> > > Dvorák, Antonin: Symphonie Nr. 5
Dienstag, 2. März 2021

Dvorák, Antonin - Symphonie Nr. 5

Dvořáks Klänge der Heimat


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


? In jedem Fall ist diese Aufnahme ein nostalgisches Juwel und der Dirigent Karel Šejna jemand, auf dessen übriges Oeuvre man neugierig wird.

Gleich bei den ersten, flirrend erregten Klängen der Einleitung zu Dvořáks 5. Symphonie hört man ihn – diesen tänzelnden, charaktervoll herben Holzbläser-Klang, der typisch für das Tschechische Symphonieorchester jener Zeit ist. Es ist eine ganz eigene Abmischung der individuellen Instrumente zu einer irgendwie ‚ursprünglichen’ (im Gegensatz zu ‚kultivierten’) Klangfarbe, die den bukolischen Ton dieser Aufnahme aus dem Jahr 1952 ausmacht. Und somit ihren besonderen Reiz.

Am Pult stand damals der Dirigent Karel Šejna, hierzulande wenig bekannt, aber doch von 1922 bis 1974 eine feste Größe im Musikleben Prags. Er kam noch als Student des dortigen Konservatoriums als Kontrabassist zur Tschechischen Philharmonie, übernahm wenig später die Leitung vom Symphonieorchester der tschechischen Eisenbahner (1925-36), war Chordirektor im Prager Gesangsverein Hlahol (1926-38) und kehrte 1938 als Dirigent zur Tschechischen Philharmonie zurück, der er bis 1974 verbunden blieb (nach dem Weggang von Rafael Kubelík war er 1950 sogar kurzzeitig ihr Chef). In hunderten Konzerten dirigierte Šejna vor allem das romantische und tschechische Repertoire, machte viele Plattenaufnahmen, u.a. vom Gesamtwerk Friedrich Smetanas, von Fibichs Symphonien und immer wieder von den Werken Dvořáks.

Als Dirigent und Orchester also 1952 im Prager Rudolfinum zusammen kamen und Dvořáks fröhliche F-Dur Symphonie Op. 76 aufnahmen, waren sie ein in jeder Hinsicht perfekt aufeinander eingespieltes Team – und das hört man. Die Musiker folgen ihrem Leiter bei jeder noch so serpentinenartigen Temposchwankung mit schlafwandlerischer Sicherheit. Das fällt am deutlichsten bei den drei Slawischen Rhapsodien Op. 45 auf, die das Team ein Jahr später (1953) einspielte. Beide Werke – die 5. Symphonie und die Rhapsodien – wurden nun von Supraphon in der ‚Archiv-Serie’ auf CD herausgebracht. Man kann sie, ohne Übertreibung, als Klassiker bezeichnen. Sie treffen den spezifisch slawischen Ton Dvořáks perfekt, das Elegische genauso wie das Derbe, das Erregte ebenso gut wie das Erzählerische. Der Dirigent verfällt bei den melodisch weit ausschwingenden langsamen Passagen niemals in süßliche Kitschigkeit, sondern bemüht sich stets um volksliedhafte, vibratoarme Schlichtheit. Ihr stehen die ungeschönten, schroff-energischen Passagen effektvoll gegenüber, die mit majestätischer Wucht immer wieder dazwischen fahren und Akzente setzen. Die Musik verliert durch die genau dosierte Wechselwirkung nie ihren Drive, ihren Puls, ihre Eigenart. Und der Dirigent verliert sich nie in Details, hat stets das große Ganze im Blick und malt Dvořáks Heimat-Impressionen mit deutlichen, jedoch niemals grellen Farben wirkungsvoll aus.

Es gibt sicher spektakulärere Aufnahmen dieser Stücke, bei denen die eine oder andere Stelle knalliger gelungen ist. Aber kaum eine Aufnahme hält zwischen allen Elementen eine so ideale Balance wie diese. Man spürt, dass die Musik allen Beteiligten Herzensangelegenheit ist – und dass sie mit ihr durch und durch vertraut sind. Kein Detail wirkt zufällig, kein Akzent ungewollt, und dennoch hat man den Eindruck größter Spontaneität. Es ist eine ganz eigene, vorbildliche Wirkung, die der Aufnahme der Rhapsodien nicht zufällig den renommierten ‚Grand Prix de l’Association Française’ einbrachte.

Wenn es etwas zu bemängeln gibt, dann ist es die Klangqualität: Sie ist zwar für 1952/53 akzeptabel, wirkt aber für heutige Ohren manchmal sehr dumpf. Besonders bei den immer wieder angesteuerten eruptiven Höhepunkten merkt man, dass die tschechische Technik damals nicht in der Lage war, die Klangmassen differenziert einzufangen. Auch fehlt es dem Sound manchmal an Tiefe und Körper. Aber vielleicht kommt gerade davon der besondere Holzbläser-Klang? In jedem Fall ist diese Aufnahme ein nostalgisches Juwel und der Dirigent Karel Šejna jemand, auf dessen übriges Oeuvre man neugierig wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorák, Antonin: Symphonie Nr. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
17.05.2005
Medium:
EAN:

CD
0099925385224


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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