> > > Beethoven, Ludwig van: Messe C-Dur op. 86
Dienstag, 2. März 2021

Beethoven, Ludwig van - Messe C-Dur op. 86

Beethoven in Lila


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Handelt es sich hier um eine ‚Lila’ Interpretation, die Beethovens (vermutete) Homosexualität optisch und/oder interpretatorisch betonen will?

Man mag sich schon fragen, ob das passend ist: Beethovens Messe in C-Dur op. 86 mit einem Coverfoto zu bebildern, auf dem der Dirigent Fabio Luisi in einem Fred Perry Poloshirt verkniffen lächelnd zu sehen ist, irgendwo an einer Küste stehend, in Schwarz/Weiß, während sich darunter eine lilafarbene Welle ausbreitet, auf der neben dem Werktitel und der Besetzung in großen Lettern das Wort ‚Querstand’ zu lesen ist? Handelt es sich hier um eine ‚Lila’ Interpretation, die Beethovens (vermutete) Homosexualität optisch und/oder interpretatorisch betonen will?

Weit gefehlt. Die vorliegende CD ist Teil der ‚MDR Edition/Fabio Luisi’. Der Mitteldeutsche Rundfunk und der Chefdirigent des sendereignen Sinfonieorchesters sind dem Vorbild der Londoner Symphoniker und des Amsterdamer Concertgebouw Orchesters gefolgt und haben – unabhängig von den großen Klassik Labels, die weniger teure Studio-CDs produzieren wollen – ihre eigene CD-Serie auf den Markt gebracht. Das ist begrüßenswert, da es Vielfalt und Innovation ermöglicht. Partner des MDR bei dieser Serie ist der Verlag Klaus-Jürgen Kamprad, der das Label Querstand betreibt – ob es etwas mit Homosexualität zu tun hat? Kein Ahnung. Die vorliegende CD macht inhaltlich nicht den Eindruck. Eher sieht es so aus, als wollte man Luisi als ‚Mann wie du und ich’ locker-leger präsentieren, um bei Käufern Schwellenängste abzubauen und sie zu animieren, in die Konzerte des MDR zu gehen. Oder um Markenbewusstsein für den MDR zu kreieren? Um auch außerhalb des Sendegebiets auf das Orchester und seine Leistungen hinzuweisen?

‚Aufbau Ost’ ist hier in vorbildlicher Art und Weise zu erleben – als Idee. An der gestalterischen Umsetzung könnte noch etwas gefeilt werden. Aber wenigstens hat die Lila-Querstandwelle einen hohen Wiedererkennungswert, und das ist ja für Markenpositionierung (siehe T-Mobil) kein ganz unbedeutender Faktor. (Und nein, T-Mobil ist, soweit ersichtlich, kein Werbepartner dieser Serie.)

Dass von den vielen, vielen Konzerten, die das MDR Sinfonieorchester seit 1996 zusammen mit Luisi gegeben hat, nun ausgerechnet Beethovens Messe C-Dur herausgegeben wurde, mag überraschen. Hat Leipzig wegen Bach und Mendelsohn eine besondere Beziehung zu geistlicher Musik, die sich nun in dieser Beethoven-Ausgabe spiegelt und betont werden soll?

Rein akustisch kann ich Fabio Luisi keine auffällige Spiritualität im Umgang mit dem katholischen Messtext und Beethovens Vertonung davon bescheinigen. Er dirigiert das Werk gut, zügig, sportiv – aber niemals erhaben oder vergeistigt. Dadurch bleiben die Überwältigungsmomente aus. Auch scheut Luisi vor deutlichen Akzenten zurück, es gibt kaum Klangdetails, die auffallen, kaum Akzente, die eine irgendwie persönliche interpretatorische Handschrift erkennen lassen. Dadurch wirkt die Wiedergabe über weite Strecken anonym, wie eine x-beliebige Festtags-Messe. Nicht wie die Messe in C-Dur von Beethoven.

Da haben Klemperer, Toscanini, Bernstein oder Karajan (beispielsweise) doch eindrücklicher gezeigt, wie man aus Beethovens geistlicher Musik Funken schlagen kann. Und wenn man sich – wie der MDR – mit einer Einspielung auf den internationalen CD-Markt begibt, denn sind und bleiben die erwähnten Herren die Vergleichsgrößen.

Immerhin, das von Luisi engagierte Solisten-Team ist ausgeglichen gut (Claudia Mahnke, Christian Elsner, Franz-Josef Selig), jedoch liefert nur die Sopranistin Christiane Oelze eine stilistische und stimmliche Interpretation, die aufhorchen lässt: schmelzende Töne, wunderbar differenzierte, sinnliche Gesangslinien, edles Timbre – das besonders im erlesen-schönen ‚Benedictus’ zu bewundern ist (Track 5). Der von Howard Arman einstudierte Rundfunkchor entledigt sich seiner anspruchsvollen Aufgabe mit hoher Professionalität, aber wenig Liebe zu Details – darin mit Luisis Gesamtinterpretation konform gehend.

Fazit: Als Teil eines größeren Marketingkonzept des MDR Sinfonieorchesters ist diese CD-Ausgabe eine willkommene Bereicherung der Klassik-Szene. Als Beethoven-Interpretation ist sie kein must have. Aber ein Beleg, dass sich in Leipzig interessante Dinge tun, die zu verfolgen (auch auf CD) sich lohnt. Bitte mehr davon!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Messe C-Dur op. 86

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
25.11.2005
Medium:
EAN:

CD
4025796005226


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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