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Donnerstag, 9. Dezember 2021

Ries, Ferdinand - Klaviersonaten

Ein grosser Schüler


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die versierte Musikerin beweist hierbei durch ihren nuancierten und farbenreichen Vortrag ein außerordentliches Gespür für die sowohl harmonisch als auch melodisch komplex gestalteten Werke.

Der Bonner Komponist Ferdinand Ries ist als Beethoven-Epigone in die Musikgeschichte eingegangen. Von seinen Zeitgenossen lange sehr geschätzt wurde er von der Nachwelt schnell vergessen. Noch zu Lebzeiten musste er mit ansehen, wie er als einfallsloser Nachahmer abgestempelt wurde. So starb er, wenn auch nicht komplett verarmt, so doch in bescheidenen Verhältnissen, verbittert und verkannt. Doch es genügt ein Blick in seinen weitgefächerten Werkkatalog, und man sieht einen vielseitig interessierten Musiker, der sich in allen wichtigen Gattungen seiner Epoche auskannte und mit den musikalischen Konventionen der Zeit umzugehen wusste.

Ries wurde 1784 in Bonn geboren. Sein Vater war als Geiger an der dortigen Hofkapelle angestellt und unterrichtete nebenher als Musiklehrer nicht nur seinen kleinen Sohn, sondern auch den jungen Beethoven. Doch schon mit zehn Jahren musste Ries seine musikalischen Studien alleine und autodidaktisch fortsetzen, denn der Einmarsch der französischen Revolutionsarmee zwang seinen Vater nach der Auflösung der Kapelle, als Gutspächter und Steuereinnehmer zu arbeiten. Ries begann deshalb sich das Komponieren selbst beizubringen. Alles, was er an Noten bekommen konnte studierte er höchst gewissenhaft und betätigte sich als Notenkopist. So lernte er unter anderem die Streichquartette von Haydn und Mozart kennen und schätzen. Nachdem er einige Zeit in München gelebt hatte, machte er sich auf, um Beethoven in Wien zu besuchen. Dieser empfing ihn herzlich obwohl er ihm erst von der Reise abgeraten hatte, da die Stadt von angehenden Virtuosen und Komponisten überfüllt sei. Nachdem Ries sich aber doch auf den Weg in die österreichische Hauptstadt gemacht hatte, stellt Beethoven ihn als Notenkopist und Sekretär vier Jahre lang ein. Im Gegenzug bekam Ries von ihm Klavierunterricht. In Komposition hingegen wurde er von Johann Georg Albrechtsberger unterwiesen, der damals als bester Kompositionslehrer Wiens galt. Beethoven hielt viel von seinem eifrigen Schüler und ließ ihn vielfach öffentlich mit seinen Klavierkonzerten auftreten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Klavier einen bedeutenden Part im Schaffen von Ries einnimmt. In seinen Klaviersonaten wurde er sehr von seinem Lehrer beeinflusst und erweiterte die von Beethoven eingeführte Viersätzigkeit zu einem ganzen Satz-Zyklus.

Die Sonate op.9, Nr.1 beginnt er mit einem dynamisch akkordlastigen Auftakt, der keine eigentliche thematische Bildung aufweist. Es folgt ein bunter Reigen von zwölf Variationssätzen, die zwischen diffusem Passagenwerk und thematischer Arbeit schwanken. Einen wirklichen Kontrast bietet dazu das düster anmutende Menuett, welches eine stark kontrapunktische Struktur aufweist und das gewachsene historische Interesse seiner Generation widerspiegelt.

Die ‘Grand Sonate Fantaisie L'infortuné’ op.26 entstand, während einer etwas unglücklichen in Paris verbrachten Zeit. Da der von ihm erhoffte Erfolg in der französischen Hauptstadt ausblieb, musste Ries schon bald wieder nach Wien zurückkehren, ohne internationale Erfolge vorweisen zu können. So ist dann auch die Sonate geprägt von unruhigem, melancholischem Gestus. Das nahezu statisch wirkende Seitenthema wird durch eine orgelpunktartig pulsierende Achtelbewegung aufgebrochen, welche das Thema vor sich herzutreiben scheint. Besonders interessant in formaler Hinsicht ist der tastend, mehrmals harmonisch in die Irre führende Einsatz der Reprise, welche zweimal von Fragmenten der langsamen Einleitung unterbrochen wird.

Die Pianistin Alexandra Oehler hat diese beiden Sonaten zusammen mit zwei kleinen Andantini für cpo neu eingespielt. Die versierte Musikerin beweist hierbei durch ihren nuancierten und farbenreichen Vortrag ein außerordentliches Gespür für die sowohl harmonisch als auch melodisch komplex gestalteten Werke. Mit wohl dosiertem Anschlag geht sie auf die vielen schnellen überraschenden Richtungswechsel ein, ohne auf virtuose Brillanz zu verzichten. Sie seziert die Stücke analytisch genau mit klarem Blick für die Tiefe und eröffnet dabei dem Hörer ungeahnte Klangwelten eines zu Unrecht Vergessenen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ries, Ferdinand: Klaviersonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
1
20.02.2006
01:00:23
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0761203713622
777 136-2


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Ries, Ferdinand
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Allegro
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Tempo di Menuetto ma molto moderato
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Thema con variazioni. allegretto
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Variazioni 1
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Variazioni 2
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Variazioni 3
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Variazioni 4
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Variazioni 5
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Variazioni 6
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Variazioni 7
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Variazioni 8
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Adagio
 - Große Sonate Fantasie L´ infortuné - Adagio con espressione-Allegro molto agitato
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Andante- attaca
 - Große Sonate op. 9 in D- Dur - Finale. Presto
 - Andantino from Sonatina op. 5,1 -
 - Andantino from Sonatina op. 5,2 -


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Interpret(en):Oehler, Alexandra


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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