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Donnerstag, 28. Oktober 2021

Weigl, Joseph - Die Schweizer Familie

Schweizerermode


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese ‚Schweizer Familie’ ist eine echte Entdeckung, die so manche musikalische und thematische Überraschung bereithält.

Wer im 19. Jahrhundert in die Oper ging, kannte sie, die ‚Schweizer Familie’. Das Singspiel des Salieri-Schülers und Kapellmeisters der Wiener Hofoper, Joseph Weigl (1766-1846), gehörte nicht nur in deutschsprachigen Landen zu den erfolgreichsten Bühnenwerken seiner Zeit. Erst im Ersten Weltkrieg verschwand das 1806 in Wien uraufgeführte Werk von den Spielplänen – und damit aus dem Bewusstsein der Operngeher.

Populärmusik des 19. Jahrhunderts

Die Geschichte, die auf ein französisches Vaudeville zurückgeht, greift die Schweiz-Moder der Jahre um 1800 auf. Ein Moderthema der Zeit, das Goethe oder Schiller ergriffen hatte. Es waren vor allem Modelle von unberührter Natur und liberaler Politik, die die europäischen Intellektuellen interessierten. Die einfache Handlung des dreiaktigen Singspiels (das auch als lyrische Oper firmierte) spielt freilich außerhalb der Schweiz. Der deutsche Graf Wallsstein hat in seinem Park eine künstliche Schweiz, ein ‚künstliches Paradies’ errichten lassen, um seinen Gästen das Heimweh zu nehmen. Doch Emmeline, die Tochter der Gäste, verfällt in Schwermut, ja ist in ihrer Phantasiewelt dem Wahnsinn nahe. Man sinnt darauf ihren Geliebten nachzuholen, und erst als sie diesem unter den Klängen eines heimatlichen Kuhreigens wieder begegnet, endet ihr Liebes- und Heimweh. Um dieses Kerngeschehen ranken sich diverse Episoden, die Themen wie Reisen, Heimat, Melancholie oder Surrogate thematisieren. Allesamt literar-philosophische Modethemen des 19. Jahrhunderts.

Die Emmeline ist mit ihren Seelenzustand zwischen Melancholie und Wahnsinn eine der vergessenen, bedeutenden Rollen des 19. Jahrhunderts. Von Franz Schubert bis Richard Wagner sind wichtige Zeugnisse zur Wirkungsgeschichte des Werkes überliefert, das als Inspiration für viele Werke des 19. Jahrhunderts gelten muss. Joseph Weigls Melodien waren populär, besonders der schweizerische ‚Kuhreigen’, der im Finale der Oper eine quasi psychologische Heilung Emmelines mit bewirkt. Eine kleine Einführung in das Werk, die die wichtigsten Informationen zu Weigl und seinem Werk bietet, findet sich im Beiheft der verdienstvollen Ersteinspielung. Außerdem ist das vollständige Libretto zum Nachlesen vorhanden. Besonders lobenswert ist, dass es sich um eine tatsächliche Gesamteinspielung handelt: denn alle Dialoge sind mit aufgenommen. So wird schnell deutlich, wie wichtig hier auch der Text Ignaz Franz Castellis ist. Zudem bleibt die Architektur der Oper erhalten, die erstaunlich reichhaltige Sprechpassagen hat und hier Qualitäten eines Schauspiels aufweist. Dass die Dialoge in dieser Studioproduktion recht hallig im Klang und etwas unnatürlich in der Darbietung klingen, sei jedoch nicht verschwiegen – hier merkt man, dass Sänger vor dem Mikrophon stehen und Texte ablesen beziehungsweise unnatürlich betonen.

Aufmerksam machen!

Der Einspielung liegt eine Produktion zu Grunde, die 2004 szenisch in Wien, Zürich und Berlin zu sehen war. Züricher und Wiener Aufführungsmaterial und Manuskripte haben eine authentische Aufführungsfassung ermöglicht. Der aus Tel Aviv stammende Dirigent Uri Rom leitet ‚Chorus & Orchestra Dreieck’, aus Musikern Deutschlands, Österreichs und der Schweiz zusammengestellte Ensembles. Man trifft einen locker, beschwingten Singspielton, behält die Übersicht in den zahlreichen Ensembles und vermeidet richtigerweise jeden romantisierenden Sound. Ein junges, spiel- und singfreudiges Ensemble kann den Reiz des gut zweistündigen Werkes einfangen und vermitteln, was den Erfolg einst ausmachte. Einige Talente machen bei den Sängern nachhaltig auf sich aufmerksam. So vor allem Maríla Vargas als Emmeline mit gut sitzendem Sopran, lyrischen Zwischentönen und großem Ausdrucksrepertoire. Effektvoll weiß Sie, das große Finale des dritten Aktes zu gestalten: vom Meldodram bis hin zum Duett mit dem aus der Ferne singenden Geliebten – eine große Opernszene, die Vorbild für so manche dramaturgische Finte späterer Bühnenwerke war. Emmelines aus der Schweiz herbeieilender Geliebter Jacob ist bei Roman Payer bestens aufgehoben; kultiviert und schön geführt klingt sein fester Tenor (‘Vom weit entfernten Schweizerland’). Tobias Müller-Kropp stattet den Grafen mit einem schön timbrierten, agilen Kavaliersbariton aus. Robert Maszl sorgt mit beweglicher Stimme gekonnt für einige komisch-volkstümliche Momente. Olivia Vermeulen, Stephan Bootz und Petri Mikael Pöyhönen ergänzen das in den musikalischen Nummern gut aufeinander abgestimmte Ensemble vortrefflich. Sicherlich ist das alles in allem (noch) keine optimale Interpretation, aber das Engagement aller Beteiligten, entschädigt hier. Und um auf das Werk wieder aufmerksam zu machen, taugt diese Produktion allemal!

Diese ‚Schweizer Familie’ ist eine echte Entdeckung, die so manche musikalische und thematische Überraschung bereithält. Oder denken Sie beispielsweise bei der Melodie und Szene des Kuhreigens (CD 2, Track 15) nicht auch an Richard Wagners Hirten im ‚Tannhäuser’ und im ‘Tristan’…?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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    Weigl, Joseph: Die Schweizer Familie

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
2
20.03.2006
Medium:
EAN:

CD
0795754729924


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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