein abgestimmt. Leider bleibt aber auch hier Bìlohlávek mehr oder weniger bei einer Grundstimmung. Die subtilen Farbveränderungen und Instrumentationsfeinheiten, die etwa ein Celibidache herauspräparierte, bleiben hier ein wenig auf der Strecke.

Dramatischer Impetus in der F-Dur-Sinfonie

Am meisten überzeugt die Interpretation der Dritten Sinfonie F-Dur op. 90. Bìlohláveks Handschrift kommt hier am besten zu Tage. Voller Energie lässt der Dirigent seine Musiker den ersten Satz von vorn bis hinten als einen ununterbrochenen Strom gestalten. Seine Deutung ist von rhythmischer Prägnanz und leidenschaftlicher Verve geprägt; alle Instrumente werden zu einem Kollektiv geformt, das Brahms’ Drängen und Schieben mitreißend gestaltet. Vor allem der dritte Satz ‘Poco allegretto’, sonst eher wie Hintergrundmusik zu einem entspannenden Schaumbad klingend, wird von aller wohligen Patina befreit. Mit dunklen Farben malt Bìlohlávek einen Satz, der sich bestens in den Gesamtverlauf der Sinfonie einreiht.

Die Deutungen der Zweiten Sinfonie D-Dur op. 73 wie auch der Vierten Sinfonie op. 98 sind durchaus gelungen. Jiøi Bìlohlávek zeigt hier jedoch wenig eigene Ideen. Der Orchesterklang ist meist sehr voll und gut abgestimmt, doch man vermisst ein wenig Trennschärfe der einzelnen Stimmen. Manche Phrasen machen eher den Eindruck, als ob sie sich in den sinfonischen Fluss hineinschlichen. Hörbar zu machen wo eine Phrase in einem Instrument aufhört und von einem anderen aufgegriffen wird, ist nicht Bìlohláveks Sache. Ihm scheint es darum zu gehen, die einzelnen Sätze flüssig zu musizieren, ohne spannungsarme, klanglich dünne Löcher entstehen zu lassen.

Vollmundiger Klang

Diese interpretatorische Grundhaltung Bìlohláveks wird unterstütz durch eine Aufnahmetechnik, die vor allem auf den Gesamtklang des Orchesters ausgerichtet ist, nicht auf Transparenz der Einzelstimmen. Bezüglich Durchsichtigkeit sind die (neueren) Aufnahmen der beiden Serenaden opp. 11 und 16 besser gelungen. Aber auch die anderen können für sich einnehmen. Denn das Jiøi Bìlohlávek mit dem Orchester umgehen kann, zeigt er hier zweifellos. Dennoch vermisst man ein wenig eigene Ideen und den Mut zu Dramatik. Man denke an den Einsatz der Pauke in der Ersten Sinfonie. Da muss es einfach ein wenig mehr rumpeln im Prager Rudolfinum.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sinfonie Nr. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
4
24.03.2006
Medium:
EAN:

CD
099925386825


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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