> > > Stephan, Rudi: Die ersten Menschen
Sonntag, 29. März 2020

Stephan, Rudi - Die ersten Menschen

Süffiges Erotikdrama


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Aufnahme unter Karl Anton Rickenbacher mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin weidet sich an den genannten Charakteristika von Stephans Musik.

Wenn von zu früh verstorbenen Komponisten die Rede ist, fällt immer der Name Rudi Stephans. Er reiht sich ein in die Reihe von Julius Reubke, Hans Rott oder Norbert Burgmüller. Doch während die ihrem Lebenswandel oder einfach heimtückischen Krankheiten erlagen, hatte Stephan sein Schicksal selbst in der Hand. Als er sich im Taumel einer ganzen Nation freiwillig zum Einsatz im 1. Weltkrieg meldete, war der Krieg ein Spiel, ein Abenteuer und man dachte, bald wieder bei Mutter und Freundin zu sein. Zwei Wochen nach seinem Einberufungsbefehl traf ihn russischer Scharfschütze. Stephan wurde 28 Jahre alt. Sein musikalischer Nachlass fiel 1945 einer Fliegerbombe in Worms zum Opfer. Wenig überlebte. Das Wenige zeichnet das Bild eines sehr viel versprechenden Komponisten, sein Komponieren erinnert an dasjenige Franz Schrekers oder an den hochromantischen Schönberg. Es ist voller süffiger Klänge, voller Fin de siecle-Aplomb, orchestrieren konnte Stephan meisterlich.

Hauptwerk

Sein letztes großes Stück, zugleich sein Hauptwerk, die 1915 vollendete Oper ,Die ersten Menschen’, legt von dem Versprechen, das dieser Musiker gab, Zeugnis ab. Es ist kein religiöses Oratorium, wie der auf die Genesis anspielende Titel vermuten lassen könnte. Die Vorlage von Otto Borngräber ist voller erotischer Anspielungen. Chawa (Eva) begehrt in fortgeschrittenem Alter noch einmal ihren Adahm. Doch der kriegt, salopp formuliert, keinen mehr hoch. Also trifft die weibliche Leidenschaft in Ermangelung weiterer Alternativen und auf Grund der Ähnlichkeit mit dem jungen Adahm ihre Söhne Kajihn und Chabel. Der Brudermord ist bei Borngräber Folge des Begehrens zwischen Chawa und Chabel, auf das Kajihn angewidert, aber auch eifersüchtig reagiert und die Keule zückt.

Solche Geschichten sind zu Beginn des Jahrhunderts, als Sigmund Freunds obsessive Menschenbilder längst in die Kunst einzufließen begannen, nichts Ungewöhnliches. Für heutige Hörer wirken sie hingegen altbacken. ,Die ersten Menschen’ sind damit auch eine Art Zeitoper, für die man das Verständnis erst entwickeln muss, weil es nicht von vorne herein vorhanden ist. Ob Rudi Stephans Musik den Zugang zu diesem Erotikdrama erleichtert, kann man bezweifeln. Seine Tonsprache, vor allem seine Orchesterbehandlung ist großartig, aber wie bei vielen Opern Schrekers erschwert die Schwülstigkeit, die pathetische, meist in gemessenem Tempo vorwärts strebende deklamatorische Gesangslinie den Zugang. Auch erreicht Stephan nicht die vielfarbigen Dimensionen von Schrekers Musik, etwa des ,Fernen Klangs’ aus dem Jahr 1912.

Hochdramatisch

Die Aufnahme unter Karl Anton Rickenbacher mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin weidet sich an den genannten Charakteristika von Stephans Musik. Rickenbacher dirigiert eher langsame Tempi, die guten Sänger, Gabriele Maria Ronge als Chawa und Siegmund Nimsgern als Adahm, Florian Cerny als Kajihn und Hans Aschenbach als Chabel bekommen viel Gelegenheit zu hochdramatischer, vibratobeschwerter Stimmdarstellung. Die Tontechnik gibt dem Orchester Hallraum, der seine Größe noch unterstreicht, aber manches klangliche Ereignis einebnet.  

Kaum vorstellbar bleibt die szenische Realisation der Oper. Das Geschehen ist kaum bühnentauglich, würde ein anstrengendes Herumstehen provozieren und eher langweilen. Die vorliegende Liveufnahme geht zurück auf konzertante Aufführungen im Konzerthaus Berlin im November 1998. Warum man bis heute auf eine Veröffentlichung warten musste, bleibt ein Geheimnis.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Stephan, Rudi: Die ersten Menschen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
2
20.02.2006
01:51:58
1998
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0761203998029
999 980-2


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Stephan, Rudi
 - Die ersten Menschen - Aufzug 1
 - Die ersten Menschen - Aufzug 2


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Dirigent(en):Rickenbacher, Karl Anton
Orchester/Ensemble:Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Interpret(en):Nimsgern, Siegmund
Ronge, Gabriele Maria
Cerny, Florian
Aschenbach, Hans


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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