> > > De' Cavalieri, Emilio: Rappresentatione di Anima, et di Corpo
Freitag, 23. August 2019

De' Cavalieri, Emilio - Rappresentatione di Anima, et di Corpo

Wie Jazz um 1600


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unbestreitbar eine Referenzaufnahme

Ein nicht nur musikhistorisches, sondern auch musikdramatisch spannendes Werk hat Christina Pluhar am Pult des französischen Originalklangensembles L’Arpeggiata und sorgfältig ausgewählten, hervorragenden Solisten eingespielt. Die Rede ist Emilio de’ Cavalieri’s ‘Rappresentatione di Anima, et di Corpo’ (Das Spiel von Seele und Körper), ein aus dem Geist des geistlichen Kirchenspiels geborenes, dramatisches Werk, das sich in vielerlei Hinsicht den neuen Errungenschaften der Florentiner Oper bedient. Die Einflüsse reichen zudem bis ins Schauspiel der dialektgefärbten Volkssprache zurück.

De’ Cavalieris ‚religiöse Oper’, wie man das Werk heute gerne klassifiziert, wurde im ‚Heiligen Jahr’ 1600 in Rom das erste Mal gegeben, mit Spiel und Tanz in Kostümen und Dekoration. Sie war Ersatz für den vom Papst in diesem Jahr verbotenen Karneval. Es war die erste ‚Oper’ in Rom und die erste gedruckte überhaupt. Die Dramaturgie (es gab erstmalig Regieanweisungen des Autoren) und die farbige Ausgestaltung der Szenerie und Musik ist nicht zu überhören, sogar ein kleiner, einfach gesetzter Chor ist beteiligt. Die Charaktere sind allegorische Figuren: Seele, Körper, Verstand, Zeit, Lust usw. Die Handlung ist simpel und steht in der Tradition der Disputspiele. Welt und Körper werden, verglichen mit dem Glanz der Ewigkeit als vergänglich und minderbedeutend entlarvt. Entwickelt wird ein typischer Diskurs zur Verherrlichung der göttlichen Schöpfung. Augostino Mannis italienischsprachiger Text ist ein intellektuelles Spiel, rhetorisch auf der Höhe der Zeit

Die Musik de’ Cavalieris verwendet den soeben erst kreierten opernhaften Rezitativstil und wechselt mit ariosen Teilen. In Florenz war er an der Entwicklung der ‚Favola in musica’ in den Kreisen um Peri und Caccini mit beteiligt gewesen und kannte von daher den Stand der aktuellen Entwicklungen. Vieles was wir aus den allerersten Opern kennen, findet sich auch bei de’ Cavalieri wieder. Selbst die von Monteverdis später zur Reife geführte Verwendung wiederkehrender Motive findet sich hier bereits antizipiert. Das ganze ist unerhört abwechslungsreich und vielfarbig gestaltet und lädt zu Entdeckungen und Überraschungen ein.

Unbestreitbar eine Referenzaufnahme

Daran hat auch die hervorragende Interpretation bedeutenden Anteil. 2004 in Zusammenarbeit mit dem Flandern- und dem Holland-Festival entstand diese Produktion, die unter Christina Pluhars Leitung lebendig und inspiriert klingt. Die sieben exquisiten Solisten der Aufnahme (Johanette Zomer, Marco Beasley, Jan van Elsacker, Stephan MacLeod, Dominique Visse, Nuria Rial und Béatrice Mayo Filip) sind grandiose Sänger und Gestalter, stilistisch wandlungsfähig und echte Sängerpersönlichkeiten. Man merkt, wie sie das Spiel mit Stimmfärbungen auskosten, den Wechsel zwischen Volksnähe und belehrendem Kirchenspiel auch durch stimmliche Charakteristik mit gehen. Die Aufführungsfassung, die man erarbeitet hat, ist in ihrer sinnlichen und theatralischen Ausstrahlung kaum zu übertreffen. Es gibt Stellen (wie Track 12 der 2. CD), die in ihrer Natürlichkeit regelrecht swingen und klingen als hätte es um 1600 bereits Jazz gegeben.

Die instrumentale Begeleitung und das Continuo sind ausgesprochen lebhaft und effektvoll gestaltet, die Kontraste von Tempo und Dynamik werden voll ausgeschöpft. Diese Mittel wirken jedoch niemals aufgesetzt oder gar artifiziell. Vielmehr unterstützen sie den opernhaften Gestus des Spiels und sorgt für Abwechslung und Kontur.

Die Ausstattung der Box ist wie stets bei den Alpha-CDs anspruchsvoll und versucht Text, Bild und Musik zum Gesamtkunstwerk zu vereinen. Leider passiert das - wie stets - nicht in deutscher Sprache. Das Klangbild ist tadellos in der Transparenz und in der dynamischen Breite. Eine insgesamt vorbildliche Edition.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    De' Cavalieri, Emilio: Rappresentatione di Anima, et di Corpo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
2
01.01.2005
Medium:
EAN:

CD
3760014190650


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De' Cavalieri, Emilio


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Dirigent(en):Pluhar, Christina
Interpret(en):Zomer, Johannette
Beasley, Marco
Elsacker, Jan van
MacLeod, Stephan
Visse, Dominique
Rial, Nuria
Felip, Beatrice Mayo


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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