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Donnerstag, 6. Oktober 2022

Rossi, Michelangelo - Toccate & Corenti

Exquisite Nische


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Trotz der speziellen Delikatesse der Musik lässt sich Bötticher nicht zum Virtuosentum hinreißen.

In musikalischen Nischen ist manches zu Hause, das sich anderswo und unter dem Eindruck der hauptsächlichen Entwicklungen nicht hätte entfalten können. Die virtuose und feinsinnig gesponnene Cembalomusik des um 1601 geborenen und 1656 gestorbenen Italieners Michelangelo Rossi gehört in diese Kategorie – entstanden in einer Zeit des tiefgreifenden Wandels in der musikalischen Ästhetik ebenso wie in den zur Anwendung kommenden Kompositionstechniken.

Die Zeitgenossen schätzten vor allem den Violinisten Rossi, als Früchte seiner kompositorischen Arbeit sind jedoch nur einige Opern, Madrigalsammlungen und eben jene Anzahl von Toccaten und Correnten überliefert, die das Zentrum der vorliegenden Platte ausmachen. Das in Sachen Tastenmusik große und prägende Vorbild jener Tage, Girolamo Frescobaldi, lieferte mit seinen Werken zwar kein direktes Vorbild für Rossis Arbeit, ließ diesen jedoch in einen fruchtbaren kompositorischen Dialog mit dem nur wenig älteren Meister treten.

Rossis Musik fordert vom Interpreten ein breites Spektrum der Fähigkeiten: In virtuos-instrumentaler Anlage sind die meist kürzeren Stücke zwar nicht durch strukturelle Strenge und Komplexität gekennzeichnet, entfalten jedoch auf eine verspielte Weise ihren Charme, dabei das ganze technische Repertoire bedienend. Doch auch die Beherrschung des gestalterischen Elements wird vom Interpreten erwartet: Die freie Anlage der einleitenden Toccaten erzwingt geradezu eine durchdachte interpretatorische Konzeption. Mit selbstverständlicher Souveränität scheinbar einfache Tanzformen mit Leben zu erfüllen, ist zudem nicht das geringste Problem selbst eines potenten Musikers.

Herrscher der Tasten

Und als ein solcher erweist sich Jörg-Andreas Bötticher von der ersten Note an: In virtuoser Beweglichkeit zeigt sich seine technische Meisterschaft und Verzierungsartistik, kunstvoll handhabt er Steigerungen des Tempos, setzt er zwingend gestaltete Ritardandi. Trotz der speziellen Delikatesse der Musik lässt sich Bötticher nicht zum Virtuosentum hinreißen, sondern spürt dem musikalischen Gehalt der Musik nach, betont in den Correnten die tänzerischen Elemente. Und so präsentiert sich der Cembalist bei aller Brillanz des musikalischen Materials als feinsinniger Gestalter und Deuter, erkundet die Kompositionen Rossis in ihren kleinräumigen Wendungen, gibt in maximaler agogischer Freiheit einen Einblick in den Reichtum instrumentalen Komponierens am Beginn des 17. Jahrhunderts.

Bötticher phrasiert vollkommen frei und variabel, findet jedoch auch zu Momenten lyrischer Sammlung und getragener Spannung. Diese Gegensätze zwischen den präludierend-virtuosen Einleitungsabschnitten der Toccaten und dem tänzerischen Charakter der eingelagerten Correnten bilden den Kern der zyklisch angelegten Interpretation Böttichers.

Zur Verfügung steht ihm dabei die 1999 entstandene Kopie eines von Giovanni Battista Giusti 1681 erbauten italienischen Cembalos, das dem Klangideal der Zeit Rossis nahe kommen dürfte und sich durch einen ungemein vollen, in allen Lagen ausgewogenen Klang auszeichnet, der sich im Zusammenhang mit der technischen Realisierung der Aufnahme zu einem direkten Gesamtbild rundet, das die Eigenheiten des Instruments glücklich betont und zugleich durch eine klare Durchhörbarkeit gekennzeichnet ist.

Insgesamt ist eine technisch und künstlerisch beeindruckende Aufnahme entstanden, die einen wertvollen Blick in eine musikhistorisch interessante Nische ermöglicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rossi, Michelangelo: Toccate & Corenti

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.07.2005
Medium:
EAN:

CD
3760014190773


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Rossi, Michelangelo


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Interpret(en):Bötticher, Jörg-Andreas


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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