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Samstag, 2. Juli 2022

Mozart, Wolfgang Amadeus - The Great Mass

(Wie) tanzt man eine Messe?


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Produktion hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, ist aber ein diskussionswürdiger, origineller Beitrag zum Mozartjahr

Schon bei seiner Uraufführung 2003 hat das vom 2004 verstorbenen Leipziger Ballettchef Uwe Scholz choreographierte Ballett ‚The Grat Mass’ Publikum und Presse gespaltet. Nun ist es ja tatsächlich aus vielerlei Gründen bedenklich, ein für die Liturgie geschriebenes großes Chorwerk wie Mozarts c-Moll-Messe zu ‚vertanzen’ und ganz ehrlich gesagt will ich dieses Werk auch nicht getanzt sehen, will heißen: In meiner Vorstellung von der c-Moll-Messe hat Tanz keinen Platz. Doch damit nicht genug, hat Scholz in seinem Opus die Messe mit gregorianischem Choral, Werken von Kurtag (unter anderem Bach-Transkriptionen), Arvo Pärt und Thomas Jahn sowie Gedichten von Paul Celan kombiniert, sodass musikalisch ein postmodern stilpluralistisches Konglomerat herausgekommen ist.

Wie tanzt man eine Messe? Die Choreographien und Bilder von Schulz arbeiten mit Archetypen, mit lichtgezeugten Stimmungen, dem Kontrast von Individuum und Kollektiv – bei mir hält sich das Gefühl, dass diese nicht unattraktive ‚Tanzerei’ unnötig ist, ich ertappe mich dabei, die Augen zuzumachen und der Musik zu lauschen, die eben für sich spricht und in sich genug Ausdruck hat. Bei alledem ist der Choreographie zu attestieren, dass sie sich genauestens an der Musik orientiert, mit ihr ‚atmet’. Etwas banal scheint mir die Gleichsetzung von Ballettsoli mit musikalischen Soloabschnitten, zum Teil gewissermaßen 1:1 wie im Benedictus, wo zwei Tänzerinnen für Sopran und Alt und zwei Tänzer für Tenor und Bass stehen. Die vertanzten Abschnitte von Mozarts c-Moll-Messe sind aus diesem Grund für mich die Schwachpunkte, ebenso schwer erträglich ist der Missbrauch von gregorianischem Choral, Musik, die wortgezeugt und aufs Engste mit der Liturgie verknüpft ist, als Stimmungsmusik, bewusst oder unbewusst einer zeitgeistigen Mode folgend. Musikalische und szenische Höhepunkte sind hingegen die einfühlsam choreographierten sensiblen Bach-Transkriptionen von György Kurtág. Was für eine musikalische Perle zum Beispiel die Sinfonia zum ‚Actus tragicus’ ist, das ist mir erst in der kargen, schlichtweg ergreifenden Fassung für Klavier so richtig bewusst geworden.

Die Leistungen des Ballettensembles und der Tanzsolisten kann ich mangels entsprechender Kenntnisse nicht beurteilen; auf der musikalischen Seite des Ganzen ist primär Erfreuliches zu vermelden. Auf hohem Niveau wird hier eine traditionelle, aber nicht romantisierend schwelgerische Wiedergabe von Mozarts ‚Großer Messe’ geboten. Der nicht eben kleine Chor der Leipziger Oper erweist sich als flexibler Klangkörper mit beachtlicher Ensemblekultur. Dass Mozart ‚Ave verum corpus’ wie ein zäher Teig bis zur Unkenntlichkeit ausgewalzt wird und dabei an Binnenspannung einbüßt, ist nicht dem Chor anzulasten, sondern wohl entweder dem Dirigenten oder dem Choreographen als dem Verantwortlichen für das Gesamtkonzept Eunyee You, Marie-Claude Chappuis, Werner Güra und Friedemann Rohlig bilden ein homogenes Solistenensemble; Frau You erfreut durch einen helle, koloraturensichere Sopranstimme mit wohldosiertem Vibrato. Ihre Darbietung des ‚Et incarnatus est’ vermag auch gegenüber prominenterer Konkurrenz zu bestehen (von kleineren Unsicherheiten gegen Schluss einmal abgesehen). Alle vier verzichten auf opernhafte Attitüde.

Das Orchester zeigt sich bestens disponiert, findet auch zu federnder Leichtigkeit (Credo) und kammermusikalischem Ensemblespiel (exzellente Bläsersoli im ‚Et incarnatus est’!). Die Produktion hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, ist aber ein diskussionswürdiger, origineller Beitrag zum Mozartjahr.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:





Dr. Franz Gratl Kritik von Dr. Franz Gratl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: The Great Mass

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
24.10.2005
Medium:
EAN:

DVD
0880242546081


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Mozart, Wolfgang Amadeus


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Dirigent(en):Hocsár, Balázs
Orchester/Ensemble:Gewandhausorchester Leipzig


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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