> > > Brahms, Johannes: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2
Dienstag, 20. Oktober 2020

Brahms, Johannes - Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Zwei tschechische Geburtstagskinder und Brahms’ Klavierkonzerte


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Und dass Moravec zu den fabelhaftesten Gestaltern unserer Zeit gehört, ohne sich durch zur Schau gestellte Virtuosität in den Vordergrund spielen zu müssen, merkt man auch an diesen Einspielungen.

In den Reihen des tschechischen Labels Supraphon gab und gibt es allerhand zu feiern. Letztes Jahr den 75. Geburtstag des Pianisten Ivan Moravec, dieses Jahr den 60. von Jiří Bělohlávek. Was liegt da näher, als beide mit einem besonderen Geschenk zu bedenken, das beiden in gleicher Weise gilt: eine Wiederauflage der beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms. Entstanden sind die Einspielungen schon vor längerer Zeit, 1989 diejenige des Ersten Klavierkonzerts d-Moll op. 15, ein Jahr früher wurde das Zweite Klavierkonzert B-Dur op. 83 aufgezeichnet.

Schlicht und zurückhaltend

Ivan Moravec, lange Zeit als Geheimtipp gehandelt, startete in den letzten Jahren so etwas wie eine Alterskarriere – vergleichbar etwa mit dem Lebenslauf Günter Wands. Seine Einspielungen der Mozart-Konzerte wurden weithin gelobt, doch viele jüngere Hörer schienen sich nicht sehr dafür zu interessieren. Wahrscheinlich, weil die Begleitung Sir Neville Marriner übernahm; dessen Interpretationen werden in der jüngeren Hörerschaft gerne von einem milden (aber eigentlich spöttischen) Lächeln erwidert, lassen sie doch oft die Kantigkeit und Schärfe moderner, historisch informierter Aufführungspraxis vermissen. Die hier eingespielten Brahms-Konzerte nahm der zurückhaltende Moravec aber mit seinem Landsmann Jiří Bělohlávek, einem derzeit international gefragten Dirigenten, auf.

Mit Weichzeichner

Was Bělohláveks Interpretationshaltung betrifft, ließe sich in etwa das gleiche sagen wie zu seinen Einspielungen der Brahms-Sinfonien. Er führt das Tschechische Philharmonische Orchester sicher durch die anspruchsvollen Partituren, aber irgendwie vermisst man in den wirklich dramatischen Stellen den letzten Biss. Der Anfang des Ersten Klavierkonzerts kommt zwar kraftvoll, aber etwas undifferenziert daher. Die Geigen könnten durchaus ein wenig besser aufeinander abgestimmt sein und deutlicher phrasieren. Es wirkt ein wenig saucig, was Bělohlávek da produzieren lässt. Auch der Klang kann nicht überzeugen; er macht einen dicken, aber nicht voluminösen Eindruck. Am besten scheinen Bělohlávek jene Stellen zu gefallen, in denen er ein wenig Weichzeichner einsetzen kann: wenn es nicht so dramatisch zugeht wie am Anfang, sondern die Linien sich kantabel ausschwingen, grundiert von einem wogenden Klangteppich.

Moravec dagegen schafft es, das Hauptthema mit dramatischer Energie zu erfüllen. Manchmal hat man den Eindruck, er schafft es, Bělohlávek und das Orchester ein wenig mitzureißen, etwa am Beginn der Durchführung, doch die Energie kann sich doch nie richtig entfalten. Auch Moravec scheinen die lyrischen Passagen viel eher zu liegen als der rhythmische Impetus. In diesen sanglichen Inseln finden Moravec und das Orchester zu einer gemeinsamen Stimme. Doch wenn es wieder etwas kraftvoller wird, klingt das Tschechische Philharmonische Orchester wieder klobig und verhangen. Typisch sind auch die Horneinsätze im ersten Satz, die ein wenig klingen, als ob sich die Musiker hinter einem Vorhang versteckt hätten. Im 'Adagio' können dann Dirigent, Orchester und Pianist ihre Fähigkeiten voll entfalten. Auch hier fehlt es Bělohlávek bei der anfänglichen Streicherbewegung an Einfällen zu interessanter Phrasierung, doch Moravec schafft es durch seinen hauchzarten Einsatz, völlig für sich einzunehmen. Er lässt das Klavier singen, leise weinen, verzögert minimal den Bewegungsfluss, bringt hellere Farben in die verhangene, dunkle Atmosphäre. Trocken und mit etwas grobschlächtigem Humor geht Moravec das Rondo-Finale an, um im Laufe des Satzes durch seine überragenden pianistischen Fähigkeiten zu überzeugen.

Lyrische Ströme

Viel besser ist im direkten Vergleich die Einspielung des Zweiten Klavierkonzerts gelungen. Das Orchester wirkt hier differenzierter. Jiří Bělohlávek schafft es gut, den lyrischen, warmen Grundton des B-Dur-Konzerts in Klang umzusetzen. Die reiche Palette an Klangkombinationen wird effektvoll ausgenutzt. Dass es Moravecs Ziel nicht ist, nur die weichen Seiten des Konzerts zu betonen, zeigt schon sein erster solistischer Einsatz. Mit knackigen Akkorden donnert er los, um die Tutti-Version des zögerlichen Anfangsthemas freizusetzen. Doch auch das B-Dur-Konzert zerfällt ein wenig in starke Gegensätze, die nur leicht vermittelt sind: auf der einen Seite donnernde Dramatik, auf der anderen perlende Ornamentik, Zwischenfarben gibt es nicht so viele.

Kann sein, dass das auch an der Klangtechnik liegt. Das Klavier klingt bei weitem nicht so differenziert wie man das aus anderen Aufnahmen mit Moravec kennt. Und auch das Orchester wurde nicht optimal eingefangen. Die Streicher wirken seltsam belegt, der Tutti-Klang kommt klotzig daher. Auch die dynamische Nuancierung könnte durchaus besser sein. (Man höre da nur mal zum Vergleich die 1961 bzw. 1963 veröffentlichten, viel transparenteren Aufnahmen mit Carlo Maria Guilini und Claudio Arrau.)

Trotzdem zeigen die beiden Tschechen hier, dass sie den nötigen Atem für diese großen Konzerte haben. Und dass Moravec zu den fabelhaftesten Gestaltern unserer Zeit gehört, ohne sich durch zur Schau gestellte Virtuosität in den Vordergrund spielen zu müssen, merkt man auch an diesen Einspielungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Brahms, Johannes: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Supraphon
2
Medium:
EAN:

CD
099925386528


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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