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Montag, 18. Oktober 2021

Schostakowitsch, Dimitri - ArteMiss Trio

Kompositorische Dichte


Label/Verlag: Arco Diva
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Zweite Klaviertrio op. 67 in e-Moll fällt in die mittlere Schaffensperiode Schostakowitschs; es wurde während des Zweiten Weltkrieges 1944 geschrieben.

Plattenlabels aus Osteuropa versuchen in jüngster Zeit immer mehr, ihre Produktionen auch im westlichen Europa an den Käufer zu bringen. Nachdem schon seit längerer Zeit Aufnahmen von Supraphon im Handel sind, drängte zuletzt die ungarische Firma Hungaroton mit durchaus interessanten Aufnahmen vor allem eher unbekannter Werke auf den Markt. Hier liegt nun eine CD des tschechischen Labels Arco Diva vor. Allerdings widmet sich das ArteMiss Klaviertrio gängigem Repertoire: den beiden Klaviertrios Dimitri Schostakowitschs. Mit der Sopranistin Alžbìta Poláèková spielen die Musikerinnen zusätzlich die ‘Seven Songs’ op. 127 des russischen Komponisten in wechselnden Besetzungen.

Romantische und impressionistische Klänge

Das erst posthum veröffentlichte Erste Klaviertrio Schostakowitschs (op. 8) stellt eine äußerst interessante Schülerarbeit dar – ein Werk, das diese eher pejorativen Bezeichnung Lügen straft. Geschrieben 1923, legte Schostakowitsch seiner Bewerbung für ein Kompositionsstudium am Moskauer Konservatorium dieses einsätzige Stück bei.

Die drei Damen des ArteMiss Trios arbeiten die wunderschönen Perlen dieser Partitur mit feinem Gespür und Delikatesse heraus, ohne die dramatischen Passagen zu nivellieren. Samtige Kantilenen wechseln sich mit wuchtigen Akkorden ab, ehe eine impressionistische Klavierbegleitung die schwelgerische Melodie im Cello untermalt. Dennoch geben sich die Musikerinnen nicht dem Sentiment hin, sondern machen durch subtile Phrasierung und eine transparente Ensemble-Balance das ungeheuer dichte Netz an motivischen Bezügen hörbar. Durchaus ein Werk, das in sich rund wirkt und hier vom ArteMiss Trio mit Ruhe und leuchtenden Melodien musiziert wird.

Verarbeitete Trauer

Das Zweite Klaviertrio op. 67 in e-Moll fällt in die mittlere Schaffensperiode Schostakowitschs; es wurde während des Zweiten Weltkrieges 1944 geschrieben. Gewidmet ist dieses viersätzige Werk dem Andenken an einen Freund des Komponisten, Iwan Sollertinskij.

Eingeleitet wird der erste Satz mit fahl-trauererfüllten Klängen; die gedämpften Flageolett-Tönen des Cellos werden von der Violine weitergeführt, ehe das Klavier in tiefster Lage einsetzt und damit die triste Stimmungswelt dieses Satzes festigt. Auch hier zeigt das 1995 gegründete ArteMiss Trio seine Stärke: Mit viel Sinn für weit gespannte Melodiebögen realisieren die drei jungen Frauen die Architektur dieses Satzes gekonnt und mit viel Ausdruck. Der dramatische Impetus wird allerdings nie soweit gesteigert, dass er auf Kosten der Tonschönheit ginge. Die Phrasierung der beiden Streicher ist sehr weich, die Pianistin grundiert diese Klänge mit weichem und präzisem Anschlag. Dass das Trio bestens aufeinander eingespielt ist, hört man in diesem Werk sehr deutlich. Auch dem stellenweise fast sarkastischen Humor des zweiten Satzes wird das tschechische Trio vollauf gerecht. Totentanz-ähnlich rasend nehmen die Musikerinnen diesen schnellen Mittelsatz, ehe in der mit ‘Largo’ überschriebenen Passacaglia wieder dunkle, elegische Farbschattierungen vorherrschen. Den ausgedehnten Finalsatz gestalten die drei Damen sehr leidenschaftlich mit Sinn für die großräumige Spannungsverläufe. Wieder mehr der Ausdruckswelt des zweiten Satzes verwandt wird vom diesem Ensemble der Totentanz-Charakter deutlich herausgestellt. Vor allem durch dynamische Nuancierungen und eine sehr gute Ensemble-Balance werden die Kostbarkeiten dieses Satzes hörbar.

