> > > Fauré, Gabriel: Requiem
Freitag, 19. Juli 2019

Fauré, Gabriel - Requiem

Erdentrückende und heitere Entschwebung


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Um eines gleich vorwegzunehmen: Diese von BIS herausgebrachte SACD macht Spaß.

Die Liste der Aufnahmen mit dem Requiem Gabriel Faurés ist recht lang, sehr häufig wird es mit dem Requiem Maurice Duruflés kombiniert. Braucht man unbedingt noch eine Einspielung? Nicht unbedingt, mag man denken. Aber nur, bis man die Interpretation des Schwedischen Rundfunkchores unter der Leitung Frederik Malmbergs hört. Um eines gleich vorwegzunehmen: Diese von BIS herausgebrachte SACD macht Spaß.

Faurés Requiem ist ein kleines Kuriosum der Musikgeschichte, steht es doch abseits der großen Tradition des 19. Jahrhunderts, das sich voller Inbrunst auf das ‘Dies irae’ stürzte und diesen Satz zum nervenaufreibenden Zentrum der Totenmesse erhob, genannt seien hier nur Berlioz und Verdi. Auf Dramatik und Theatralität verzichtet Fauré vollkommen, vielmehr zielt er auf Innigkeit. Seine Musik ist sanft und weich, vermittelt Güte, ohne die Seelen der Verstorbenen mit den Schrecken des Höllenfeuers und des Jüngsten Gerichts zu konfrontieren. Die zentralen Aussagen lauten Verzeihung, Vergebung und Erlösung. Im Zentrum des Requiems, in dem Nadia Boulanger ‘eines der bedeutendsten Werke von Gabriel Fauré und all denen, die die Musik und den Geist hoch schätzen’ sah, steht als vierter Satz ein ‘Pie Jesus’, dem Camille Saint-Saëns besondere Wertschätzung entgegenbrachte. Der Höhepunkt der erdentrückenden und heiteren Entschwebung wird im abschließenden ‘In paradisum’ erreicht: ‘Ins Paradies mögen Engel dich geleiten […], wohne in ewiger Ruhe’. Fauré selbst bemerkte zu seinem Requiem, das auf bestimmte Textteile der Liturgie verzichtet (Dies irae, Tuba mirum, Rex tremendae), jemand habe es ein ‘Wiegenlied des Todes’ genannt. ‘Aber genau so verstehe ich den Tod: eher eine freudige Erlösung und Hoffnung auf jenseitiges Glück als ein schmerzvoller Übergang.’

Maurice Duruflé (1902-1986) ist wohl einer der selbstkritischsten Gestalten der Musikgeschichte. Bis zu seinem Tod im Alter von immerhin 84 Jahren hat er nur 12 Werke veröffentlicht, unter denen sein Requiem einen herausragenden Platz einnimmt. Als der Kompositionsauftrag an ihn erging, war er gerade mit der Arbeit an einigen Orgelstücken beschäftigt, die musikalisches Material der lateinischen Totenmesse verarbeiteten. Hiervon ließ Duruflé sich inspirieren und legte die gregorianischen Melodien auch seinem Requiem zugrunde. Die musikalische Anlage sowie die charakteristische Kürzung des traditionellen Textes läßt vermuten, daß das Requiem von Fauré als unmittelbare Vorlage gedient hat. Doch Duruflé geht weiter, kombiniert Gregorianik, Polyphonie mit reichen Harmonien und erreicht eine sehr persönliche Vereinigung dieser scheinbar nicht zu vereinenden Stilelemente, wobei dir Grundstimmung des Werkes dem Requiem Gabriel Faurés sehr nahe steht. Unmittelbar nach der Uraufführung 1947 wurde das Werk als Meisterwerk anerkannt.

