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Mittwoch, 23. Oktober 2019

Purcell, Henry - King Arthur

Vergleichendes Sehen


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Aufführung ist im besten Sinne unterhaltsam, wer will kann die Musik auch allein abspielen, sich an tollen Sängerleistungen freuen und weiter mit den Ohren sehen.

Es war mir ein unvergessliches Erlebnis als im letzten Jahr die Salzburger Festspiel-Produktion von Henry Purcells ,King Arthur’ für einen Abend nach Ingolstadt kam. Dekorationen und allen Tand hatte man in Salzburg gelassen und nur mitgenommen, worauf man nicht verzichten konnte, den Concentus Musicus Wien, den Wiener Staatsopernchor, fünf Sänger und einige Schauspieler, ach ja und Nikolaus Harnoncourt. Durch die Spontaneität und den Witz dieser konzertanten Aufführung beflügelt, fühlte ich mich seinerzeit zu einer euphorischen Kritik berufen, die ich noch immer guten Gewissens lesen kann (Vgl. Konzertrezension 8.8.04). ,Mit den Ohren sehen’ habe ich den Text übertitelt, weil es so viel zu hören, zu entdecken und zu erspüren gab, das sich zu lebendigen Szenen vor dem inneren Auge zusammenfand. Jetzt gibt es die Originalaufführung in der Regie von Jürgen Flimm von den Salzburger Festspielen 2004 auf DVD. Zeit, um mit den Augen wieder zu sehen oder ganz neu zu sehen.

Modernes barockes Theater

In Purcells ,Arthur’ gibt es nichts von letzter Hand, nichts Autorisiertes. Leider gibt es auch keine Partitur, doch Nikolaus Harnoncourt hat mit eigener meisterlicher Instrumentierung Abhilfe geschaffen. Im großen Raum der Salzburger Felsenreitschule hat Flimm das Orchester in die Mitte der Bühne gesetzt. In der Theaterform von Henry Purcell und seinem Texter John Dryden sind Schauspiel, Tanz, Gesang und Pantomime zu einem beglückenden Kunstwerk zusammengefasst. So bindet Flimm das Orchester sinnvoll ein, lässt rasant um den Graben spielen, als würde das Sechs-Tage-Rennen stattfinden, während man sich in der Mitte auch einmal anderen Dingen hingibt. Die Regie hat sich bemüht, dem Werk mit modern-barocken Mitteln Charme zu geben, schließlich wurde es seinerzeit als Spiel mit ,Szenen, Maschinen, Gesang und Tanz’ angepriesen. Für Harnoncourt verkörpert es den Typus des Musicals mehr als den der Oper oder des Schauspiels. Flimm gelingt es mit seiner auf maximale Abwechslung zielenden Version den Wechsel zwischen Musik und Schauspiel nicht als Bruch wirken zu lassen. Alles durchdringt einander, man unterhält sich prächtig, man ergötzt sich an den vielen schrulligen Kostümen, an den fliegenden Luftgeistern, an Merlins kuriosen Einlagen, an der Sachsen unflätigem Gerotze, nur wenn es um wirkliche Gefühle, um Urerlebnisse geht, stockt der Fluss. Man mag das Werk für eine Klamotte halten und sogar als solche inszenieren, aber man muss dabei in Kauf nehmen, dass sich die Musik und auch manche Szene dagegen wehren wird. Vor allem Poesie kommt nicht auf. Emmeline (Sylvie Rohrer), die Geliebte Arthurs (Michael Maertens) und begehrt auch vom Sachsenkönig Oswald (Dietmar König), ist blind. Doch sie wird sehend und diesen Moment, in dem eine Welt neu ersteht, verulkt Flimm zu sehr. Hier hätte es der Inszenierung des von Renate und Wolfgang Wiens in Deutsche übertragenen Schauspiels nicht geschadet, im Tempo nachzugeben.

Rockiger Purcell

Der Musik, die im englischen Originaltext daherkommt, gelingen bisweilen retardierende Momente. Was soll ich über die Musik sagen, was ich nicht schon gesagt habe. Ich erlaube mir mich selbst zu zitieren: ,Der Concentus Musicus Wien spielt mit Lust und Hingabe. Feurig greifen die Theorben zu, sanft schmiegen sich die Holzbläser in einem Schäferstündchen an die sauberen Streicher. Entsprechend agiert auch die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, dessen Deklamation und genaue Artikulation Bewunderung verdienen. Es ist die klangsinnliche Mühe, die grobe Derbheit der Kriegsmusik, wie die Schönheit kontemplativer Ruhe, die man Harnoncourt danken muss. Dass er in der Lage ist, Purcell auch ganz anders als ,klassisch’ zu denken, nämlich als Rockmusiker seiner Zeit mit Sinn für Balladenhaftes aber auch rhythmisch Scharfes, beweist er mit Barbara Bonneys himmlisch gesungenem ,Fairest Isle’ und einer krawalligen Einlage von Tenor Michael Schade. Ansonsten fügt sich Schade in ein Sängerensemble der Spitzenklasse mit Barbara Bonney, Isabel Rey, Birgit Remmert und Oliver Widmer. Schade und Bonney gehen mit ihren hellen, glanzvoll brillanten Stimmen in Harmonie auf. Doch auch Widmer korrespondiert mit humorvoll knorrigem, höhensicherem Bariton mit Isabel Rey, deren Timbre zwar ähnlich mädchenhaft klingen kann, jedoch gegenüber Bonney etwas mehr die kühlere Lady herauskehrt.’ Musikalisch bleibt diese szenische Aufführung also nichts schuldig.

Die Wiedergabe des Werks auf DVD halte ich nicht für gänzlich gelungen. Zum Beispiel fehlt mir bisweilen die Totale, der Blickwinkel des Zuschauers in der Felsenreitschule. So läuft am oberen linken Rand der mit transparenten Bahnen verhängten Arkaden ein digitales Spruchband, einer Übertitelung gleich. Nie gelingt es der Bildregie dieses Band so zu zeigen, dass der Zuschauer die Möglichkeit hat, seinen Sinn oder auch nur die ästhetische Wirkung zu erfassen. Auch hat Hannes Rossacher, der die Aufnahme für das Fernsehen besorgt hat, einen merkwürdigen Hang dazu, die Bühne von unten, etwa aus der Perspektive der ersten Reihe zu zeigen. An Ton und Wortverständlichkeit gibt es hingegen wenig zu kritisieren, die akustische Verstärkung der Akteure hilft natürlich enorm.

Die Aufführung ist im besten Sinne unterhaltsam, wer will kann die Musik auch allein abspielen, sich an tollen Sängerleistungen freuen und weiter mit den Ohren sehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Purcell, Henry: King Arthur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
2
22.08.2005
Medium:
EAN:

CD
0880242545091


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Purcell, Henry


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Dirigent(en):Harnoncourt, Nikolaus
Orchester/Ensemble:Concentus Musicus Wien
Interpret(en):Rey, Isabel
Bonney, Barbara
Remmert, Birgit
Schade, Michael
Widmer, Oliver


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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