> > > Monteverdi, Claudio: Vespro della Beata vergine
Dienstag, 16. August 2022

Monteverdi, Claudio - Vespro della Beata vergine

Geglückte Balance


Label/Verlag: Atma classique
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Den Lautenisten und Dirigenten Stephen Stubbs scheint der komplizierte Hintergrund des Werkes dagegen wenig zu kümmern.

Ist es nicht wunderbar, fragt Organist Leo van Doeselaar im Booklet der vorliegenden CD, dass wir heute, vier Jahrhunderte nach der Entstehung von Monteverdis Marienvesper, zwei verschiedene und dennoch musikalisch miteinander verbundene Kulturen auf ein und derselben Aufnahme versammeln können? Dies sei vergleichbar, führt Doeselaar weiter aus, mit den Gemälden von Rembrandt und Caravaggio, die dieselbe biblische Szene zeigen und nebeneinander im Amsterdamer Rijksmuseum hängen.

Auf dieser beim französischen Atma-Label erschienenen CD sind es Heinrich Scheidemanns ‘Praeambulum in G’, seine ‘Fantasia in D’, sowie das ‘Dic nobis Maria quid vidisti in via’ in Bearbeitung für Orgel, die sich unmittelbar an das Magnificat der Marienvesper anschließen. Und tatsächlich, hier treffen zwei verschiedene musikalische Kulturen aufeinander: einerseits die viel gerühmte ‘Scheidemannische Lieblichkeit’ der Orgelwerke dieses Mitbegründers der Norddeutschen Orgelschule, andererseits die energisch-sprudelnde Vokalvielfalt der italienischen Renaissance- bzw. Barockmusik. Leo van Doeselaar interpretiert Scheidemann zweifellos souverän auf der Leidener Van Hagerbeer-Orgel von 1643. Die Frage dagegen, ob die Zusammenstellung Scheidemann/Monteverdi die glücklichste ist, bleibt vor allem Geschmacksache.

In Musik gefasste Umbruchszeit

Was ist in den vergangenen Jahrzehnten unter Musikwissenschaftlern und Praktikern diskutiert worden über Claudio Monteverdis ‘Vespro della beata vergine’. Über die Bedeutung des Werks in der Musikgeschichte, über seine Entstehungsgeschichte und nicht zuletzt über mögliche Aufführungspraxen.

Viel ist tatsächlich nicht bekannt: weder der genaue Anlass der Komposition, noch das genaue Jahr der Veröffentlichung, und schon gar keine genauen Anleitungen zur Aufführung. Und so kommt es, dass bis heute einige Experten in Monteverdis Marienvesper ein vokalistisches Meisterwerk an der Schwelle von Renaissance zum Barock sehen, während andere der Vesper gar den eigenständigen Werkcharakter absprechen.

Sicher ist dagegen: Claudio Monteverdi (1567 – 1643) lebte in einer Zeit der konfessionellen Auseinandersetzungen von Reformation und Gegenreformation. In einer Zeit, in der naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die die Erde aus dem Zentrum des Universums katapultierten, noch immer gültige mittelalterliche Vorstellungen erschütterten. In der Kunst spiegelte sich diese Umbruchzeit durch den Ausdruck individueller Gefühle von Zerrissenheit, Unsicherheit und Leidenschaft wider. Monteverdis Kompositionen zeigen exemplarisch den Wandel in der Musik vom ‘stile antico’, dem polyphonen Vokalstil, zum ‘stile moderno’, der vom Generalbass begleiteten Monodie. Die ‘Marienvesper’ ist fast durchgehend im neuen konzertierenden Stil komponiert. Mit ihr gelingt Monteverdi die Verschmelzung von traditioneller Cantus firmus-Technik mit dem neuen dramatischen, konzertierenden Stil. Der gregorianische Choral zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Werk, er wird aber kunstvoll in die Chor- und Instrumentalstimmen eingearbeitet.

