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Samstag, 24. Oktober 2020

Tchaikovsky, Peter Iljitsch - Symphonies

Tschaikowsky aus Prag


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


So bleibt es eine sehr nüchterne Wiedergabe von Tschaikowskys Klangzauber- und Seelenschmerz-Musik, wo Schillern, Drive und Exaltation gefragt wären.

Die Firma Supraphon hat mit dem Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks eine neue Gesamteinspielung der sechs Symphonien von Peter Tschaikowsky (1840-1893) herausgebracht. Am Pult steht Vladimír Válek, der die Musiker seit 1996 als Chefdirigent leitet. Die vier CDs sind in einer beige-farbenen Box, mit dem knallroten Supraphon-Logo oben in der rechten Ecke, schlicht verpackt. Und in Anbetracht der vielen großartigen historischen Aufnahmen des Orchesters, besonders vom slawischen Repertoire, waren meine Erwartungen beim Öffnen der Box und beim Einlegen der CDs in den Spieler hoch... zu hoch vielleicht?

Über diese Gesamtaufnahme könnte man viel sagen. Ich möchte ein Detail herausgreifen, anhand dessen sich der Gesamteindruck am besten beschreiben lässt – das berühmte lyrische Thema aus dem ersten Satz der ‚Pathétique’ op. 74. Die Streicher aus Prag spielen diese verführerisch schöne Melodie klanggesättigt, sauber, aber ohne jeglichen Glamour-Faktor, ohne jenes süchtig machende Sehnsuchtsmoment, das Tschaikowsky in erstklassigen Aufführungen so unwiderstehlich macht. Auch die begleitenden Hörner klingen (viel zu dominant übrigens!) plump, behäbig. Es ergibt sich nicht die magische Klangfundierung, über der sich die Geigen gleißend und windend erheben. Alles zerfällt in seine technischen Einzelteile, ohne das diese ein überzeugendes Ganzes ergeben.

Das ist schade, denn viele dieser Einzelteile gelingen dem Orchester durchaus attraktiv. Zudem ist die Aufnahmequalität hervorragend. Auch die Orchesterkultur ist – an sich – sehr gut. Es fehlt jedoch das inspirierende Moment, dass die Musiker (und die Musik) zu wirklichem Leben erwecken würde, diese Symphonien zu eindrucksvollen Erlebnissen werden ließe. Ob das nur am Dirigenten Vladimír Válek liegt?

Im Vergleich zu den bedeutenden historischen Aufnahmen des Orchesters mit seinen früheren Chefdirigenten fällt auf, dass der Mut zum Pathos hier abhanden gekommen ist. Der altmodische Glanz, der das Orchester ehemals auszeichnete, wurde ersetzt durch einen relativ anonymen Allerweltsklang, bei dem lediglich die Holzbläser noch an vergangene Glorie erinnern. (Ein großes Kompliment an die gesamte Sektion – das Spiel ist herrlich, und zwar durchweg.)

Gäbe es keine alternativen Aufnahmen der Tschaikowsky Symphonien, wäre das eine akzeptable Einspielung zum Kennenlernen. Da aber gerade bei diesen populären Stücken die Konkurrenz übergroß ist (und zudem viele der Aufnahmen in preisgünstigen Editionen erhältlich sind), kann ich die Supraphon-Box nicht wirklich empfehlen. Denn da sind, auf ihre jeweils unterschiedliche Art, die Gesamtaufnahmen von Karajan mit den Berliner Philharmonikern, Abbado mit dem Chicago Symphony Orchestra oder Bernstein mit dem New York Philharmonic Orchestra doch von anderem künstlerischen Format. Zudem gibt es diverse Einzeleinspielungen, besonders der Symphonien Nr. 4 bis 6, die wiederum auf ganz unterschiedliche Weise diese neuen Prager Aufnahmen in den Schatten stellen. Erwähnt sei beispielsweise die Einspielung mit Evgeny Mravinsky und der Leningrader Philharmonie.

Ich denke, das Prager Orchester hätte das Potenzial und die Orchesterkultur, um in dieser künstlerischen ‚Preisklasse’ mitzuspielen. Es braucht dann aber einen anderen Dirigenten, mit mehr Klangphantasie, Flamboyance und Leidenschaft. So bleibt es eine sehr nüchterne Wiedergabe von Tschaikowskys Klangzauber- und Seelenschmerz-Musik, wo Schillern, Drive und Exaltation gefragt wären.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tchaikovsky, Peter Iljitsch: Symphonies

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
24.02.2006
Medium:
EAN:

CD
0099925386221


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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