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Samstag, 22. Januar 2022

Ysaye, Eugène - Chant d´ hiver

Klangzauber mit bedauerlichen Einbussen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als idealer Interpret für diese Musik erweist sich der Geiger Albrecht Laurent Breuninger.

Seit über einem Jahrzehnt macht sich die Classic Production Osnabrück (cpo) vor allem dadurch einen Namen, dass sie immer wieder voller Engagement weniger bekannte Regionen der Musikgeschichte durchforstet und dabei viel Hörenswertes zu Tage gefördert. Zu den diskographischen Entdeckungen dieser Art gehört auch die konzertante Musik des belgischen Komponisten und Geigers Eugène Ysaÿe (1858-1931). An der Schwelle zur Moderne stehend, gilt Ysaÿe als Vollender eines Vortragsstils, der für das Violinspiel im 19. Jahrhundert von entscheidender Bedeutung war. In der Personalunion von Interpret und Komponist hat er die Fäden verschiedener Traditionen zu einer Musik verknüpft, in der die violintechnischen Errungenschaften der franko-belgische Schule mit kompositorischen Elementen wie der Harmonik und der Klangfarbenbehandlung des Fin de siècle zu einer höchst individuellen Synthese gebracht sind. Dass Ysaÿes Werke mit Ausnahme der sechs Sonaten für Violine solo op. 27 im gegenwärtigen Konzertbetrieb eine eher untergeordnete Rolle spielen, hängt wohl weniger mit der Musik selbst zusammen als mit den Anforderungen, die sie an die Ausführenden, allen voran an den Solisten stellt.

Klanggewebe

Die Einspielung widmet sich zum größten Teil jenen lyrischen konzertanten Einzelsätzen - dem „Poème élégiaque“ op. 12, dem „Chant d’hiver“ op. 15, der „Berceuse“ op. 20, der Komposition „Les neiges d’antan“ op. 23 und dem zweiteiligen Divertimento op. 24 -, für die Ysaÿe von Zeitgenossen wie Ernest Chausson und César Franck hoch geschätzt wurde. Kombiniert werden sie mit dem frühen Violinkonzert Nr. 8, einem schwärmerischen Jugendwerk, das als einzige erhaltene Werk dieser Gattung der späteren Vernichtung durch den Komponisten entgangen ist. Insbesondere in den einsätzigen Stücken offenbart sich Ysaÿes hohe Kunst, die Mittel einer überraschend vielfarbigen, differenziert angewandten Instrumentationskunst zum Aufbau unterschiedlichster Stimmungen zu nutzen, in die der Solist mit seinem technisch höchst anspruchsvollen Part wie der Erzähler einer Geschichte eingebettet ist.

Als idealer Interpret für diese Musik erweist sich der Geiger Albrecht Laurent Breuninger: Mit balladenhaftem Ton folgt er den narrativen Strukturen des Komponierten, artikuliert die expressiven Melodielinien und fein ziselierten Arabesken förmlich im Sprachtonfall und besticht dabei mit einer interpretatorischen Gratwanderung zwischen brillanter Virtuosität und sanfter Zurücknahme des Spiels. Die hohen technischen Anforderungen bewältigt er meist mit Bravour und vermag ihnen zudem auch jenen Anschein von Leichtigkeit zu verleihen, der ganz wesentlich zur stimmungsvollen Atmosphäre der Werke beiträgt. Darüber hinaus ist sein Ton sehr variabel und passt sich gekonnt den Klangfarben des Orchesters sowie der sich ständig veränderten klanglichen Balance an.