Die Sopranistin Alžbìta Poláèková kann in den ‘Seven Songs’ op. 127 nicht ganz überzeugen. Im unteren Register fehlt ein wenig Spannung; in den dramatischen Partien vibriert die Stimme etwas zu sehr. Vor allem das im ruhigen Erzählton gehaltene ‘We were together’ (Nr. 3) kann hier am ehesten überzeugen. Die Musikerinnen des ArteMiss Trios begleiten auch hier wieder mit viel Sinn für feine Details und großen Ton.

Auch die klangliche Realisierung ist durchaus zu loben, auch wenn die links-rechts-Aufteilung etwas zu stark ausfällt. Allerdings werden dadurch die einzelnen Stimmen plastisch abgebildet. Insgesamt – vor allem was die Klaviertrios betrifft – eine empfehlenswerte Aufnahme. Die Musikerinnen interpretieren diese ungemein dichten Stücke vorzüglich; hier fliegen Motive niemals ‘unbemannt’ durch den Raum. Wenn die Lieder auf gleicher Höhe musiziert würden, wäre hier eine in allen Belangen sehr gute Produktion gelungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Schostakowitsch, Dimitri: ArteMiss Trio

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Arco Diva
1
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Arco Diva

Seit seinen Anfängen im Jahr 1998 gehört Arco Diva aus Prag zu den bedeutendsten unabhängigen Produzenten klassischer Musik in Tschechien und Mitteleuropa, die sich nach den politischen Umwälzungen 1989 etablierten.

Der Katalog des Labels umfasst mehr als hundert Titel; viele davon wurden auch außerhalb Tschechiens ausgezeichnet. Arco Diva legt pro Jahr etwa 12 neue Produktionen vor, sehr oft in Kooperation mit Institutionen wie dem tschechischen Rundfunk, dem internationalen Festival ?Prager Frühling? usw. Das Label ist stets auf der MIDEM in Cannes vertreten und exportiert nach Übersee incl. Asien (Japan, China, Südkorea).

Der Schwerpunkt der Produktionen liegt vorwiegend, aber nicht ausschließlich, auf Werken tschechischer und mittel- bzw. osteuropäischer Komponisten. Das Label sucht ständig nach neuen, vielversprechenden Interpreten und versucht, junge Künstler zu promoten. Besonders bedeutende Aufnahmen sind das Oratorium ?Svata Ludmilla? von Dvorák (als SACD in Kooperation mit dem ?Prager Frühling? erschienen), das Oratorium ?Judas Maccabäus? von Sylvie Borodová und andere mit dem Radiosymphonieorchester Prag, dem Prager Symphonieorchester, dem philharmonischen Orchester Brno, dem Prager Kammerorchester, Prague Philharmonia usw. Zum Kreis der Künstler zählen die Quattro Group, Gabriela Benackova, Stefan Margita, Katerina Englichova, Martin Kasi, Martina Bacova, dem tschechischen Knabenchor Boni pueri, dem Quattro Orchester, Wihan Quartet, ArteMiss Trio, Puella Trio und Komponisten wie Sylvie Bodorova, Lubos Fiser, Zdenek Lukas, Otmar Macha.

Technisch arbeitet das Label in der hochauflösenden 24 bit/96 KHz-Technik, wobei auch Dienstaufträge für andere Label wie Praga Digital übernommen werden. Arco Diva ist ein Pionier bezüglich des Digitalvertriebs in Tschechien und repräsentiert dort die Firma The Orchard.


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