Unbekümmerte Herangehensweise

Den Lautenisten und Dirigenten Stephen Stubbs scheint der komplizierte Hintergrund des Werkes dagegen wenig zu kümmern. Zwar ist Stubbs sich bewusst, ‘auf der Schulter von Giganten’ zu stehen – er meint damit nicht zuletzt Einspielungen von Jürgen Jürgens und John Elliot Gardiner. Dennoch klingt Stubbs’ Marienvesper erfrischend unvorbelastet und unterscheidet sich in mancher Hinsicht geradezu fundamental etwa von der Gardiners. Im Gegensatz zu Gardiners majestätischer Einspielung in Venedigs Basilica San Marco mit Doppelchor und riesigem Instrumental-Aufgebot, mutet Stubbs’ Interpretationsansatz geradezu minimalistisch an. Klein die Chor- und Instrumentenbesetzung, groß der Effekt: ein dichter und gleichwohl transparenter Gesamtklang, der sogar so weit geht, dass sich Textpassagen trotz virtuoser Verschnörkelungen ohne schriftliche Vorlage problemlos verfolgen lassen. In Sachen Tempo lässt es Stubbs gegenüber Gardiner deutlich geruhsamer angehen. Die Motteten – etwa das vom überragenden Tenor John Potter getragene ‘Nigra sum’ – strahlen mystische Verzauberung aus. Und während das folgende ‘Laudate pueri’ bei Gardiner durch übertrieben stark herausgestellte dynamische Kontraste geradezu unruhig daherkommt, ist Stubbs auch hier an einer stärkeren Balance interessiert. Mit Vokalisten wie Barbara Borden, Alexander Schneider, Julian Podger oder Jelle Draijer hat Stephen Stubbs darüber hinaus intonationsstarke und flexible Stimmen jeden Alters versammelt.

Die Qualität der Aufnahme vom September 2002 ist im übrigen überragend, die Akustik der Leidener Pieterskerk für einen Mitschnitt wohl deutlich geeigneter als der Hall in San Marco.   

Einziger Wehrmutstropfen dieser Doppel-CD, die sich unter den Marienvesper-Einspielungen als frische, wenngleich nicht übertrieben forsche Interpretation etablieren könnte, ist das Booklet, das den lateinischen Text und die ohnehin spärlichen Hintergrund-Infos lediglich in Englisch und Französisch bereithält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Johannes Kloth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi, Claudio: Vespro della Beata vergine

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Atma classique
2
25.03.2003
Medium:
EAN:

CD
0722056230421


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Atma classique

Das Label ATMA - Seele oder Lebensgeist auf Sanskrit - wurde 1995 gegründet und bietet inzwischen mehr als 200 Aufnahmen von mittelalterlicher bis zu zeitgenössischer Musik mit einem besonderen Schwerpunkt im Barock. Für ihre Aufnahmen umgibt sich Johanne Goyette, Direktorin und zugleich Toningenieurin der Firma, gerne mit wagemutigen Künstlern, um in ihrem Studio Unerhörtes (und Ungehörtes) zu schaffen.
ATMA Classique vertreibt in Kanada, den Vereinigten Staaten, in Europa, Australien und Asien. Das Label erfreut sich zunehmend großen Erfolgs und genießt weltweite Anerkennung für die hohe Produktionsqualität sowohl in aufnahmetechnischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Zahlreiche Aufnahmen wurden mit Preisen (Diapason d?or, Goldberg, Prix Opus, Félix, JUNO u.a.) ausgezeichnet.
Im Juni 2004 hat ATMA Classique in Zusammenarbeit mit dem Festival Montréal Baroque den Grundstein zu einem anspruchsvollen Großprojekt gelegt: Über die nächsten fünfzehn Jahre sollen Johann Sebastian Bachs 200 geistliche Kantaten zum ersten Mal im hybriden SACD-Format (Super Audio Compact Disc) mit Surround-Sound aufgenommen werden.


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