> > > Korngold, Erich Wolfgang : The Film Music of Erich Wolfgang Korngold
Montag, 24. Januar 2022

Korngold, Erich Wolfgang - The Film Music of Erich Wolfgang Korngold

Ohne Gunst der gekochten Kartoffel


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


‚The Sea Wolf’ komplett - ein Muss für den Korngold-Freund.

Lange hat die treue Gemeinde der Anhänger von Erich Wolfgang Korngold warten müssen, bis der Plattenmarkt einmal wieder eine Kompletteinspielung einer seiner Filmmusiken herausbringt. Während die Musiken zu den Filmen ‚Anthony Adverse’, ‚The Adventures of Robin Hood’, ‚The Private Lifes of Elizabeth and Essex’, ‚The Sea Hawk’ oder ‚Kings Row’, um nur einige zu nennen, seit Jahren als Weltersteinspielungen oder als Veröffentlichungen des originalen Soundtracks existieren, war die Musik zu ‚The Sea Wolf’ bislang ein Desiderat. Rumon Gamba hat mit dem BBC Philarmonic dem langen Warten ein höchst erfreuliches Ende bereitet.

Die Geschichte

Schon 1937 hatten Warner Brothers das Projekt verfolgt, Jack Londons ‚The Sea Wolf’ zu verfilmen. Der Ausbruch des Krieges verhinderte dies jedoch zunächst, bis 1940 in den Studios der Filmfirma ein gewaltiges Wasserbassin gebaut wurde und Warner durch eine ganze Reihe von Seeabenteuern die Kassen klingeln lassen konnten. ‚Der Herr der sieben Meere’ alias Erroly Flynn tobte sich als Freibeuter in diesem überdimensionierten Planschbecken einträglich aus und wie schon in ‚The Adventures of Robin Hood’ ließ Warner-Hauskomponist Erich Wolfgang Korngold dazu seine unnachahmlichen Fanfaren und Swashbuckler-Scherzi erschallen. Natürlich sollte er auch für die Musik zu ‚The Sea Wolf’ verantwortlich zeichnen.

Der Stoff des Romans zählt zu den meistverfilmten der Kinogeschichte. Mindestens zehn Adaptionen sind zu verzeichnen, nicht zu vergessen die unsägliche TV-Produktion aus den 1970er Jahren mit Raimund Harmsdorf, der schauspielerisches Können gegen das Zerdrücken einer gekochten Kartoffel eintauschte. Ganz ohne die Gunst dieses Meilensteins der Tricktechnik kommt die Verfilmung von Michael Curtiz aus dem Jahr 1941 aus. Seine Regiearbeit lässt bereits die Effekte des ‚film noir’ aufleuchten und mit Edward G. Robinson nahm sich ein Schauspieler der Rolle des Seewolfs an, der durch seine schiere Präsenz den Film auch heute noch zu einem Erlebnis macht. Doch worum geht es? Drei Schiffbrüchige werden von dem Robbenfänger ‚Ghost’ aufgenommen, der unter dem Kommando des sadistischen Wolf Larsen steht. Seine Mannschaft meutert schließlich ob dieses grausamen Mannes, der nebenbei auch noch seinem nicht minder kerbholzbeschnitzten Bruder nachjagt. Dem obligatorische Liebespaar Ruth Webster und George Leach ist am Ende eine glücklichere Zukunft beschieden als Larsen: er stirbt, an grünem Star erblindet, beim Untergang seines Schiffs.

Die Musik

Nie ist Erich Wolfgang Korngold der Dramaturgie seiner Opern ‚Die tote Stadt’ und ‚Das Wunder der Heliane’so nahe gekommen wie in der Musik zu ‚The Sea Wolf’. Gemäß der düsteren Stimmung des Films, fehlen hier die trompetenüberglänzten Versatzstücke, Korngold schuf stattdessen eine ungemein atmosphärisch dichte Musik, episch und zugleich von unerbittlicher Aggressivität. Dissonanzgeballte Spannung entlädt sich eruptiv. Noch dazu baute Korngold seine Musik explizit leitmotivisch auf und verlieh dieser Filmmusik eine Stringenz, die auch ohne das Filmbild auskommen kann. Packende Dramatik erwartet hier den Hörer, leidlich aufgelöst in dem kontemplativen Liebesthema, eingeführt auf der Mundharmonika, eines der ergreifendsten Themen, die Korngold aus der Feder geflossen sind.

Die Intensität der Musik und ihre Binnenspannung werden von Rumon Gamba in einem für ihn außergewöhnlich dicht geführten Dirigat umgesetzt. In der Reihe ‚Chandos Movies’ brillierten er und das BBC Philharmonic schon sehr häufig mit teilweise Weltersteinspielungen von Filmmusiken britischer und anderer Komponisten. Selten aber, ja nie sind die Interpretationen von Rumon Gamba so dezidiert über sich hinausgewachsen und haben die atmosphärische Dichte einer Komposition so punktgenau, so spannend, so stringent eingefangen wie hier. Während manch andere Aufnahme mit dem BBC Philharmonic stellenweise an der schaustückhaften Statik des Vortrags litt, zeigt sich das Orchester in der Gesamteinspielung von Korngolds ‚The Sea Wolf’ als kongenialer Umsetzer dieser Musik. Die Musiker bilden die Dramatik der Musik nicht nur ab, sie saugen sie förmlich ein und atmen sie aus. Hier stimmen Dynamik und korngoldeske Phrasierung, hier lässt sich hören, was Korngold vorschwebte, wenn er von seinen Filmmusiken als ‚Opern ohne Gesang’ sprach. Gamba hat die Partitur sorgfältig studiert und schafft trotz des massiven Orchesterapparats, inklusive eines ‚Novachords’ der Firma Hammond (dem ersten Synthesizer der Welt), ein überaus gut durchhörbares Klangbild. Orchestrale Effekte blitzen leuchtend auf, das Schlagwerk hat mehrmals seine große Stunde, Streicher und Bläser überzeugen durch die Präsenz einer vollvolumigen Tongebung. Die Tontechnik hat zudem das Klangbild dieses Mal weniger distanziert, weniger unbeteiligt ausbalanciert und steigert so die Intensität des großen Zugs der Musik. Ein prachtvoll verfasstes und ausgestattetes Booklet rundet diese sehr zu empfehlende Korngold-Veröffentlichung ab.

Als Dreingabe bietet die CD zusätzlich eine 16minütige Suite aus ‚The Adventures of Robin Hood’ mit den besten Themen der Filmmusik. Zwar erschien die komplette Musik vor wenigen Jahren bei Marco Polo, gespielt vom Moskauer Symphonieorchester unter der Leitung von William Stromberg, doch können sich die Moskauer Musiker in Sachen Akkuratesse mit ihren englischen Kollegen nicht unbedingt messen. Hier jedenfalls bekommt der Hörer Kongolds Abenteuermusik sauber musiziert auf den Silberling.

‚The Sea Wolf’ komplett – ein Muss für den Korngold-Freund.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Korngold, Erich Wolfgang : The Film Music of Erich Wolfgang Korngold

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
21.10.2005
Medium:
EAN:

CD
0095115133620


Cover vergössern

Korngold, Erich Wolfgang


Cover vergössern

Dirigent(en):Gamba, Rumon
Orchester/Ensemble:BBC Philharmonic Orchestra


Cover vergössern

Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Chandos:

  • Zur Kritik... Harmonisches Echo: Abseits der gängigen und hierzulande viel zu selten gespielten Operetten Arthur Sullivans bietet dieses Doppelalbum die Chance, den 'anderen', nämlich den ernsteren Sullivan zu entdecken. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Die Schöne und der Wolf : Der Dirigent John Wilson lässt mit der Sinfonia of London Orchesterwerke von Henri Dutilleux in schönstem Glanz erstrahlen. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Zwei Komponistinnen und ein Bassist: Zwei große Klavierquintette aus den USA sind echte Entdeckungen, in vorbildlicher Interpretation. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Chandos...

Weitere CD-Besprechungen von Erik Daumann:

  • Zur Kritik... Packende Symphonik: Sakari Oramo legt, trotz diskographisch enormer Konkurrenz, mit Elgars Erster Symphonie eine Referenzaufnahme vor. Weiter...
    (Erik Daumann, )
  • Zur Kritik... Fern der tödlichen Realität: Flautando Köln lässt die Tudor-Rose erblühen – nicht in der Farbe des Blutes, sondern im Zeichen eines differenzierten Blicks auf eine musikalisch reiche Epoche. Weiter...
    (Erik Daumann, )
  • Zur Kritik... Rustikale Schönheiten: Die tschechische Aufnahme des 'Spalicek' von Martinu überzeugt durch farbig-markante Spielfreude aller Beteiligten. Weiter...
    (Erik Daumann, )
blättern

Alle Kritiken von Erik Daumann...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Stupende Qualität: Buxtehude, Teil zwei: Die Qualität der Interpretation ist angesichts der Diskografie Friedhelm Flammes keine Überraschung. Eine Gesamteinspielung, die trefflich gerät und von Belang ist. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Scharfe Proportionen: Boris Giltburg mit frühem Beethoven Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Baskische Schmuggler und tanzende Satyre : Die Suiten aus 'Ramuntcho' und 'Cydalise et le Chevre-pied' des Impressionisten Gabriel Pierné verzaubern in der Wiedergabe durch Darrell Ang und das Orchestre National de Lille. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich