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Samstag, 28. Mai 2022

Hartmann, Karl Amadeus - Das Klavierwerk

Ein Sinfoniker am Klavier


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ohne Probleme lässt sich hier von der vielzitierten ‚Bekenntnismusik’ sprechen.

Als einer der bedeutendsten Sinfoniker des 20. Jahrhunderts darf er gelten, und mit der Konzertreihe ‚Musica viva’, mit der sein Name fast untrennbar verbunden ist, hat er Gewaltiges für das Musikleben im Deutschland nach der Nazi-Diktatur getan: Karl Amadeus Hartmann (1905-1963). Neben den gewichtigen Sinfonien – acht an der Zahl – gerät manch andere Werkgruppe schnell ins Abseits; so auch die wenigen Klavierwerke, die man gerade eben eine CD füllen und vom Label musicaphon nun gesammelt vorgelegt wurden.

Zwei Gruppen

Grob gesagt können Hartmanns Klavierkompositionen, die allesamt vor dem ‚Neuanfang’ in Deutschland entstanden sind, in zwei Gruppen eingeteilt werden: In die erste Gruppe fällt als einziges Werk die schwergewichtige Sonate ‚27. April 1945’, die durch die erschütternden Bilder eines Gefangenenmarschs inspiriert worden ist. Ohne Probleme lässt sich hier von der vielzitierten ‚Bekenntnismusik’ sprechen; der politische Hintergrund hat Hartmann dann später auch von der Sonate Abstand nehmen lassen. Mit den Werken der zweiten Gruppe ist das aber nicht viel anders gewesen: Hier kann man einen experimentierfreudigen Komponisten gewissermaßen bei der Arbeit beobachten, indem er durch das Erproben verschiedener Stile eine eigene Klangsprache zu finden hofft; kein Wunder also, dass der ‚reife’ Hartmann von diesen ‚Schülerarbeiten’ später nichts mehr wissen wollte. Es liegen vor: zwei ‚Kleine Suiten’, ‚Jazz-Toccata und Fuge’, eine Sonatine sowie als spätestes Werk die 1. Klaviersonate. Neben der offensichtlichen Faszination für den Jazz lässt sich als deutlichstes Vorbild Paul Hindemith und dessen ‚neue Sachlichkeit’ ausmachen.  

Angemessene Interpretationen

Wolfgang Döberlein, der auch den sehr umfangreichen und fachkundigen Beitrag im großzügig bebilderten Textheftchen verfasst hat, bietet überzeugende Interpretationen dieser bisweilen sperrigen Klaviermusik an. Die geballte rhythmische Energie etwa der Toccaten (‚Jazz-Toccata’ und erster Satz der 1. Klaviersonate) kommt verlustfrei herüber, aber auch gefühlvolle Stellen, wie etwa der langsam und verhalten ausklingende Schluss der Sonatine werden sehr überzeugend ausgearbeitet. Das Spiel Döberleins ist von einer gewissen trockenen Härte, die dieser nicht selten primär rhythmisch empfundenen und klanglich harschen Musik höchst angemessen ist. Die Klangqualität der Aufnahmen (entstanden 2005) kann durch die gute Erfassung und Vermittlung des Klavierklangs durchaus überzeugen; auf ein leichtes, letztlich zwar nicht störendes, wenn aber eben doch wahrnehmbares Hintergrundrauschen hätte der Musikfreund sicher aber auch verzichten können.

Etwas für Sammler und Lückenschließer

Generell dürfte die Scheibe eher für Hartmann-Fans geeignet sein, die jetzt auch noch kennen lernen wollen, was ‚ihr’ Komponist für Klavier geschrieben hat. Aufgrund des noch wenig ausgeprägten Personalstils sollte ein Einstieg in das Œuvre Hartmanns hiermit besser nicht erfolgen; auch ein angehender Wagnerianer wird seine Plattensammlung ja nicht mit der C-Dur-Sinfonie eröffnen. Leider fehlt den ‚Studienwerken’ auch – trotz vieler interessanter Stellen – der nötige Tiefgang, als dass ihnen in dieser massierten Form mit der gleich zu Beginn auf den Hörer losgelassenen Sonate ‚27. April 1945’ das nötige Gegengewicht gegenübergestellt werden könnte. Trotz alledem: Die Produktion hat einen nicht zu unterschätzenden Wert für Sammler und Lückenschließer.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hartmann, Karl Amadeus: Das Klavierwerk

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Musicaphon
1
14.10.2005
72:03
2005
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476568560
mus556856


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Hartmann, Karl Amadeus
 - Sonate -
 - Jazz-Toccata und Fuge (1928) -
 - Sonatine (1931) -
 - 1. Sonate für Klavier (1932) -
 - Kleine Suite Nr. 1 -
 - Kleine Suite Nr. 2 -


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Interpret(en):Döberlein, Wolfgang


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"Etwa ab 1948 konnte Karl Amadeus Hartmann sich fest im Kulturbetrieb der Bundesrepublik etablieren: steigende Aufführungszahlen seiner Werke und eine sich bis ins Ausland verbreitende Anerkennung als Konzertplaner und -veranstalter fanden ihren Niederschlag in vielfältigen Auszeichnungen und Ehrungen. Auch gab es in dieser Zeit Angebote zur Übernahme bedeutender Positionen im bundesrepublikanischen Musikleben. Jedoch lehnte Hartmann alle diese Angebote ab, da er sich nie von seiner Heimatstadt München lösen konnte. Hartmanns kompositorisches Schaffen ist in den Folgejahren vorwiegend großen Orchesterwerken gewidmet, und der Ruf als bedeutender Symphoniker des 20. Jahrhunderts manifestiert sich. Seine Werke für Soloklavier entstanden alle im Zeitraum von ca. 1924 bis 1945 (bzw. 1948), unterbrochen durch die Zeit des Nazi-Regimes und des 2. Weltkrieges. Zunächst entstanden die beiden „Kleinen Suiten“ (1924 - 26), es folgten die „Jazz-Toccata und Fuge“ (1928), die „Sonatine“ (1931) sowie die „Erste Sonate für Klavier“ (1932). Den Abschluss in Hartmanns Klavierschaffen bildet die Sonate „27. April 1945“, sein wohl bedeutendstes Klavierwerk und eine der letzten großen Klaviersonaten des 20. Jahrhunderts überhaupt. "


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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