> > > Tchaikovsky, Peter Iljitsch: Symphonies
Freitag, 28. Januar 2022

Tchaikovsky, Peter Iljitsch - Symphonies

Tschaikowsky aus Prag


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


So bleibt es eine sehr nüchterne Wiedergabe von Tschaikowskys Klangzauber- und Seelenschmerz-Musik, wo Schillern, Drive und Exaltation gefragt wären.

Die Firma Supraphon hat mit dem Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks eine neue Gesamteinspielung der sechs Symphonien von Peter Tschaikowsky (1840-1893) herausgebracht. Am Pult steht Vladimír Válek, der die Musiker seit 1996 als Chefdirigent leitet. Die vier CDs sind in einer beige-farbenen Box, mit dem knallroten Supraphon-Logo oben in der rechten Ecke, schlicht verpackt. Und in Anbetracht der vielen großartigen historischen Aufnahmen des Orchesters, besonders vom slawischen Repertoire, waren meine Erwartungen beim Öffnen der Box und beim Einlegen der CDs in den Spieler hoch... zu hoch vielleicht?

Über diese Gesamtaufnahme könnte man viel sagen. Ich möchte ein Detail herausgreifen, anhand dessen sich der Gesamteindruck am besten beschreiben lässt – das berühmte lyrische Thema aus dem ersten Satz der ‚Pathétique’ op. 74. Die Streicher aus Prag spielen diese verführerisch schöne Melodie klanggesättigt, sauber, aber ohne jeglichen Glamour-Faktor, ohne jenes süchtig machende Sehnsuchtsmoment, das Tschaikowsky in erstklassigen Aufführungen so unwiderstehlich macht. Auch die begleitenden Hörner klingen (viel zu dominant übrigens!) plump, behäbig. Es ergibt sich nicht die magische Klangfundierung, über der sich die Geigen gleißend und windend erheben. Alles zerfällt in seine technischen Einzelteile, ohne das diese ein überzeugendes Ganzes ergeben.

Das ist schade, denn viele dieser Einzelteile gelingen dem Orchester durchaus attraktiv. Zudem ist die Aufnahmequalität hervorragend. Auch die Orchesterkultur ist – an sich – sehr gut. Es fehlt jedoch das inspirierende Moment, dass die Musiker (und die Musik) zu wirklichem Leben erwecken würde, diese Symphonien zu eindrucksvollen Erlebnissen werden ließe. Ob das nur am Dirigenten Vladimír Válek liegt?

Im Vergleich zu den bedeutenden historischen Aufnahmen des Orchesters mit seinen früheren Chefdirigenten fällt auf, dass der Mut zum Pathos hier abhanden gekommen ist. Der altmodische Glanz, der das Orchester ehemals auszeichnete, wurde ersetzt durch einen relativ anonymen Allerweltsklang, bei dem lediglich die Holzbläser noch an vergangene Glorie erinnern. (Ein großes Kompliment an die gesamte Sektion – das Spiel ist herrlich, und zwar durchweg.)

Gäbe es keine alternativen Aufnahmen der Tschaikowsky Symphonien, wäre das eine akzeptable Einspielung zum Kennenlernen. Da aber gerade bei diesen populären Stücken die Konkurrenz übergroß ist (und zudem viele der Aufnahmen in preisgünstigen Editionen erhältlich sind), kann ich die Supraphon-Box nicht wirklich empfehlen. Denn da sind, auf ihre jeweils unterschiedliche Art, die Gesamtaufnahmen von Karajan mit den Berliner Philharmonikern, Abbado mit dem Chicago Symphony Orchestra oder Bernstein mit dem New York Philharmonic Orchestra doch von anderem künstlerischen Format. Zudem gibt es diverse Einzeleinspielungen, besonders der Symphonien Nr. 4 bis 6, die wiederum auf ganz unterschiedliche Weise diese neuen Prager Aufnahmen in den Schatten stellen. Erwähnt sei beispielsweise die Einspielung mit Evgeny Mravinsky und der Leningrader Philharmonie.

Ich denke, das Prager Orchester hätte das Potenzial und die Orchesterkultur, um in dieser künstlerischen ‚Preisklasse’ mitzuspielen. Es braucht dann aber einen anderen Dirigenten, mit mehr Klangphantasie, Flamboyance und Leidenschaft. So bleibt es eine sehr nüchterne Wiedergabe von Tschaikowskys Klangzauber- und Seelenschmerz-Musik, wo Schillern, Drive und Exaltation gefragt wären.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Tchaikovsky, Peter Iljitsch: Symphonies

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
24.02.2006
Medium:
EAN:

CD
0099925386221


Cover vergössern

Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Supraphon:

  • Zur Kritik... Prachtvolle orchestrale Spätwerke: Tomáš Netopil und das Radio-Symphonieorchester Prag präsentieren fünf Werke aus der Feder ihres Landsmannes Bohuslav Martinů und können dabei vollauf überzeugen. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Ausflug ins tschechische Viola-Repertoire: Jitka Hosprová engagiert sich leidenschaftlich für drei tschechische Violakonzerte, die allerdings in ihrer Substanz nur teilweise gelungen sind. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Musikstadt Prag: Supraphon bringt eine Zusammenstellung aus verschiedensten Orchesterstücken mit Bezug zu Prag heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
blättern

Alle Kritiken von Supraphon...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Kevin Clarke:

blättern

Alle Kritiken von Dr. Kevin Clarke...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Aus den Tiefen des Lieder-Waldes: Dem Lied-Duo Bostridge & Giorgini gelingt mit diesen 'Respighi Songs' ein durchaus hörenswertes Album, das so manchen Sängerinnen und Sängern als Inspiration für mögliche Liederabende dienen möge. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Berliner Oboe: Ein frisch leuchtendes Porträt Berliner Kammermusik des mittleren 18. Jahrhunderts: Xenia Löffler und ihr feines Ensemble warten mit edler Oboen-Kost auf, die eine breite Hörerschaft verdient. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Fließend Wienerisch: Günther Groissböck realisiert mit berufenen Künstlerkollegen ein Herzensprojekt. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich