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Sonntag, 15. September 2019

Mahler, Gustav - Symphonie Nr. 4

Mahler in reiner Kammermusik


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 4. Sinfonie Gustav Mahlers in einem Arrangement für Kammerensemble kann durch seine Ungewöhnlichkeit Interesse wecken, aber den Zweifel an der Notwendigkeit nicht ganz abschütteln.

Es ist ein weites Feld, jenes der Transkriptionen, Bearbeitungen, Orchestrierungen, Klavierparaphrasen etc. Die berühmtesten Beispiele sind wohl die zahlreichen Bearbeitungen von Bachs Werken, man denke nur an Leopold Stokowski, aber auch zahlreiche Andere. Dass sich jedoch eine Sinfonie von Gustav Mahler auf kammermusikalischer Größe präsentiert, ist dennoch ein Kuriosum, das der genaueren Betrachtung wert ist und Interesse hervorzurufen mag.

Die Bearbeitung

Welche, wenn nicht Mahlers 4. Sinfonie würde am nahesten liegen, um sich mit ihr kammermusikalisch zu beschäftigen, ist sie doch eh schon in ihrer Anlage äußerst durchsichtig gehalten, ein ausgedünntes Orchester mit selten ausuferndem Klang. Die vorliegende Bearbeitung stammt von Erwin Stein aus dem Jahre 1921, geschrieben für Arnold Schönbergs bekannten Wiener Verein für Private Aufführungen. Hierfür entstanden auch die Klavierbearbeitungen für 2 Klaviere der 6. Sinfonie (von Alexander Zemlinsky) sowie der 7. Sinfonie (von Alfredo Casella) – im Vergleich bietet Steins ’Eingriff’ in die Komposition deutlich weniger Veränderungen. Die Bearbeitung ist gesetzt für Sopran (das Solo im letzten Satz bleibt unverändert enthalten), Flöte, Oboe und Klarinette, sowie Streichquintett, zwei Klaviere, Harmonium und Schlagwerk. Und auch wenn es mehr als 80 Jahre zu spät ist, so scheint es doch angebracht zu fragen, warum nicht auch ein Horn inmitten der Bläser besetzt ist: in Anbetracht der zahlreichen Soli dieser Sinfonie und des, im Vergleich zu den anderen Sinfonien, auch unblechhaften Gebrauchs des Horns hätte es einen wichtigen Platz verdient und das Arrangement bereichert. Ebenso erscheinen einige der klanglichen Steigerungen in letzter Instanz an der Bearbeitung zu scheitern, der berühmte Ausbruch am Ende des 3. Satzes zerfällt ein wenig durch die ausgedünnte, zerdehnte Weite des Klangspektrums, wo auch das Ensemble nicht mehr viel helfen kann. Die intimen, behutsamen, auch ironischen Momente von Mahlers Sinfonie sind jedoch die deutliche Stärke von Steins Arrangement, die Reduzierung der kammermusikalischen Stellen auf wahres Ensemblespiel gelingt hervorragend.

Die Darbietung

Doch gilt es an dieser Stelle sich nicht nur mit dem Werk zu beschäftigen, sondern auch und vielleicht vor allem mit seiner Darbietung. Das Thomas-Christian-Ensemble beschert nicht nur eine wohltuend eingespielte Homogenität, es hat sich auch mit Mahlers Klangsprache auseinander gesetzt. Die skurrilen Ideen des 2. Satzes lachen, und bisweilen auch angebracht schrill, dem Hörer entgegen, fahl und ausgemergelt kann die Flöte plötzlich aus den Tiefen des Kopfsatzes ertönen, bevor sie wieder ihre ’gewohnte’ Rolle des Wohlklangs einnehmen kann. Die Streicher, trotz aller spielerischer Finesse, hätten weniger individuelles Schmachten an die sehnsüchtigen Stellen legen können, bilden aber in ihrem Klangfundament dennoch stets den Atem der Sinfonie. Mit Christiane Oelze konnte man eine renommierte und stilsichere Sopranistin für das so heikle Finale gewinnen. Gekonnt und ohne Umwege berührend gelingt ihr die Mischung aus Ironie und Wehmut, die Mahler hier verlangt.

Insgesamt eine nicht nur für Mahlerianer interessante Einspielung dieses selten gegebenen Arrangements, die sich aber durch kleinere Abstriche in den romantischen Teilen und etwas größere Abstriche in der Bearbeitung selbst die Frage gefallen lassen muss, warum man denn nicht gleich zu einer gelungenen Einspielung der originalen Sinfonie greifen sollte, wo jene kammermusikalischen Aspekte gut zur Geltung kommen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Symphonie Nr. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
20.01.2006
Medium:
EAN:

CD
0760623132020


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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