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Mittwoch, 1. April 2020

Toch, Ernst - Die gesamten Symphonien

Hochexpressives sinfonisches Spätwerk


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine weitere Meistertat des Schatzgräbers!

Alun Francis, einer der neugierigsten Dirigenten unserer Zeit, scheint ein Faible zu haben für Wiener Komponisten des 20. Jahrhunderts, die in der Zeit ihrer Emigration alle Nostalgie, Enttäuschung und Energie in sinfonische Werke höchster Komplexität stecken. So etwa für Karl Weigl, dessen Konzertwalzer ‘Old Vienna’ Alun Francis mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin einspielte. Oder eben für Ernst Toch, einen Komponisten, der zu den bedeutendsten Sinfonikern der Mitte des 20. Jahrhunderts gehört – was diese Aufnahmen eindrücklich unter Beweis stellen.

Mit der Dreier-Box aus dem Hause CPO hält man nun die Gesamteinspielung der Sinfonien Ernst Tochs in den Händen, eine Glanztat in der Diskographie von Francis (der auch schon 2000 für die Kompletteinspielung der Sinfonien Darius Milhauds den Cannes Classical Award abstaubte).

Ernst Toch gehörte während der Weimarer Republik zu den festen Größen des deutschen Musiklebens. Nicht weniger als 35 Werke schuf der Autodidakt, der sich das kompositorische Handwerk zuallererst durch das Abschreiben von Mozart-Streichquartetten aneignete, zwischen 1919 und 1933. Umso erstaunlicher ist, dass Toch bereits in seinen frühen Werken zu einer eigenständigen Stimme fand, auch wenn seine Kritiker ihn als Eklektiker bezeichnen, der sich bei Hindemith, Prokoviev, Strawinsky und Schostakowitsch bedient hätte. Nach der Emigration in die USA, wo er schließlich in Los Angeles landete, fand er sich isoliert, da für seine moderne Musik zunächst kaum Platz war – außer beim Film: Toch galt als Geheimtipp für Verfolgungs- oder Horror-Szenen. Nach dem Krieg und nach einer tiefen gesundheitlichen Krise arbeitete Toch ab 1948/49 wie verrückt, um alle Angst, Enttäuschung, Entbehrung und Verzweiflung aus sich heraus zu schreiben. In den folgenden 16 Jahren entstanden seine sieben Sinfonien.

Formaufbruch und kammermusikalischer Satz

Alun Francis und das Radio-Sinfonieorchester Berlin widmen den fast nie zu hörenden Werken alle Aufmerksamkeit und Energie. Man ist erstaunt, wie Francis sein Orchester für diese unbekannten Werke zu begeistern versteht. Mit ungeheuerer Leidenschaft gehen die Musiker zu Werke, um den expressiven Gehalt der Sinfonien bestmöglich auszudrücken. Eine besondere Faszination geht von dem Farben- und Abwechslungsreichtum dieser Werke aus. Toch instrumentiert nicht impressionistisch, er nutzt nicht die schillernde Farbenpalette des gesamten Orchesters, sondern durchsetzt seine sinfonisch gestalteten Sätze mit kammermusikalisch wirkenden Passagen. Das Ergebnis ist eine zuweilen recht aparte Klanglichkeit, wenn z.B. wie in der Zweiten Sinfonie op. 73 (1951) zwei Harfen mit vierhändig gespieltem Klavier und Solo-Violine kombiniert werden. In der Dritten Sinfonie op. 75 (1955), ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis, fügt Toch gar eine Hammond-Orgel, Glaskugeln und ‘Hisser’ (Pressluftflasche, aus der Luft entweicht) zu dem Orchester hinzu. Er erschafft damit eine Klanglichkeit, die im zweiten Satz fast wie eine transzendierte Variante von Celesta-Klangflächen erscheint.