Insgesamt existieren drei von Duruflé komponierte und autorisierte Fassungen des Requiems: für großes Orchester und Orgel, für Orgel allein sowie für Orgel und kleines Instrumentalensemble. Auf der vorliegenden SACD ist die Fassung für Orgel allein zu hören, gespielt vom international renommierten Organisten Mattias Wager, der sich unter anderem mit mehreren Orgeltranskriptionen einen Namen gemacht hat. Eine davon – nämlich die Bearbeitung des Requiems von Fauré – ist hier erstmals zu hören. Diese neue Version überzeugt vollkommen, fängt sie doch den lichten Orchestersatz perfekt ein. Wagers Spiel ist farbig und differenziert, drängt sich dabei niemals in den Vordergrund, sondern begleitet den hervorragend musizierenden Schwedischen Rundfunkchor unter Frederik Malmbergs Leitung mit gebührender Zurückhaltung. Pauschales Lob steht auch den drei Solisten Miah Persson, Malena Erdmann und Olle Persson zu. Insgesamt sei all denen, die diese beiden wunderschönen Werke nicht kennen, besonders ans Herz gelegt, aber auch all jenen, die Spaß an einem kultivierten Chorklang haben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Markus Rubow Kritik von Markus Rubow,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Fauré, Gabriel: Requiem

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
18.11.2005
Medium:
EAN:

CD
7318599912066


Cover vergössern

Duruflé, Maurice
Fauré, Gabriel


Cover vergössern

Dirigent(en):Malmberg, Fredrik
Interpret(en):Persson, Miah
Persson, Olle
Ernman, Malena
Wager, Mattias


Cover vergössern

BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag BIS Records:

  • Zur Kritik... Meisterliche Mugge: Freunde der romantischen Kammermusik für Klavier und Streicher dürften mit dieser hybriden SACD ihre Freunde haben. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Brillant bewegter Brahms: Auch bei Brahms gelingt dem eingespielten Team des Schwedischen Kammerorchesters mit Thomas Dausgaard als Ideengeber eine fulminante eigene Lesart: Neben fein abgestimmten Klangmischungen überrascht und begeistert vor allem die Tempi-Regie. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Glanzvoll und geistvoll: Alexandre und Jean-Jacques Kantorow brillieren mit drei Klavierkonzerten von Camille Saint-Saëns zusammen mit der Tapiola Sinfonietta. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von BIS Records...

Weitere CD-Besprechungen von Markus Rubow:

  • Zur Kritik... Ein bisschen wie Bach: Mit Frank Martins Passionsoratorium 'Golgotha' fügt Daniel Reuss seiner Diskographie ein weiteres Glanzstück hinzu und verschafft dem Werk die ihm gebührende Aufmerksamkeit. Weiter...
    (Markus Rubow, )
  • Zur Kritik... Auf Händels Spuren: Fernab aller Best of-Sampler präsentiert die Freitagsakademie ein Konzeptalbum, das durch undogmatisches und unverkrampftes Spiel vollends überzeugen kann. Weiter...
    (Markus Rubow, )
  • Zur Kritik... Der Experte schreibt, der Laie versteht: Lewis Lockwood gelingt es in seinem großartigen Beethoven-Buch, Werk und Biographik eindringlich zu verzahnen, ohne auf die simple Manier zu verfallen, das Werk aus biographischen Details erklären zu wollen. Eher umgekehrt. Dafür gebührt dem Autor Lob. Weiter...
    (Markus Rubow, )
blättern

Alle Kritiken von Markus Rubow...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Inspiriert: Das United Continuo Ensemble befreit Johann Erasmus Kindermann gemeinsam mit Ina Siedlaczek und Jan Kobow aus seinem Schicksal einer bloß historischen oder papierenen Größe: inspirierte Musik, köstlich gesungen und gespielt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Musik aus Andalusien: Das Orquestra Baroca Sevilla bringt eine CD mit Trauermusik aus dem Andalusien des 18. Jahrhunderts heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Les Rarissimes de Gina Bachauer: Die griechische Pianistin Gina Bachauer hätte eine vertiefte diskografische Erkundung verdient. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonia VIII in D major - Allegro molto - piu Presto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich