> > > Antheil, George: Symphony No 4 '1942'
Sonntag, 17. Oktober 2021

Antheil, George - Symphony No 4 '1942'

Spannend wie ein Tatort


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hinter dieser Interpretation stecken viel Liebe und Arbeit.

Das Label cpo (classic productions osnabrück), dessen CD's ausschließlich über den Plattenvertrieb jpc zu beziehen sind, hat sich mit der Produktion bisher weitestgehend nicht eingespielter aber unglaublich interessanter Werke unter die Top 10 der Plattenfirmen katapultiert. Hier werden oft - in Zusammenarbeit mit den E-Musik-Abteilungen der ARD-Rundfunkanstalten - CD's auf höchstem Niveau produziert, die die Silberlinge der Global-Player nicht selten weit an Qualität und Repertoirewert überflügeln. Dies trifft auch auf die Serie mit den Sinfonien von George Antheil (1900-1959) zu, in der nun die Sinfonien 4 und 5 erschienen sind; eingespielt vom Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt unter der Leitung von Hugh Wolff, der sich schon mit seinem St. Paul Chamber Orchestra als Klangtüftler und Mann für Feinheiten erwiesen hat. So ist er für Antheil genau der richtige Dirigent. Denn Antheils Musik ist komplex; etwa so komplex wie Mahler, so rhythmisch verschachtelt wie der mittlere Stravinsky - übrigens Antheils großes Vorbild -, melodisch ansatzweise wie Weill und so gespalten wie Schostakovitsch. Ähnlich wie bei Schulhoff finden die verschiedensten Strömungen in Antheils Musik ihre Symbiose, die wahrhaft spannend, amüsant und brillant ist. Nun mögen solche Vergleiche den Eindruck erwecken, als sei Antheil ein Epigone gewesen. Vielleicht war er das manchmal, aber bestimmt nicht immer. Wie schreibt der scharfsinnige und überaus gewitzte Eckhardt van den Hoogen im hervorragenden Beiheft der CD: Wer für sich akzeptieren kann, dass sich an verschiedenen Orten gleiche oder ähnliche Dinge zur selben Zeit ereignen können, der wird zweifellos weit mehr Fragen zu beantworten wissen als der hoffnungslose Sucher, für den es nichts anderes gibt als das Einzigartige und die Kopie. George Antheil mag hier als Musterbeispiel für das Unverständnis dienen, das des Highlanders Motto ‚Es kann nur einen geben' mit sich bringt.

Ja! Das ist einzigartig und doch so vertraut. George Antheil - ein charismatischer Feuerkopf, der bei Bloch lernte - lebte ein bewegtes Leben: Von den USA nach Paris, von Paris in die USA, Erfinder eines ferngesteuerten Torpedos, Essayist und Pianist sowie Komponist - auch im Bereich des Films -, der in seinen Maschinenmusiken nicht davor zurückschreckte, einen Flugzeugmotor auf die Bühne zu bringen und den Zuhörern mittels Propeller die Programmhefte aus den Händen zu fegen. Erfolge und Misserfolge wechselten sich ab, bis er mit seiner vierten Sinfonie endlich den Durchbruch schaffte.

Ebenso aufregend und verwirrend wie seine Biographie ist seine kompositorische Hinterlassenschaft, deren Sichtung und Ordnung einige Jahre gedauert hat. All das ist im luxuriösen - aber leider mit einigen Schreibfehlern durchsetzen - Text des Beiheftes nachzulesen. Also zur Musik: Häufige Stimmungswechsel. Viel Blech. Marschrhythmen als verzerrte Fratzen wie bei Mahler und Schostakovitsch mit einem Spritzer Richard Strauss. Sicher klingt hier der Filmmusikkomponist durch; aber auch der Erfinder herber Melodien und komplexer Strukturen. Diese Musik ist manchmal spannend wie ein Tatort und manchmal so bewegend wie Legenden der Leidenschaft. Die Werke Antheils sind lohnende Entdeckungen, die in jeden sehr gut sortierten Plattenschrank gehören.

Das Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt spielt unter der Leitung von Hugh Wolff diszipliniert und feinfühlig. Die Musiker sind in der Lage, Wolffs differenziertem Dirigat strikt zu folgen, der einer jener wenigen Taktstockvirtuosen ist, die auf die Staffelung von Akkorden wert legen. Auffällig ist zudem die enorme Klangdisziplin. Da spielen die Blechbläser mal mit geradem symphonischem Sound, mal mit dickem Vibrato und mal mit schmalzigem Salon-Musik-Ton. Hinter dieser Interpretation stecken viel Liebe und Arbeit. Angesichts dieser Leistung, der hervorragenden Verarbeitung und der brillanten Aufnahmequalität ist diese Platte also sehr zu empfehlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Antheil, George: Symphony No 4 '1942'

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.09.2000
63:03
1998
2000
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0761203970629
999 706-2

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Antheil, George


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Dirigent(en):Wolff, Hugh
Orchester/Ensemble:Frankfurt RSO


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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