> > > Tippett, Sir Michael: The Rose Lake
Dienstag, 7. April 2020

Tippett, Sir Michael - The Rose Lake

Grosse Symphonik aus England


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tippetts Musiksprache ist, trotz aller zeitbedingten Skandale, als gemäßigt modern zu bezeichnen.

Sir Michael Tippett (1905-1998), dessen Lebensspanne fast das ganze 20. Jahrhundert umfaßte, muß als einer der bedeutendsten britischen Komponisten jenes Säkulums gelten. In seinem nahezu alle Gattungen bedienenden kompositorischen Schaffen, das ihm seit den späten 1930er Jahren größere Aufmerksamkeit bescherte, markieren die vier Symphonien unterschiedliche Entwicklungsstufen seines Personalstils. Sind die ersten beiden Symphonien (von 1944/45 und 1956/57) abstrakte, viersätzige Werke, die dem großen Vorbild Beethovens verpflichte sind, zu dem sich Tippett ausdrücklich bekannt hat, so nimmt die 3. Symphonie (1970-72) von Dissonanzen und – zeittypischen – Materialfragmenten geprägt, auch (von einem Sopran gesungene)leidenschaftliche Bluesabschnitte mit auf. Die einsätzige 4. Symphonie (1976/77) schließlich kann in ihrer Konzentration als Syntheseversuch von abstrakter Symphonik und Elementen einer Tondichtung angesehen werden, zwei zentralen formalen Konstanten in Tippetts Schaffen.

Erstzunehmende Interpretationen

Tippetts Musiksprache ist, trotz aller zeitbedingten Skandale, als gemäßigt modern zu bezeichnen. Mußte die 1. Symphonie bei ihrer Londoner Uraufführung im Februar 1953 durch das BBC Symphony Orchestra unter Adrian Boult noch während des Satzes abgebrochen werden, da Probleme mit Notation und Stil des Werkes einige Orchestermitglieder schlichtweg überfordert hatten, wie man in Tippetts Autobiographie ‚Those Twentieth Century Blues’ nachlesen kann, so glichen die Uraufführungen seiner letzten Kompositionen, als anerkannter und renommierter Komponist, großen Triumphen. Tippetts Biographie und kompositorisches Schaffen, beziehungsweise dessen Akzeptanz, folgen insofern typischen Rezeptionsmustern der Moderne.

In den deutschsprachigen Ländern gilt es Tippett eigentlich erst noch zu entdecken; zwar findet man einzelne Werke von ihm immer mal wieder in Konzertprogrammen (meist unter britischen Dirigenten wie Colin Davis, die sich für ihren Landsmann stark machen), doch lediglich sein Oratorium ‚A Child of our Time’ kann auf eine gewisse Aufführungskonstanz hierzulande zurückblicken. Selbst 2005, im Jahr des 100. Geburtstages des Komponisten, war, anders als in England, von einer verstärken Beschäftigung mit Tippetts Oeuvre in deutschen Konzertsälen oder auf deutschen Opernbühnen kaum etwas zu bemerken. Da kommen zwei Veröffentlichungen bei Chandos gerade recht: Richard Hickoxs Einspielungen der vier Symphonien, die zwischen 1992 und 1994 entstanden sind (3 CDs), sowie die in exzellenter Hybrid Multichannel Qualität erst vor kurzem aufgenommene Super Audio CD mit Tippetts spätem ‚The Rose Lake’ (1991-93) und den bekannteren ‚Ritual Dances’ (1953). Das BBC National Orchestra of Wales, dessen Chefdirigent Hickox seit dem Jahre 2000 ist, ist dabei das kompetente Orchester.

Die Interpretationen haben nicht nur den Charakter des Authentischen, denn sowohl Dirigent als auch Orchester, sind mit Tippetts Werke bestens vertraut, sie sind auch echte Alternativen zu den (Teil-)Einspielungen von George Solti und Colin Davis. Hickox gelingt es das Interpretationsspektrum zu erweitern, ohne dabei ins Gefällige oder Anbiedernde abzugleiten. Der rhythmische Vitalität Tippetts, die zwischen subtilen Schichtungen und schroffen Ausbrüchen pendelt, begegnen die Ausführenden ebenso erfahren und gewandt, wie den formal oft (scheinbar) beziehungslos nebeneinander stehenden Themenblöcken. Die hervorragende Klangbalance, die nur gelegentlich das Blech etwas zu sehr zu bevorzugen scheint, hilft dem Hörer den Überblick über die immer wieder anspielungsreichen und komplexen Werke zu behalten.

Hickoxs Tippett lebt, vibriert und pulisert, selbst dann wenn es um scheinbaren Stillstand oder noch sehr kleine Veränderungen geht, wie in der in weiten Zügen impressionistischen Tondichtung ‚The Rose Lake’ (Tippett nennt das Werk selbst ‘A song without words for orchestra’). Zugleich vermeiden Hickox und sein Orchester ein ‚über-brillantes’, auf den Effekt zielendes Klangbild (wie dies etwa George Solti in seiner Aufnahme der 4. Symphonie tut). Dennoch kann man, wo es angebracht scheint  – wie etwa in den ‚Ritual Dances’ – mit den Bläsern Glänzen oder harte Streicherakzente setzen. Hickox steht den Lesarten Colin Davis’, der die Details und Verzweigungen von Tippetts Musik mit analytischer Schärfe verfolgt, gerade in den Symphonien nicht fern. Doch wirken Davis’ Tippett-Interpretationen durch ihre Dichte und (selbst-)reflexive Interpretationen, so ist Hickoxs Tippett beim ersten Hören wohl leichter zugänglich, da sein Klangbild ein direkteres, in vielen Teilen stärker konturiertes ist. Für die bislang vorliegenden Einspielungen der betreffenden Werke, stellen die Aufnahmen unter Hickox jedenfalls eine erst zunehmende Alternative dar.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tippett, Sir Michael: The Rose Lake

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
21.10.2005
Medium:
EAN:

SACD
0095115503928


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Tippett, Sir Michael


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Dirigent(en):Hickox, Richard
Orchester/Ensemble:BBC National Orchestra of Wales


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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