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Montag, 6. Dezember 2021

Verdi, Giuseppe - Don Carlos

Verdis Grand Opéra


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Erstaunt wird sich der Besucher der Wiener Aufführung vom 18. Oktober 2004 zeigen, der den Mitschnitt dieser Aufführung nun auf 4 Orfeo-CDs käuflich erwerben kann.

Eine große französische Oper ist Giuseppe Verdis ‘Don Carlos’ in seiner Urfassung, durchaus den Gesetzmäßigkeiten der Grand Opéra folgend, wie sie in Paris 1860, dem Jahr der Uraufführung, üblich waren. Was erst in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt wird, die französische Urform, des für lange Zeit als italienische Oper geltenden ‚Don Carlo’, hat in Hamburg und Wien in den vergangenen Jahren seinen quellenkritischen Höhepunkt erreicht. Regisseur Peter Konwitschny und sein Team haben die (nie gespielte) Vor-Premierenfassung des Werkes in einer ebenso faszinierenden, wie manche Gemüter erhitzenden Produktion auf die Bühne gebracht. Medienrummel garantiert. Gesamtspielzeit in Wien, wo im Vergleich zu Hamburg nochmals einige Takte mehr gespielt wurden: 4 Stunden und 6 Minuten.

Für dumm verkauft?

Erstaunt wird sich der Besucher der Wiener Aufführung vom 18. Oktober 2004 zeigen, der den Mitschnitt dieser Aufführung nun auf 4 Orfeo-CDs käuflich erwerben kann. Denn von all dem Trubel, den vehementen Zuschauerreaktionen (Zwischenrufe, Buhs etc.) zu diesem ‚Skandal in der Wiener Staatsoper’ ist nichts zu merken – was technisch nicht machbar ist. Diese ‚Störungen’ sie sind hier dem ungeteiltem Zuspruch des Publikums gewichen. Die Frage stellt sich: was hören wir hier eigentlich? Mit Sicherheit jedenfalls nicht das, was auf der CD steht: nämlichen den vollständigen live-Mitschnitt der Aufführung des genannten Datums. Ja, die Wiener Staatsoper hat einen gewissen Ruf zu wahren – da kann man sein Publikum schon mal für dumm verkaufen.

Ein weiterer, ärgerlicher Punkt: die Behauptung hier erstmals die französische Urfassung strichlos aufgeführt zu haben, ist eine extreme Ausdeutung der tatsächlichen Umstände. Denn bereits 1968 hat die BBC in London diese Fassung konzertant aufgeführt und mitgeschnitten, sie war bereits auf Tonträgern erhältlich und soll demnächst bei Opera Rara auf CD erscheinen. Diese Fassung unterscheidet sich nur in wenigen Takten von der jetzigen, alles in allem macht das vielleicht 2-3 Minuten aus. Ebenso ärgerlich ist das Fehlen eines Librettos, denn schließlich wüßte man ja gerne genau, was denn da nun ‚mehr’ gesungen und gespielt wird.

Beim bloßen Hören des Mitschnitts wird zudem schnell deutlich: das größte Verdienst an dieser Produktion hatte die Inszenierung von Peter Konwitschny – egal, wie man dazu stehen mag. Denn was die Sänger in dieser Aufführung abliefern hat mit der Intention der Rekonstruktion einer Pariser (Vor-Ur-)Fassung wenig zu tun. Keiner der Interpreten ist des französischen Idioms mächtig, geschweige denn der entsprechenden stilistischen Gesangsweise. Französische Sängerinnen oder Sänger, die einschlägige Erfahrungen mit der Grand Opéra hätten, sucht man in der Besetzungsliste vergebens. Die Frage wird also gestattet sein: warum der Versuch einer Rekonstruktion? Warum die französische Fassung? Warum all das Getue um ‚Original’, um ‚Ur-Fassung’ und um ‚Ersteinspielung’, wenn dann die künstlerischen Voraussetzungen, die die finanzkräftige Wiener Staatsoper zweifelsohne gehabt hätte, nicht stimmen. Der Befund paßt ins konzeptlose, sich immer wieder anbiedernde Programm der derzeitigen Wiener Intendanz. 

Das italienisch-französische Missverständnis

Sicherlich, wer sich hier bloß das übliche Wiener Sänger-Star-Theater geben will, das sich seit Jahren mehr durch Namen, denn durch Qualität definiert, mag weitgehend auf seine Kosten kommen. Aktuelle, junge Sänger, die derzeit die großen, internationalen Bühnen bereisen, wurden aufgeboten. Das mag für manchen ja schon genug sein.

Doch bei genauerem Hinhören wird man kaum umhinkönnen die Überforderung Ramon Vargas’ in der Titelpartie zu hören, die er immer wieder durch forcieren zu kompensieren sucht. Intonationsunschärfen und gebrochene Phrasierungen sind die Folge. Iano Tamar fehlt als Elisabeth de Valois die klare Linie; ihr herber Sopran scheint sich eher bei Leoncavallo oder Mascagni aufzuhalten, als in einer französischen Opéra. Wo Gestaltung gefragt wäre, versucht sie es mit Wucht, wo genaue, zarte Phrasierungen angebracht wären, vibriert ihre Stimme unangenehm, die Intonation ist nicht immer rein. Ihre Diktion ist oft mehr als absonderlich. Nadja Michaels Eboli bleibt ungewöhnlich passiv, ihre Artikulation unverbindlich. Die Stimme klingt angegriffen, nicht immer so beweglich, wie es nötig wäre. Der Posa von Bo Skovhus gewinnt stimmlich wenig Kontur, bleibt blaß; das Heldische der Partie scheint Skovhus des öfteren mit einem edlen Kavaliersbariton zu verwechseln. Stilistisch kommt Alastair Miles als Phillippe dem französischen Ziel noch am nächsten, doch entbehrt sein farbloser Baß der nötigen Größe und Ausdruckskraft. Möglich, dass die genannten Sänger in der gängigen, italienischen Fassung, die stilistisch anders angelegt ist und zudem etliche Änderungen in den Vokalpartien mit sich bringt, einen besseren Eindruck hinterlassen würden – allein, um diese Fassung handelt es sich hier nicht.

Bertrand de Billy, dessen Karriere in den letzten Jahren gute Förderung erfährt, dirigiert die selbstverständlich exzellenten Wiener Philharmoniker mit Vitalität und großem Ton, gestaltet die Ballettmusik angenehm plastisch und bewegt, doch auch ihm ist die musikalische Sprache der Grand Opéra, die dieses Werk in dieser Fassung nun einmal ist, kein echtes Anliegen. So hat man den Eindruck musikalisch eine erweiterte Version der von Verdi autorisierten italienischen Mailänder Fassung des ‚Don Carlo’ zu hören. Bleibt also streng genommen nur die gute Stunde Musik von Verdi, die man sonst kaum hören kann. Das sollte Neugierig machen. – Doch wer (warten) kann, sollte sich die Aufnahme der BBC besorgen, die stilistisch wesentlich besser gelungen und dem Wiener Mitschnitt vokal deutlich überlegen ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Verdi, Giuseppe: Don Carlos

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
4
30.05.2005
Medium:
EAN:

CD
4011790648422


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Verdi, Giuseppe


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Dirigent(en):Billy, Bertrand de
Orchester/Ensemble:Orchester der Wiener Staatsoper
Interpret(en):Los, Inna
Ifrim, Cosmin
Kobel, Benedikt
Salje, Cornelia
Michael, Nadja
Tamar, Iano
Yang, Simon
Skovhus, Bo
Vargas, Ramón
Miles, Alastair


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


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