Francis stellt die Dramaturgie der Sätze vorbildlich dar. Plötzliche Einschübe, wie im ersten Satz der Ersten Sinfonie op. 72 (1950) wirken eher wie schicksalhafte Einbrüche. Die keinem traditionellen Formverlauf folgenden Sätze werden von Alun Francis sehr kompetent und vor allem detailgenau und spannend nachgezeichnet. Francis meistert die schwierige Aufgabe, das ständig weiterentwickelte, dichte motivische Geflecht deutlich zu machen. Stets behält Francis den Überblick über die komplexen Satzstrukturen und führt das fabelhaft disponierte mit fester Hand durch das Dickicht. Auch die humoristischen Passagen kommen hier nicht zu kurz; oft erweist sich das vordergründig lustige nach und nach als bitterböse Satire. An solchen Stellen ist Toch Schostakowitsch sehr nahe, doch immer behält er seinen eigenen Ton.

Energisches und leidenschaftliches Spiel

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin erreichte bei den Aufnahmen mit Alun Francis Sternstunden der Diskographie. Die Musiker modellieren jedes Detail mit höchster Liebe und Präzision, technisch agiert das Orchester hervorragend. Die Instrumentengruppen wirken sehr ausgeglichen, vor allem die kammermusikalischen, lichten Passagen sind in der Zurücknahme der Mittel höchst expressiv gestaltet. Besonders delikat wirken manche Einsprengsel Wiener Klänge oder funkelnde, glitzernde Harfen-Arpeggios, bei denen man unweigerlich an Filmmusik denken muss. Alun Francis schafft es jedoch, diese ‘fremden’ Zutaten organisch in ein sinfonisches Ganzes einzubetten.

Klanglich lassen die Aufnahmen keine Wünsche offen. Das Orchester klingt sehr präsent, das Klangbild ist breit und differenziert angelegt. Vor allem die Transparenz des Satzes macht diese Einspielungen zu einem Hochgenuss, denn man kann die Sinfonien nicht nur in ihrer Breite hören, sondern auch in der Tiefe, in der Detailstruktur, da Francis und das Rundfunk-Sinfonieorchester das motivische Dickicht sehr subtil und mit höchster Akribie beleuchten – vom Farbenglanz der effektvollen Instrumentation ganz zu schweigen.

Alun Francis und dem Radio-Sinfonieorchester Berlin gelingt es damit, eine Einspielung der Sinfonien Ernst Tochs zu präsentieren, die leidenschaftliches, energisches und farbenreiches Spiel mit höchstem Ausdruck verbindet. Eine weitere Meistertat des Schatzgräbers!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Toch, Ernst: Die gesamten Symphonien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
cpo
3
20.02.2006
03:15:47
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0761203719129
7770191-2


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Toch, Ernst
 - Symphonie Nr. 1 - Molto tranquilo
 - Symphonie Nr. 1 - Allegro molto
 - Symphonie Nr. 1 - Langsam, zart
 - Symphonie Nr. 1 - Allegro non troppo
 - Symphonie Nr. 4 - Molto dolce, molto tranquillo, molto equalmente
 - Symphony Nr. 4 - Text 1- Lively
 - Symphonie Nr. 2 - Allegro fanatico
 - Symphony Nr. 2 - Sehr leicht, huschend, schattenhaft
 - Symphonie Nr. 2 - Adagio
 - Symphonie Nr. 2 - Allegro
 - Symphonie Nr. 3 - Molto adagio
 - Symphonie Nr. 3 -
 - Symphonie Nr. 3 - Allegro impetuoso
 - Symphonie Nr. 5 - Slow
 - Symphonie Nr. 5 - Molto tranquilo
 - Symphonie Nr. 6 - Allegro commodo
 - Symphonie Nr. 6 - Molto grazioso e leggiero throughout
 - Symphonie Nr. 6 - Allegro energico
 - Symphonie Nr.7 - Molto lente
 - Symphonie Nr. 7 - Allegro giocoso
 - Symphonie Nr. 7 - Allegro resoluto


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Dirigent(en):Francis, Alun
Orchester/Ensemble:Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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