> > > Eder, Helmut: Musik für die Felsenreitschule
Donnerstag, 9. Dezember 2021

Eder, Helmut - Musik für die Felsenreitschule

Posthume Würdigung


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Divertimento hat mit einem gleichnamigen Werk Mozarts oder Haydns nur noch den Namen gemeinsam.

Am 8. Februar dieses Jahres verstarb Helmut Eder, einer der angesehensten und produktivsten Komponisten Österreichs. Eder, 1916 in Linz geboren, studierte bei Carl Orff, Paul Hindemith und Johann Nepomuk David und war von 1950 bis 1976 Dozent am Konservatorium seiner Heimatstadt. Von 1967 bis zu seiner Emeritierung 1986 war er Professor für Komposition am Salzburger Mozarteum. Kaum verwunderlich also, wenn ihn wiederholt Aufträge der Salzburger Festspiele erreichten. Eders individueller, sich von Werk zu Werk schattierender Personalstil dürfte beim Festspielpublikum für so manche Überraschung gesorgt haben. Er verfügte über umfassende kompositorische Kenntnisse, war in der Zwölftonmusik ebenso versiert wie im Neoklassizismus oder in der Klangflächenkomposition, legte aber immer Wert darauf, Technik nicht über Substanz zu stellen. Zwei seiner bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten, speziell auf die akustischen Verhältnisse der Felsenreitschule zugeschnittenen Werke sind auf dieser CD versammelt: Das Divertimento op. 64 für Koloratursopran und drei Orchestergruppen aus dem Jahr 1976 sowie die zehn Jahre später entstandene Messe ‘...Missa est’ op. 86 für drei Solisten, zwei gemischte Chöre, Choralschola und drei Orchestergruppen. Die Ausführenden sind May Sandoz und das Mozarteum Orchester Salzburg unter Theodor Guschlbauer im Divertimento, zudem Eva Lind (Sopran), Marjana Lipovsek (Mezzosopran), Robert Holl (Bass), der ORF-Chor Wien, der Arnold-Schönberg-Chor, die Choralschola St. Stephan Passau und das Radio-Symphonieorchester Wien, geleitet von Leopold Hager in der Messe.

Das Divertimento hat mit einem gleichnamigen Werk Mozarts oder Haydns nur noch den Namen gemeinsam. Die zwei ‚Canto‘-Abschnitte verlangen der Solistin einiges ab, in den beiden anderen Teilen wird das dreigeteilte Orchester gefordert. Vom vermutlich stark räumlichen Klangerlebnis einer Live-Aufführung bekommt man leider nur einen geringen Eindruck – wer genau hinhört, kann zumindest zwischen einer nahen und einer fernen Orchestergruppe unterscheiden. Nach der kurzen 'Introduzione' beginnt Sandoz im ersten ‚Canto‘-Teil mit anfangs leisen, verhaltenen Vokalisen, die sich schnell in virtuose Bereiche steigern. Hager meistert die schwierige Aufgabe, das reich bestückte Orchester so weit in Schach zu halten, daß die Stimme nicht zugedeckt wird. Da die Solistin nicht pausenlos beschäftigt ist, bleibt auch dem RSO Wien noch Raum, sich als exzellenter Klangkörper zu präsentieren. Insbesondere der schwungvolle dritte Abschnitt (‚Balletto‘) kann in dieser insgesamt gelungenen Interpretation überzeugen.

Die Messe bewegt sich in deutlich größeren Dimensionen, alleine das ‚Gloria‘ dauert 23 Minuten. In der Besetzung arbeitet Eder erneut mit Klangruppen, die die akustischen Möglichkeiten der Felsenreitschule ausschöpfen. Den einzelnen Teilen des Messordinariums geht eine Einleitung voraus, an die sich das ‚Kyrie‘ anschließt. Wieder sind klangliche Einschränkungen zu beklagen: die Vielfalt und Differenziertheit der klangräumlich angelegten Partitur lassen sich nur bedingt auf einer CD einfangen. Alle drei Solisten singen auf hohem Niveau, aus dem der kraftvolle Baß Robert Holls noch herausragt. Eder gigantische ‚Gloria‘-Vertonung ist beinahe ein Werk für sich, stellt vermutlich auch das spirituelle Zentrum des Werkes dar, dem sich die nachfolgenden Abschnitte unterordnen müssen.

