> > > Beethoven, Ludwig van: Concerto pour pianoforte no. 4 op.58
Dienstag, 10. Dezember 2019

Beethoven, Ludwig van - Concerto pour pianoforte no. 4 op.58

Schlagfertig ohne schlechtes Gewissen


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Selten haben wir eine CD mit einem so schönen Design in der Hand gehabt wie diese

Selten haben wir eine CD mit einem so schönen Design in der Hand gehabt wie diese, das Booklet auskunftsfreudig über alles, was man zu wissen begehrt (wenn auch leider nur auf französisch oder englisch), die Besetzung viel versprechend, der Komponist ohnehin Legende und immer wieder für Überraschungen zu haben. Das Beiwerk also stimmt bei dieser Aufnahme des vierten und fünften Konzerts für Klavier und Orchester von Ludwig van Beethoven mit dem Pianisten Arthur Schoonderwoerd und dem Ensemble Christofori, auch wenn das Booklet mehr über Leben und Sterben Napoleons, des Erard-Flügels, des Erzherzogs Rudolph und die Methoden der historischen Aufführungspraxis verrät als über die Charakteristika der Konzerte selbst. Das verzeihen wir jedoch gern angesichts des kleinen Versuchs der Booklet-Designer, eine Verbindung der drei Künste Musik (um die es hier ja eigentlich geht), Literatur (in Form von Schillers Gedicht ‘Der neue Orpheus’) und Malerei (das ‘Portrait de Pierre Sériziat’ von Jaques Louis David) aufzuzeigen, wobei diese Verbindungen unterschiedlicher Art sind. Schillers Gedicht aus den Horen wird nachgesagt, eine Inspiration für Beethovens ersten Satz des vierten Klavierkonzerts gewesen zu sein, und das sowohl ganz allgemein durch sein uraltes Orpheus-Sujet (insofern stellt der erste Satz die freudige Feier dar, der zweite die Unterwelt und der dritte die fröhliche Rückkehr an die Oberfläche der Welt) als auch durch seinen spezifischen Inhalt der Betörung der Chloe durch das Klavierspiel ihres verliebten Gefährten (dies würde im Klavierkonzert dargestellt durch ‘schmelzende Accorde’, ‘Seufzer, Bitten, Schmeicheleien’, die man tatsächlich zu hören vermeint). Gleichfalls wird die vita und Ästhetik des Malers des Portraits mit Beethovens eigener Biographie in Zusammenhang gestellt und verglichen. Ein spannendes, wenn auch gewagtes Unterfangen.

Klangrecherchen und ihr Lohn

Wie es sich für eine Einspielung gehört, die beansprucht, in der so genannten und heute schon fast standardisierten historischen Aufführungspraxis aufgenommen zu sein, gibt es hier keinen Dirigenten, dafür aber eine extrem reduzierte Besetzung des Orchesters und historische Instrumente en masse. Trotzdem hat man beim Hören zu keinem Zeitpunkt das etwas schale Gefühl, dass man eigentlich mehr Lautstärke, mehr Masse, mehr Pauken und mehr Trompeten hätte, sich aber dem erhobenen Zeigefinger der Historiker beugt, der erklärt, dass es so und nur so sein muss und darf. Im Gegenteil ist hier Genuss ohne schlechtes Gewissen angezeigt und historisch heißt nicht spröde. Was sanft sein muss im zweiten unheimlichen Satz des vierten Konzerts, ist sanft mit dem uns etwas fremden, matten und transparenten Klang des Flügels von circa 1807, der kaum später eindrucksvoll im dritten Satz zeigt, dass er durchaus nicht mit besonderer Sanftheit behandelt werden möchte. Was hier aus dem Bass donnern muss, donnert aus dem Bass mit dem Klang, der die schwingende Saite viel realer erscheinen lässt als der moderne Konzertflügel. Was die auf den ersten Blick magere Besetzung betrifft (von allem zwei Stimmen bis auf die Pauken), so zeigt es sich, dass ein eindrucksvoller Klang dadurch erreicht werden kann, dass man die wenigen Musiker nicht in endlosen Sälen verschwinden lässt, sondern die Aufnahme in relativ kleinen Räumen, nahe bei den Musikern, durchführt. Die Frucht dieser Erkenntnis ist ein voller Klang, der trotzdem viel mehr Durchblick beim Hören gestattet als wir es von großen Sinfonieorchestern gewöhnt sind. In dieser Atmosphäre kann man auch hören, wie genau und doch kreativ sich Arthur Schoonderwoerd den Notentext angeeignet hat. Selbstredend, dass die vom Komponisten vorgeschriebenen Kadenzen gespielt werden, die auf dem authentischen Instrument völlig neue Schwerpunkte an sich entdecken lassen. Technische Patzer gibt es nicht, dafür aber genaue Phrasierung und gutes Portato-Spiel im ersten Satz des fünften Konzerts, kontrastreiche Dynamik im zweiten und unbehinderte Virtuosität im dritten Satz. Die gemeinsamen Schläge der Pauke und des Klaviers im Finalsatz des fünften Konzerts sind so eindrucksvoll und mitreißend wohl selten zu hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Kritik von Annika Forkert,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Concerto pour pianoforte no. 4 op.58

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.07.2005
Medium:
EAN:

CD
3760014190797


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Beethoven, Ludwig van


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Orchester/Ensemble:Cristofori
Interpret(en):Schoonderwoerd, Arthur


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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