> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Klavierkonzerte Nr. 14,23,25
Samstag, 24. Oktober 2020

Mozart, Wolfgang Amadeus - Klavierkonzerte Nr. 14,23,25

Clara Haskils legitimer Erbe


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ivan Moravec führt eindrucksvoll vor, weshalb er als Größter der ‚unbekannten’ Pianisten unserer Tage gilt.

Supraphon hat Aufnahmen einiger Mozart-Klavierkonzerte aus den siebziger Jahren herausgebracht. Ivan Moravec wird vom Tschechischen Kammerorchester (KV 449, KV 488) bzw. der Tschechischen Philharmonie (KV 503) begleitet. Dirigent ist Josef Vlach. Mancher wird Sinn und Zweck dieser Veröffentlichung in Frage stellen: An Aufnahmen der Mozart-Konzerte herrscht kein Mangel, und bei Hänssler liegen ‚moderne’ Einspielungen mit Moravec und der Academy of Saint Martin in the Fields unter Neville Marriner vor. Trotzdem: Moravecs Prager Aufnahmen sind ein Geschenk für die Mozart-Gemeinde. Aufnahmetechnisch entsprechen sie ohne weiteres ‚westlichen’ Standards. Toningenieure des ‚Ostblocks’ haben nicht selten überzeugendere Leistungen erbracht als ihre Kollegen im Westen. (Auch manche Dresdner Aufnahmen der späten analogen Ära belegen es.) Die Akustik im Prager Rudolfinum zählt ohnehin zu den besten in Mitteleuropa, und Moravec’ Mitstreiter in beiden Orchestern werden den hohen Erwartungen an böhmische Virtuosität und Musizierfreude spielend gerecht. Selten war überhebliche Herablassung dem Osten (Mitteleuropas) gegenüber so deplatziert. Wenn es überhaupt Einwände gibt, so betreffen sie einmal das überaus satte Vibrato, zumal in den Bläsern. Wer die Erkenntnisse der Originalklangbewegung nicht vollständig ignorieren mag, muss hier stilistische Bedenken haben. Der zweite Einwand betrifft Josef Vlachs ‚Temporegie’. Sie stellt sich überaus flexibel dar (um es vorsichtig auszudrücken). Nicht selten werden Crescendi mit Accelerandi gleichsam tautologisch verdoppelt, in bester ‚romantischer’ Tradition. Vlachs Agogik würde Furtwängler alle Ehre machen. Aber ob sie zu Mozart passt, wie wir ihn heute begreifen? Der Gesamteindruck der Orchesterleistung ist trotzdem ein überaus günstiger. Hier wird durchsichtig und exakt musiziert, in fülligem, doch nicht verquastem Klang.

Nun aber zum eigentlichen Ereignis dieser Aufnahmen: Ivan Moravec führt eindrucksvoll vor, weshalb er als Größter der ‚unbekannten’ Pianisten unserer Tage gilt. Seine Anschlagskultur ist fast konkurrenzlos. Sehr wenige Pianisten können dermaßen feine dynamische und artikulatorische Abstufungen formulieren. (Unter den Lebenden am ehesten Barenboim und Perahia.) Moravecs Phrasierungskunst ist demgemäß imponierend. Bei aller Diskretion und Zurückhaltung vermag er die Noten zum Sprechen zu bringen. Wenn Alfred Brendel schreibt, bei Mozart käme es auf die Balance von Singen und Sprechen an, so ist es Moravec (nicht Brendel selbst), der dieses Ideal erfüllt. Selten ist das Finalthema des A-Dur-Konzerts so bündig und elegant formuliert worden. Selten wurde sein Adagio mit solcher Pianoraffinesse dargeboten, in weltentrückter, stiller Schönheit. Es ist ein Meisterstück, wie Moravec im ungewöhnlich breiten Tempo den Spannungsbogen hält. Uns bleibt nur, zu staunen und Moravecs einsamen Rang als führender Mozartspieler unserer Zeit festzustellen. An Delikatesse und Natürlichkeit übertrifft er Brendel bei weitem, Perahia, Schiff und Maria João Pires an Wandlungsfähigkeit und Tiefe des Ausdrucks. Man muss schon bis Clara Haskil und Gulda in ihren besten Momenten zurückgehen, um seinesgleichen zu finden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Klavierkonzerte Nr. 14,23,25

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
08.12.2005
Medium:
EAN:

CD
0099925380922


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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