Erst das abschließende ‚Agnus Dei‘ erreicht wieder ähnliche Dimensionen. Stilistisch bewegt sich Eder in ‚...Missa est‘ zwischen gemäßigter und radikaler Moderne, schreckt nicht vor brutalen Dissonanzen zurück, die aber stets dem Ausdruck untergeordnet sind. Die Chöre tragen meist die Hauptlast der Aufführung und haben sich nicht zuletzt aufgrund des exzellenten Textverständnisses ein Sonderlob verdient. Als eigenwillige Vertonung des Messordinariums ist Eders Werk ein gelungener Beitrag zur geistlichen Musik des 20. Jahrhunderts aus der einst führenden europäischen Musiknation.

Unter dem Strich wird die bisher sehr schmale Eder-Discographie mit dieser Veröffentlichung um zwei hörenswerte Werke bereichert. Interpretatorisch können beide Beiträge überzeugen, das Divertimento mit der subtil eingesetzten Sopranstimme wirkt dabei vom kompositorischen Ansatz her gelungener als die etwas überdehnte Messe.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Eder, Helmut: Musik für die Felsenreitschule

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
01.01.2012
Medium:
EAN:

CD
4260034865396


Cover vergössern

Eder, Helmut


Cover vergössern

Dirigent(en):Hager, Leopold
Orchester/Ensemble:Radio Symphonieorchester Wien
Interpret(en):Lind, Eva
Lipovsek, Marjana
Holl, Robert


Cover vergössern

OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag OehmsClassics:

  • Zur Kritik... Leidenschaftlich und souverän: Dmitrij Kitajenko und das Gürzenich-Orchester präsentieren einen leidenschaftlich vorgetragenen Tschaikowsky, allerdings mit bekanntem Standard-Repertoire. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Orgelsinfonik: Hansjörg Albrecht gelingt die fabelhaft bildkräftige Deutung einer substanziell zutreffenden Orgeltranskription der ersten Bruckner-Sinfonie. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Bezaubernder Effekt: Ein Duett mit Martha Argerich und ein neues Pedal für den Flügel machen diese Platte des Pianisten Jura Margulis spannend. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle Kritiken von OehmsClassics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Loos:

  • Zur Kritik... Nachdenklichkeit und Brillanz: Wenn Sie Xiaogang Ye noch nicht kennen, möchten Sie dem chinesischen Komponisten vielleicht eine Chance geben. Abgesehen vom Auftragswerk 'Starry Sky' hat sein Schaffen definitiv Beachtung verdient. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Leidenschaftlich und souverän: Dmitrij Kitajenko und das Gürzenich-Orchester präsentieren einen leidenschaftlich vorgetragenen Tschaikowsky, allerdings mit bekanntem Standard-Repertoire. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Solide Handwerkskunst in spritziger Interpretation: Das Konzert für Englischhorn und Streichorchester ist ohne Zweifel das gelungenste der drei hier versammelten Stücke aus der Feder von Josef Schelb. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Loos...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Unentschlossenes Konzept: Dvořáks 'Rusalka' vom Glyndebourne Festival. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Vergessene Interpretationskunst: Auf 5 CDs wird der französischen Pianistin Yvonne Lefébure gedacht – eine Entdeckung auch für Kenner historischer Aufnahmen. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Ohne Schlacken: Eine rundum schöne Advents- und Weihnachtsplatte: Im besten Sinne zugänglich und stimmungsvoll, dabei von Gewicht und künstlerischer Substanz. Auch in dieser Saison kann es mit The Sixteen feierlich weihnachten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich