> > > Weill, Kurt: Symphonie No. 2
Montag, 24. Januar 2022

Weill, Kurt - Symphonie No. 2

Ein Weill-Spektakel


Label/Verlag: Atma classique
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nein, Maßstäbe wird diese Weill-Einspielung sicherlich nicht setzen.

Es gibt eine Floskel, die wohl in jedem zweiten Musiker-Interview fällt: ‘In eine Schublade gesteckt werden’, nein, das wolle Künstler XY auf gar keinen Fall. Dennoch gibt es Komponisten, denen genau das ein ganzes Leben lang – und noch länger – widerfährt. Kurt Weill gehört sicherlich zu diesen Leidtragenden. Natürlich ist es fraglich, ob Weills Name ohne die Dreigroschenoper jemals so prominent geworden wäre, wie er es bis heute ist. Dennoch hat es Weill nicht verdient, in den Köpfen ausschließlich als Komponist netter Melodien für Bertolt Brechts Aufsehen erregende Theaterstücke in den 20er-Jahren weiterzuleben.

Und so ist alleine schon die Tatsache, dass sich die kanadische Chanteuse Diane Dufresne zusammen mit dem Orchestre Métropolitain du Grand Montreal unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin nicht zu allererst auf Mackie Messer & Co. stürzt, sondern die Mühe macht, etwas tiefer in das umfangreiche Repertoire des Komponisten Kurt Weill einzutauchen, ein lobenswerter Ansatz. Und auch die zunächst irritierende Verbindung von Weill-Kompositionen und französischen Texten lässt sich schnell aufklären: Im Jahr 1933 emigrierte Kurt Weill zunächst nach Paris, bevor er zwei Jahre später ein zweites Mal vor den Nazis floh, diesmal über den Atlantik in die USA. Während seiner kurzen Pariser Zeit arbeitete Weill unter anderem mit Jacques Deval und Maurice Magre zusammen und ließ seine zweite Symphonie in Amsterdam uraufführen. Devals ‘J’attends un navire’ bildet auch den Einstieg in die vorliegende CD, den Abschluss macht die 2. Sinfonie. Dazwischen streut Dufresne neben den unbekannteren Melodien (etwa ‘Youkali’ von Roger Fernay oder Magres ‘Je ne t’aime pas’) den ein oder anderen Gassenhauer früheren Datums (etwa die ‘Seeräuber-Jenny’ und den ‘Alabama Song’) dann doch noch ein.

Weill als Theatraliker

Kurt Weills Kompositionen bestechen durch eine Verbindung von scheinbar einfachen, oft unaufgelösten Melodien mit schrägen Dreiklängen, grellen Harmonien und immer wieder überspitzt karikierten Rhythmen. Dazu passend, so befinden die meisten Interpreten: sparsame Instrumentierung und eine eher nüchterne Artikulation. Anders Dufresne und das Orchester Montreal: sie schlagen eine gänzlich andere Richtung ein. Kurt Weill als Theatraliker, von Dufresne stimmgewaltig und mit mächtig viel Vibrato in Szene gesetzt, während die Instrumentalisten des Orchestre Métropolitain Grand Montreal im Arrangement von Simon Leclerc majestätisch voranschreiten und sich permanent zum großen Tutti-Finale warm zu spielen scheinen. Ein Interpretationsansatz, der gleich weniger verwundert, wirft man einen Blick auf Dufresnes Webseite. Hier fasst Kanadierin ihre Kompetenzen wie folgt zusammen: ‘chansons – musiques – spectacles – danses – voyages – éxperiences’.

Dufresne sucht also ein Weill-Spektakel, was zugegebenermaßen zunächst beeindruckt, alleine schon aufgrund des Klangvolumens. Doch der Bombast fängt bald an zu nerven. Weills Kompositionen sind nun mal keine Operetten und nur eine Spur schlanker hätte es wohl auch getan. Keine Frage: die 61-jährige Dufresne kann singen, Intonation und Phrasierung sind fast durchweg sehr sauber. Und Yannick Nézet-Séguin führt ein Orchester, das dynamisch wie rhythmisch präzise arbeitet. Doch im Ergebnis ist die Einspielung von Diane Dufresne und dem Orchester Montreal ein gutes Beispiel dafür, dass alleine saubere Technik kein Schlüssel zum eigentlichen künstlerischen Gehalt von Musik ist.

Schwer wie Beethoven

‘Um meinen eigenen Stil zu kontrollieren, habe ich auch absolute Musik geschrieben’, sagte Kurt Weill 1934, nach der Uraufführung seiner zweiten Sinfonie. In ihr blitzen die Weill-typischen Kompositionsmuster immer wieder auf, ordnen sich dennoch traditionellen Formen unter. Und während auch hier der pathetische Largo-Satz dem Interpretationsansatz des Orchesters am nächsten kommt, tragen die eher luftigen Allegro-Sätze in der Nézet-Séguin-Interpretation zum Teil Beethovensche Schwere in sich.

Entschädigend dagegen die technischen Aspekte der CD: die Gesamtaufnahme ist wohlbalanciert und der Orchesterklang äußerst transparent – eine saubere Produzenten-Leistung.

In Sachen Covergestaltung ist ein kritischerer Ton anzustimmen: zu unübersichtlich sind die zweisprachigen Informationen im Booklet gestreut. Ein Hinweis darauf, wer etwa bei den zwei nicht orchestrierten Stücken ‘Nannas Lied’ (Brecht) und ‘Je ne t’aime pas’ (Magre) das Klavier spielt, bleibt dem Käufer völlig verwehrt.

Und so müssen die großen Erwartungen, die mindestens bis zum Einlegen der CD währen, spätestens nach knapp 70 Minuten Spielzeit deutlich korrigiert werden.

Nein, Maßstäbe wird diese Weill-Einspielung sicherlich nicht setzen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Johannes Kloth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Weill, Kurt: Symphonie No. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Atma classique
1
23.08.2006
Medium:
EAN:

CD
0722056232425


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Atma classique

Das Label ATMA - Seele oder Lebensgeist auf Sanskrit - wurde 1995 gegründet und bietet inzwischen mehr als 200 Aufnahmen von mittelalterlicher bis zu zeitgenössischer Musik mit einem besonderen Schwerpunkt im Barock. Für ihre Aufnahmen umgibt sich Johanne Goyette, Direktorin und zugleich Toningenieurin der Firma, gerne mit wagemutigen Künstlern, um in ihrem Studio Unerhörtes (und Ungehörtes) zu schaffen.
ATMA Classique vertreibt in Kanada, den Vereinigten Staaten, in Europa, Australien und Asien. Das Label erfreut sich zunehmend großen Erfolgs und genießt weltweite Anerkennung für die hohe Produktionsqualität sowohl in aufnahmetechnischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Zahlreiche Aufnahmen wurden mit Preisen (Diapason d?or, Goldberg, Prix Opus, Félix, JUNO u.a.) ausgezeichnet.
Im Juni 2004 hat ATMA Classique in Zusammenarbeit mit dem Festival Montréal Baroque den Grundstein zu einem anspruchsvollen Großprojekt gelegt: Über die nächsten fünfzehn Jahre sollen Johann Sebastian Bachs 200 geistliche Kantaten zum ersten Mal im hybriden SACD-Format (Super Audio Compact Disc) mit Surround-Sound aufgenommen werden.


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