> > > de la Rue, Pierre: Incessament mon povre cueur lamente
Montag, 15. August 2022

de la Rue, Pierre - Incessament mon povre cueur lamente

Vom Werden neuer Meister


Label/Verlag: Raumklang
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine von der Hülle über das instruktive Booklet bis zur gelungenen musikalischen Umsetzung unbedingt zu empfehlende Platte.

Es ist heute nichts Ungewöhnliches mehr, wenn aus den traditionsreichen Knabenchören in Deutschland und anderswo immer wieder junge Ensembles entstehen, sich allmählich entwickeln oder auch als ‚Eintagsfliege’ verkümmern – weil das Repertoire zu schmal oder zu disparat ist, weil der Markt der reinen Vokalensembles mittlerweile sehr umkämpft ist oder einfach, weil Talent allein eben häufig doch nicht reicht. Umso bemerkenswerter ist es, wenn sich eine solche Formation innerhalb recht kurzer Zeit auf interpretatorische Höhen schwingt, die noch vor wenigen Jahren den großen ‚Lehrmeistern’ vorbehalten schienen: Es ist vom Leipziger Ensemble ‚amarcord’ die Rede, das sich in den 1990er Jahren rasch einen guten Ruf für seinen homogenen Klang erwarb, sich in Meisterkursen an den Ratschlägen von ‚King’s Singers’ und ‚Hilliard Ensemble’ schulte und sich nun sehr deutlich auf dem Weg zu eigenständiger Interpretations- und Gestaltungskraft befindet.

Exemplarisch erkennbar wird diese Entwicklung auf einer Platte, die in einer Weltersteinspielung eine Messe von Pierre de la Rue (ca. 1452-1518) präsentiert. Als franko-flämischer Meister der Jahrzehnte um 1500 war er vor allem am Brüsseler Hof der Habsburger erfolgreich, prägte mit seiner strengen, vielfach kanonisch geführten Kontrapunktik den Stil seiner Umgebung. Basierend auf der weltlichen Chanson ‚Incessament mon povre cueur lamente’ entfaltet de la Rue in tiefer Lage ein komplexes fünfstimmiges Gewebe: Es begegnet uns intellektuell anspruchsvolle, beinahe gravitätische Musik, die sich in ihrer satztechnischen Strenge jedoch keineswegs verbirgt, sondern sich in vielen Momenten zu einer Haltung echter Schwermut verdichtet. De la Rue präsentiert sich als Meister delikater musikalischer ‚Baukunst’, als Genie der extrem ausgedehnten musikalischen Phrase. Doch bleibt dieser Klangstrom, dieses unendliche Gewebe in seiner allmählichen Entfaltung durchaus variabel, ideenreich und innovativ.

Interpreten mit Profil

Es scheint, als habe Pierre de la Rue diese auch bei seinen Zeitgenossen beliebte und erfolgreiche Messe den jungen Leipziger Sängern in die Kehlen geschrieben: In tiefer Lage passen die beiden Tenorstimmen, der Bariton und die profunden Bässe des Quintetts denkbar günstig zur Haltung der einzelnen Sätze. Schon in den in einstimmiger Schola vorgetragenen Propriumsvertonungen – nur nebenbei sei angemerkt, dass diese Ergänzung der Messsätze zu einem auch konzeptionell überaus geglückten Ergebnis führt – zeigt sich ‚amarcord’ als Formation von ausgesuchter Homogenität. In den polyphonen Strukturen klingen die Einzelstimmen sehr selbstverständlich, folgen erkennbar einem gemeinsamen Ideal. Auch in verringerter Besetzung – als Beispiel sei ein wundervolles Bicinium der beiden Tenöre im ‚Pleni’ des ‚Sanctus’ erwähnt – zeigen sich die profund gebildeten Einzelstimmen, denen im Bereich der Renaissancemusik keine Einschränkungen entgegenstehen.

Doch ist neben diesen größtenteils bereits bekannten Potentialen vor allem die Interpretation bemerkenswert: Die Sänger nehmen sich zurück, vermeiden jeden vordergründigen Effekt, setzen auf die Überzeugungskraft der Musik selbst und vertrauen deren dunkler Klanglichkeit. In weit ausgreifenden Phrasen füllen die fünf Musiker den klanglich perfekt austarierten Raum und betonen auf beinahe vollkommene Weise den linearen Anteil des musikalischen Gewebes.

Eine von der Hülle über das instruktive Booklet bis zur gelungenen musikalischen Umsetzung unbedingt zu empfehlende Platte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    de la Rue, Pierre: Incessament mon povre cueur lamente

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Raumklang
1
20.01.2006
Medium:
EAN:

CD
4039731101058


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Raumklang

Das Label RAUMKLANG wurde 1993 von Sebastian Pank in Leipzig gegründet. Nach wie vor steht der Name Raumklang für ein authentisches Klangerlebnis. Die Aufnahmen entstehen überwiegend mit nur einem Stereo-Kugelflächen-Mikrophon (One-Point-Recording).
Den Schwerpunkt aller RAUMKLANG-Veröffentlichungen bildet die Alte Musik. In jüngster Zeit ergänzt neben experimenteller/zeitgenössischer Musik eine Reihe mit Weltmusik das RAUMKLANG-Programm. Für seine aufwendig produzierten und anspruchsvoll gestalteten CDs mit ausführlichem Begleitheft erhielt RAUMKLANG bereits zahlreiche begehrte Auszeichnungen, darunter "Grand Prix de l'Académie Charles Cros" und den "Diapason 5".
Seit 1998 liegt der Hauptsitz des Labels auf Schloss Goseck in Sachsen Anhalt, auf dem sich in den letzten Jahren das "Europäsiche Musik- und Kulturzentrum" sowie ein Zentrum für Archäologie (7000 Jahre altes Sonnenobservatorium) etabliert haben. Nicht zuletzt aus dieser Verknüpfung ergeben sich zahlreiche Kontakte zu renommierten Künstlern der Alten Musik im In- und Ausland.
Seit 2003 veröffentlicht RAUMKLANG verschiedene Editionen. Jede Edition wird von einem anderen Produzenten herausgegeben und erweitert damit die Vielfalt des Labelrepertoires. So erscheint neben edition raumklang von Sebastian Pank (Schloss Goseck) die marc aurel edition in Köln, gegründet von Aurelius Donath. Aus der Zusammenarbeit mit der berühmten Schola Cantorum Basiliensis (SCB) in Basel hat sich die schola cantorum basiliensis edition ergeben. In dieser Reihe stellt der Produzent Thomas Drescher (stellv. Direktor der SCB) viel versprechende Absolventen aus Basel vor. 2005 entstand aus den engen Kontakten zur Musikstadt Leipzig eine weitere neue Edition: Unter dem Namen edition apollon veröffentlicht nun das international bekannte Vokalesemble "amarcord" seine CDs.


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