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Dienstag, 2. März 2021

Mahler, Gustav - Symphony No. 4

‘Wir geniessen die himmlischen Freuden’


Label/Verlag: Testament Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es dauert eine Weile, bis Dirigent und Orchester zu großer Form auflaufen.

Es dauert eine Weile, bis Dirigent und Orchester zu großer Form auflaufen. Wenn es aber einmal soweit ist, dann wird man schier mitgerissen von der Intensität (und Schönheit) dieser Interpretation – trotz sehr mäßiger Klangqualität, die man jedoch vollkommen vergessen hat, wenn man einmal beim Schlußakkord angekommen ist.

Bei der Firma Testament ist ein Konzertmitschnitt von Mahlers IV. Symphonie erschienen, mit Otto Klemperer am Pult der Wiener Symphoniker und mit Teresa Stich-Randall als Sopransolistin des letzten Satzes. Aufgenommen wurde das Ganze am 21. Juni 1955 im Musikverein Wien.

Dass man sich in einem live Konzert befindet, wird gleich zu Beginn deutlich, denn die Toningenieure haben den Begrüßungsapplaus nicht weg geschnitten. Das irritiert zuerst etwas, macht aber deutlich, was man zu erwarten hat: keine perfekt ausbalancierte Studioaufnahme, sondern ein Live-Event mit allen Schwächen und Nachteilen, aber auch mit allen elektrisierenden Vorteilen. Wie gesagt, es dauert etwas, bis diese Aufführung zu voller Glorie gelangt, aber das wichtige ist: sie erreicht das Ziel. (Was man nicht von jeder Einspielung sagen kann.)

Der erste Satz gerät beiläufig, unaufregend. So geht es auch weiter. Aber irgendwann, mitten im langsamen dritten Satz (‘Ruhevoll’) wendet sich das Blatt und Dirigent wie Orchester finden zu einer geradezu glühenden Intensität. Diese zeichnet auch den Schlusssatz aus. All die Schellenschläge im Achtel-Maß, die im ersten Satz so nebensächlich klangen, wirken hier auf einmal wie Messerstiche: aggressiv, schneidend, beängstigend. Das kontrastiert gut mit der warmen Sopranstimme von Stich-Randall, die sich darüber erhebt und von den ‘Himmlischen Freuden’ kündet. Sie tut das nicht ganz so bravourös wie Elisabeth Schwarzkopf – mit der Klemperer die Symphonie später im Studio aufnahm –, aber doch überzeugend kindlich, ohne ins neckisch Gekünstelte zu verfallen.

Fazit: Diese Mahler Symphonie hat Klemperer mehrmals aufgenommen, sie war – neben Mahlers 2. Symphonie und dem ‚Lied von der Erde’ – eines seiner meistdirigierten Stücke. Die erste Vorstellung leitete er bereits 1912 in Hamburg. Als Dokument einer lebenslangen Beschäftigung Klemperers mit Mahler ist die vorliegende CD wichtig und interessant. Letztlich ist aber seine eigene Studio-Aufnahme (bei EMI erschienen) die in ihrer Gesamtheit empfehlenswertere Version. Wer dagegen einen historischen Live-Mitschnitt will, der wirklich anders klingt und vollkommen neue Perspektiven öffnet, dem sei Willem Mengelbergs Interpretation mit dem Concertgebouw Orchester ans Herz gelegt (in vergleichbar schlechter Klangqualität, 1939 in Amsterdam aufgenommen). Oder alternativ eine von Bruno Walters Einspielungen. Beide Dirigenten haben die Partitur mit Mahler selbst durchgearbeitet und sie von ihm selbst dirigiert gehört. Das hat deutliche (und ähnliche!) Spuren hinterlassen, die aufschlussreich und faszinierend sind. Mehr noch: Sie machen das Werk auf eine Weise sinnfällig, die späteren Dirigenten vollständig abgeht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Symphony No. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Testament Records
1
01.01.2006
Medium:
EAN:

CD
0749677139728


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Testament Records

Testament is an artist-based label, not restricted to any particular period of recording history, and its releases are selected from the archives of some of the largest record companies and radio stations in the world. With the permission and cooperation of these companies and stations.

Testament releases previously unpublished and deleted recordings from their archives, using their original master tapes and 78rpm metal parts for CD remastering. Testament also has access to their extensive photographic archives and comprehensive research facilities. Testament is thus in a unique position and one that is enjoyed by no other independent record company specialising in the reissue of archive recordings.

Testament LP's are cut onto lacquer from the original master tapes at Abbey Road Studios using full analogue techniques throughout production an pressed onto 180g virgin vinyl.


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