> > > Jaquet de la Guerre, Elisabeth-Claude: Portrait
Donnerstag, 21. Januar 2021

Jaquet de la Guerre, Elisabeth-Claude - Portrait

Lebendig, harmonisch und abwechslungsreich


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Insgesamt ist diese Einspielung eine Bereicherung für den Plattenmarkt, wirft sie doch ein Licht auf eine Komponistin, die erst wiederentdeckt werden muss.

Ein Portrait einer französischen Komponistin - oh, nein, wir hören keine zeitgenössische Musik, sondern Musik aus einer Zeit, bevor die ‚Frau als Inbegriff von Tugend und Häuslichkeit' galt, wie das Booklet versichert. Diese Elisabeth-Claude Jacquet de la Guerre (1665-1729) hat seit frühester Kindheit für die Musik gelebt, immer auf der Suche nach neuen Formen und Klängen, mit kurzen Unterbrechungen durch Schwangerschaften und berufliche Neuorientierungen. Im 19. Jahrhundert ist diese Komponistin, die hauptsächlich für Louis XIV komponiert hat, in Vergessenheit geraten. Erst in jüngster Zeit sind einige ihrer Werke nachgedruckt und in Anthologien eingespielt worden.

Es ist ein Glücksfall für den interessierten Hörer, dass das Ensemble Musica Fiorita und Susanne Rydén sich de la Guerres Werken angenommen haben. Denn diese Sammlung aus Kammermusik und einer Solokantate bietet einen schönen Überblick über das Schaffen der zu ihrer Zeit berühmten und erfolgreichen Komponistin und wird ausgezeichnet dargeboten.

Die früheste Komposition ist eine Suite pour clavecin aus dem Jahre 1687. Jacquet de la Guerre war zu diesem Zeitpunkt schon vierzehn Jahre am Hof Louis' XIV und mit mehreren Kammermusikwerken hervorgetreten. Ihr Vater hatte sich zum Ziel gesetzt, seine Kinder zu Musikern zu machen, und ließ sie regelmäßig vor Publikum auftreten. Elisabeth schien die begabteste zu sein und sollte - nachdem sie Louis XIV vorgespielt hatte - am Hof bleiben und dort erzogen und ausgebildet werden. Zeit ihres Lebens blieb sie dem Sonnenkönig verbunden und ging auf seinen künstlerischen Geschmack ein, der sie wiederum finanziell unterstützte. L'isle de Delos stammt aus einem Kantatenband, den de la Guerre zum Tod des Königs 1715 veröffentlichte; wie ein persönlicher Nachruf mit Themen aus der Mythologie, die Louis XIV so geschätzt hat.

Auch an Opern hat sich de la Guerre versucht. Nur wenige sind bis heute erhalten, und noch wenigere hatten Erfolg. Bekannt geworden ist sie vor allem als Cembalistin und Kammermusikerin, später als Lehrerin mit großem Einfluss. Dabei scheint sie sehr geschäftstüchtig gewesen zu sein. Schon mit zwanzig Jahren ließ sie die ersten Kompositionen drucken, bekam immer wieder Aufträge für neue Werke und veranstaltete Konzerte. Erleichtert wurden ihr diese Unternehmungen durch die lebenslange Pension, die ihr der König zahlte. In ihren Stil hat sie ständig Anregungen von außen übernommen; seien es Einflüsse aus Italien, Spanien oder von jüngeren französischen Komponisten, so dass sie bis zu ihrem Tode 1729 in hohem Ansehen stand und als Komponistin und Lehrerin geschätzt war.

Aus der Zeit nach 1715 finden sich im Portrait des Ensembles Musica Fiorita leider keine Werke, hätte man doch gerne einen Vergleich mit Werken von Rameau, Telemann, Bach und Händel. Das Prunkstück dieser Einspielung ist die Solokantate über die Insel Delos; ein Gesangsstück, das in typischer Manier die mythologische Idylle und die pastorale Stimmung der Insel beschreibt. Die Sopranistin Susanne Rydén begreift sich offensichtlich als Teil der Instrumentalgruppe. Wunderbar, wie sie ihre Stimme mit Oboe und Violine verschmelzen lässt und in der Simphonie de Rossignol Kontraste zu den Flötensoli setzt. Ihre Stimme ist hell und klar, die unteren, dunklen Klangfarben fehlen in dieser Kantate fast ganz. Zu recht, denn hier wird keine Dramatik verlangt, sondern zur Beschreibung der arkadischen Landschaft ruhige, entrückende Klänge. Hervorragend ist das Zusammenspiel mit Flöte, Oboe und Geige. Man verzögert, forciert, lässt den Klang fließen - es scheint eine Phrase aus der anderen zu wachsen. Zu loben ist auch die Basso continuo-Gruppe, besonders in den instrumentalen Zwischenstücken. Sie betont das Alte, das Bäuerliche, das Tänzerische in dieser sonst eher filigranen Musik.

Ebenfalls hervorragend interpretiert sind die Sonaten für mehrere Soloinstrumente aus dem Jahre 1695. Hier ist der Stil sehr lebendig, harmonisch abwechslungsreich und formal klar gegliedert. Allerdings ist grundsätzlich zu bemängeln, dass die Dynamik als Gestaltungselement zu wenig eingesetzt wird. Kaum gibt es Abstufungen zwischen sehr laut und sehr leise. Zwar sind die Klangfarben der einzelnen Instrumente wohl ausgearbeitet und lassen kaum zu wünschen übrig, aber technisch wären noch einige Mängel zu beheben.

Bei den Sonaten für Violine und Basso continuo aus dem Jahr 1707 hat David Plantier doch deutlich Mühe die Spannung über längere Zeit zu halten. Diese Sonaten sind eher im galanten Stil gehalten, das heißt mit vielen Verzierungen, ganz auf die melodieführende Stimme abgestellt und mit längerer Phrasierung als die früheren Werke. Es fehlt Plantiers Interpretation etwas an Feuer und Gestaltungswillen, womöglich bedingt durch die nicht ausgereifte Strichtechnik.

Daniela Dolcis Leitung ist zurückhaltend, manchmal zu sehr zurückgenommen. Auch hier wünscht man sich eine etwas deutlichere Akzentuierung und klarere Gestaltung, besonders in den rein instrumentalen Stücken.

Insgesamt ist diese Einspielung eine Bereicherung für den Plattenmarkt, wirft sie doch ein Licht auf eine Komponistin, die erst wiederentdeckt werden muss und deren Werke unbedingt ins Repertoire der Freunde guter Musik gehört.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Barbara Schönfeld,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Jaquet de la Guerre, Elisabeth-Claude: Portrait

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Pan Classics
1
CD1: 49:07; CD2: 50:41
1999
2000
Medium:
BestellNr.:
CD
510 121-2

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Jaquet de la Guerre, Elisabeth-Claude


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Interpret(en):Rydén, Susanne (soprano)
Ensemble Musica Fiorita,
Dolci, Daniela (harpsichord)


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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