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Montag, 15. August 2022

Telemann - Singe, Spiel- und Generalbaß- Übungen 1735

Praktisches mit Mehrwert


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der renommierte Bach-Interpret Mertens nimmt sich der Musik mit schlanker, geschmeidiger Stimme an, glänzt vor allem durch die bruchlose Ausgeglichenheit der Register.

Wer immer sich als Schüler der Generalbasspraxis nähert oder als angehender, noch in ein schmales Repertoire gezwängter Sänger nach leicht Singbarem aus der Zeit der älteren Musik sucht – fündig wird man leicht in jener Sammlung, die der überaus vielseitige und zu Unrecht unterschätzte Georg Philipp Telemann seit dem Herbst 1733 herauszugeben begann. Er verfolgte dabei neben – für einen Komponisten selbstverständlichen – musikalischen Zielen durchaus auch pädagogische: Auf eine eingängige Weise sollten originelle Lieder dem angehenden Cembalisten das Erlernen des Generalbassspiels ermöglichen und nebenher dem Sangesfreudigen leicht zugängliches Material für die häusliche Übung und Praxis liefern – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Und so breitet Telemann das ganze Repertoire seiner liedhaften Kunst aus, um die Texte so verschiedener Dichter wie Gottsched, Brockes, von Canitz und Stoppe zu vertonen: Neben den ‚klassischen’ Liedern stehen freiere Formen, ariose Sätze, ja, beinahe kantatenartige Anlagen im Kleinstformat. Alle Sätze weisen eine übersichtliche Faktur auf, die Melodien sind originell, aber nicht eben kompliziert – und dennoch: Dem Meister des Kleinen und Leichten gelingt es, sehr verschiedene Stimmungen zu zeichnen, vom ernst-getragenen bis zum temperamentvoll-übermütigen Ausdruck. Auf sehr eingängige Weise verschmelzen Text und Musik und mit entspannter Geste gelingen dem Komponisten gleichsam nebenher durchaus charaktervolle und expressive Einzelstücke. Dass der Hörer mit den häufig aphoristisch kurzen Texten einerseits einen nicht uninteressanten Einblick in das literarische Leben der 1730er Jahre und andererseits manche bis heute gültige ‚alltagsphilosophische’ Einsicht vermittelt bekommt, ist ein zusätzlicher Reiz.

Gekonnt & lebensnah

Die erheblich Menge von vier Dutzend heterogenen, meist kurzen Liedern im romantischen Sinn zu einem geschlossenen Zyklus zu verbinden, ist ein schier aussichtsloses Unterfangen: Zu groß ist die zeitliche Ausdehnung des Ganzen, zu verschieden sind die Charaktere der Stücke. Und so wählen der Bariton Klaus Mertens und sein Begleiter am Cembalo, Ludger Rémy einen anderen Zugang. Sie fassen die Stücke als Sammlung auf: Sehr verschiedenen kompositorischen Charakteren wird Raum gegeben, nichts wird aufgesetzt und artifiziell gedeutet – vielmehr geben die beiden Künstler dem Publikum ein praxisorientiertes, durchaus auch pädagogisch gedachtes Beispiel: ‚So kann man es machen.’ Dem selbst Musizierenden steht es offen, Anregungen aufzugreifen oder sich einen eigenen Zugang zu verschaffen.

Der renommierte Bach-Interpret Mertens nimmt sich der Musik mit schlanker, geschmeidiger Stimme an, glänzt vor allem durch die bruchlose Ausgeglichenheit der Register. In steter Spannung zwischen Dezenz und Kraftentfaltung deutet er die Texte sinnfällig, setzt Zäsuren, unterbricht musikalische Linien dem Text folgend – doch wirkt nichts überladen, sind auch die klug gesetzten Verzierungen stets angemessen. Ebenso entgeht Ludger Rémy der Gefahr, seinen Generalbasspart allzu frei und plakativ auszudeuten: Er findet den Mittelweg zwischen schmaler Textur und Vollgriffigkeit, ziert dezent und uneitel aus und findet auf diese Weise zu einer angemessenen Interpretation der Intentionen Telemanns, die ihre Erfüllung eben nicht in überbordender Kunstfertigkeit suchten.

Etwas komplizierter ist das Problem zu lösen, die Gesamtaufnahme – und es handelt sich verdienstvoller Weise um die erste – einer so ausgreifenden Sammlung im Zusammenhang zu interpretieren, zu hören und aufzufassen: Nicht immer sind Wiederholungen der stimmlichen und instrumentalen Affekte zu vermeiden, manches Mal kann sich Gleichförmigkeit einschleichen. Doch um aufkommender Langeweile vorzubeugen hier ein Vorschlag: Man höre die Lieder jeweils ‚im Dutzend’, so wie Telemann sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat – dann lassen sich die einzelnen Stücke besser würdigen und bleiben Ohr und Auffassung frei für die Schönheit der robusten Kleinode.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Telemann: Singe, Spiel- und Generalbaß- Übungen 1735

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
cpo
1
14.11.2005
01:10:14
2004
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
6120370452
777045-2


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Telemann, Georg Philipp
 - Neues -
 - Geld -
 - Zufriedenheit -
 - Seltenes Glück -
 - Splitter- Richter -
 - Getrost im Leiden -
 - Redlichkeit -
 - Wechsel -
 - Ueber das niedersächsische Versapen -
 - Die durstige Natur -
 - Die Welt, das Vaterland -
 - Die Frau -
 - Die vergesserne Phillis -
 - Der Spiegel -
 - Mutter- Söhne -


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Interpret(en):Mertens, Klaus
Rémy, Ludger


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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