Unter Leitung von Welisar Gentscheff siedeln die Musiker der Nordwestdeutschen Philharmonie die Stimmungsumschwünge von Ysaÿes Kompositionen zwischen stellenweise seltenen massiven Ausbrüchen und fein zurückgenommenen, sphärisch anmutenden Klangfeldern an. Weniger schön sind die manchmal grob gestalteten Forte-Passagen, die zudem auch unter einem rhythmisch unpräzisen Spiel der Instrumentalisten leiden. Trotzdem herrscht immer ein gehöriges Maß an dynamischer Flexibilität, so dass die Solovioline selbst dort nie in den Hintergrund gedrängt wird, wo sie musikalisch in die Melodiefäden der Orchesterinstrumente eingebettet ist oder mit einzelnen Solostimmen aus dem Orchester dialogisiert. Zu den besonders schönen und überzeugendsten Momenten gehören neben den zarten Klangfarbenschleiern am Ende von „Les neiges d’atan“ das fein ausgearbeitete Wechselspiel zwischen Solist und Streichorchester im Violinkonzert, das in gemeinsamen Atembögen wellenförmig an- und abschwillt und dabei über große Distanzen hinweg Spannung aufbaut.

Einbußen

Ein heikler Stolperstein bleibt allerdings die Intonation, die bei Breuninger innerhalb einiger besonders schwieriger Passagen nicht immer zufriedenstellend ausfällt. Schlimmer ist jedoch, dass auch die Orchestermusiker den Problemen der Intonation nicht gewachsen sind und vor allem in harmonisch komplexen Passagen immer wieder durch unreines Spiel auffallen. Dadurch erfährt nicht nur das Klangbild gelegentlich starke Eintrübungen, sondern der Solist verliert zuweilen gar die harmonische Stütze für sein eigenes Spiel. An einzelnen Stellen des „Poème élégaique“ und besonders im finalen Abschnitt des Divertimentos führt dies letzten Endes zu sehr unschönen Ergebnissen.

Die Veröffentlichung hat zudem weitere Mankos: Die klangtechnische Umsetzung ist nicht immer überzeugend und wirkt vielfach im Hinblick auf den Orchesterklang stumpf sowie bezüglich der Klangtiefe undifferenziert. Nimmt man noch die Schwächen in Intonation und Präzision hinzu, hat es gar den Anschein, als seien für die Mehrzahl der Kompositionen Live-Mitschnitte von mäßiger Aufnahmequalität benutzt worden, deren problematische Aspekte durch die Post-Produktion nur unzureichend verdeckt werden konnten. Ein entsprechender Hinweis darauf fehlt jedoch. Auch Niveau des CD-Booklets lässt zu wünschen übrig: An Stelle eines fundierten Essays, der in Leben und Werk Ysaÿes einführt, findet sich ein eher kurzer, schlecht editierter Text Breuningers, der Angelesenes und Anekdotisches aneinander reiht ohne wirklich in die Tiefe zu gehen und zudem zahlreiche Druckfehler enthält.

Der Eindruck der Veröffentlichung ist also durchaus ambivalent: Einerseits handelt es sich trotz ihrer Schwächen um eine sehr verdienstvolle Produktion, die sich zum Fürsprecher eines ganz zu Unrecht aus dem Musikleben verdrängten Komponisten macht und eine große Repertoirelücke ausfüllt; andererseits verdeutlicht die CD aber zugleich, dass die adäquate Realisierung von Ysaÿes Kompositionen höchste Ansprüche an alle Ausführenden stellt, die hier zumindest teilweise nicht eingelöst werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ysaye, Eugène: Chant d´ hiver

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
cpo
1
20.02.2006
77:00
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0761203705122
7770512


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Ysaÿe, Eugène
 - Poème élégiaque op. 12 -
 - Chant d´ hiver op. 15 in B-moll -
 - Berceuse op. 20 in f-moll -
 - Les neiges d´ antan -
 - Violinkonzert Nr. 8 - Grave e lento-poco-maesto
 - Violinkonzert Nr. 8 - Andante non troppo
 - Violinkonzert Nr. 8 - (without heading)
 - Divertimento op. 24 - Molto moderato
 - Divertimento op. 24 - Allegro non troppo, vivo


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Dirigent(en):Gentscheff, Welisar
Orchester/Ensemble:Nordwestdeutsche Philharmonie
Interpret(en):Breuninger, Albert


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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