> > > Genzmer, Harald: Musik für Harfe und Violincello
Samstag, 22. Januar 2022

Genzmer, Harald - Musik für Harfe und Violincello

Von Schwänen inspiriert


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Insgesamt ergibt sich ein zuweilen spannender, manchmal auch leidenschaftlicher Streifzug in eine ganz eigene Musik, welche bereits durch ihre Besetzung auffällt.

Harfe und Cello – das klingt nach romantischen Stunden bei Kerzenschein. Wie viel mehr aus diesen beiden Instrumenten zu holen ist, zeigen die Kompositionen Harald Genzmers. Aber bereits ein Blick auf die Trackliste verrät: Hier geht es dem Komponisten vor allem um Kunst, welche sich an der Geschichte orientiert. Zwei Sonaten und ein Konzert mit Satzbezeichnungen wie Nocturno und Notturno zeigen, dass es um mehr als nur eine Formvorstellung geht, denn so wird zusätzlich der Bezug zu einzelnen lokalen Traditionen angedeutet. Die Interpreten Helga Storck an der Harfe und Klaus Storck am Violoncello haben zumindest in einer Hinsicht leichtes Spiel: Sie haben einen guten Kontakt zum Komponisten und dieser kann den Interpreten genaue Anweisungen geben. Dass dies nicht notwendig ist, liegt in der Kompositionstechnik selbst verborgen. Genzmer entstammt als Hindemith-Schüler einer der Tradition sehr verpflichteten Schule und legt immer noch Wert auf Tonalität und Strukturen, die sich durch das Studium seiner Partituren erschließen lassen. So vermittelt er zwischen Avantgarde (der er sich nie völlig anschloss) und Tradition (die er zumindest teilweise weiterführt).

Arpeggio auf der Harfe...

.

Die Sonate für Violoncello und Harfe von 1963 beginnt mit einer sehr lebhaften Fantasie, welche sich vor allem durch ihre Intensität auszeichnet. Die ersten Klänge des Solocellos erinnern an eine dramatische Szene der veristischen Oper, dem die Harfe mit einer provokanten Arpeggio-Folge antwortet. Die Instrumentalisten gehen bei diesem Satz an die dynamischen Grenzen ihrer Instrumente, ohne dabei die Welt des Klangs zu verlassen. Ganz anders dagegen gestaltet sich der dritte Satz (Nocturno) mit seinen ostinaten Figuren, deren meditative Wirkung teilweise an Puccini, teilweise an Orff erinnern. Erfrischend heiter folgt das Finale mit leichten Sprüngen über die Tonskala. Das Duo scheint sich in allen Welten wohl zu fühlen, denn bei einer so unbarmherzigen Aufnahme, die nur zwei Instrumente wiederzugeben hat, bliebe mangelnde Leidenschaft nicht unentdeckt.

David und Saul

Das Konzert für Harfe und Streichorchester beginnt mit einem Prolog, der zugleich der längste Satz dieser Zusammenstellung ist. Die vor allem ruhigen Töne geben zunächst einen Einstieg in die Klangwelt, welche sich von Harfe und Streichern aufspannen lässt, bevor sie im zweiten Satz zu einer dominierenden, vorwärtsstrebenden Tendenz wechseln. Der darauf folgende Variationensatz kehrt wieder zu ruhigeren Gefilden zurück, die sich vor allem durch liegende Harmonien und mehrstimmiges Spiel der Harfe auszeichnen. Die im vierten Satz dominierenden Pizzicati sind eine besondere Herausforderung, da diese leicht ins metallische geraten, wenn sie zu trocken gespielt werden. Das Aufnahmeteam hat bei diesem Satz keine Hilfestellung unternommen. Nüchtern werden die kristallklaren Abschnitte übermittelt, immer in deutlichem Kontrast zu den wärmeren Klängen des Orchesters. Inspiriert wurde dieses Konzert durch Rembrands ‘David und Saul’, bei dem ebenfalls das Harfespiel im Zentrum des Betrachters steht

Back to the roots

Mit der Sonate für Violoncello solo greift Genzmer auf eine alte Tradition zurück, die ihren Höhepunkt bei Johann Sebastian Bach erreichte. Durch den Klang eines einzigen Instrumentes ergibt sich eine Art Intimität, bei der jede Nuance des Tones zählt. Und genau diesen Aspekt spielt Klaus Storck auf seine Weise aus, jeweils den einzelnen Sätzen angepasst. Einzig beim Notturno gerät die Musik durch den trockenen Klang etwas nüchtern. Dieses muss wohl als Zugeständnis an die Aufnahmetechnik betrachtet werden, da auf diese Weise die übrigen Sätze um so eindrucksvoller gelingen. 

Klagende Saiten

Mit dem volltönenden Abschluss ‘Klagelied für Violoncello und sechs Harfen’ mag man tatsächlich etwas von der erwarteten Romantik zu spüren bekommen, auf die man vielleicht bei der Besetzung hoffte. Mit langen Legatobögen singt das Violoncello zu den perlenden Klängen der Harfen, die vor allem durch ihre Vielzahl einen besonders voluminösen Hintergrund bieten. Diese Musik entstand als unmittelbare Folge eines Konzertgenusses der berühmten Schwäne von Villa-Lobos und Saint-Saëns, was sich in den leicht rauschhaft wirkenden Klängen erkennen lässt.

Insgesamt ergibt sich ein zuweilen spannender, manchmal auch leidenschaftlicher Streifzug in eine ganz eigene Musik, welche bereits durch ihre Besetzung auffällt. Bemerkenswert scheint die Kooperation zwischen Interpreten und Komponisten, welche sich bis zur Entstehung des Klageliedes bemerkbar macht. Auf sympathische Weise wird der Hörer der CD im Booklet über die Eigenheiten des Komponisten aufgeklärt, die sich wiederum in seiner Musik bemerkbar machen. Auf diese Weise erhält man einen anderen Zugang zu den Werken Genzmers, der vielleicht nicht jedem gleich gut gefallen wird, da er nicht allzu informativ in der Substanz ausfällt. Dafür passt diese Art des Textes hervorragend zur Musik und rundet das ganze entsprechend ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Richter Kritik von Thomas Richter,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Genzmer, Harald: Musik für Harfe und Violincello

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
10.02.2006
Medium:
EAN:

CD
4003913125279


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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