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Montag, 6. Dezember 2021

Mozart, Wolfgang Amadeus - Die Entführung aus dem Serail

War nicht alles schlecht im Osten


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Besonderheit dieser Aufnahme stellen die von prominenten Schauspielern gesprochenen Dialoge dar.

Das erste Opernhaus in der DDR war die Deutsche Staatsoper im Ostberlin. Das erste Orchester war die Dresdner Staatskapelle. Beiden Institutionen verbunden war der Dirigent Otmar Suitner, österreichischer Staatsbürger, einer der wenigen Weltbürger in der von vielen Strömungen der Welt abgeschotteten DDR.
Genau in dem Jahr, als die DDR sich vollends mit Beton und Stacheldraht zur geschlossenen Gesellschaft erklärte, 1961 nämlich, nahm Suitner mit der Dresdner Staatskapelle und dem Chor der Dresdner Oper, die noch im Interimsquartier, dem Schauspielhaus, zu Gast war, Mozarts komisches Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ auf. Weil die Produktionszeiten lang waren, gab es die Platten erst 1963 zu kaufen. Aber ein Schmunzeln ist doch wert, dass ausgerechnet im Jahr des Mauerbaus diese Oper produziert wurde, in der ja immerhin die Flucht über eine Mauer des Serails eine wesentliche Rolle spielt. Der Ruf des Dresdner Orchesters blieb unverändert glänzend. Die Kapelle profitierte von der Zusammenarbeit mit bedeutenden Dirigenten, die für internationale Plattenfirmen in der Dresdner Lukaskirche Aufnahmen produzierten, die noch heute zum Edelrepertoire der Sammler und Archive gehören. Das Ensemble für die Hauptpartien wurde eingeflogen, Chor und Sänger der kleineren Rollen profitierten vom internationalen Flair. So ging die musikalische Welt durch das Dresdner Studio, meistens so abgeschottet, dass nicht einmal die gewieftesten Autogrammjäger den ersehnten Namenszug erhielten. Der somit nach Dresden geholte Weltgeist durchzog auch jene Aufnahmen, die fast ausschließlich mit einem Solistenensemble produziert wurden, das die derzeit besten für jeweilige Rollen von den großen Opernbühnen der DDR zusammenführte. Die Sänger kamen mehrheitlich aus Berlin, aus Dresden, manchmal aus Leipzig und Halle. Wer an anderen Häusern engagiert war kam schwer zur Ehre einer Plattenaufnahme.

Für „Die Entführung aus dem Serail“ wurde ein solches Ensemble zusammengestellt, lediglich Arnold van Mill wurde für die Partie des Osmin „eingekauft“. Hört man heute diesen weichen, runden und äußerst geläufigen Bass, dann wundert man sich, dass so sehr viel von ihm nicht mehr zu vernehmen war. Den Namen des lyrischen Tenors Rolf Apreck kannte man sehr gut. Obwohl er weder den Sprung an die Dresdner, noch an die Berliner Staatsoper schaffte oder schaffen wollte. An beiden Häusern war Peter Schreier über Jahre dominant. Eberhard Büchner sang in Dresden und Berlin, und zudem auch noch Armin Ude vorwiegend in Dresden. So hörte man Apreck, klar und bester deutscher lyrischer Tradition verpflichtet, vornehmlich in Halle, wo er Händelpartien sang, und in Leipzig, wo er es nach seiner rein lyrischen Epoche bis zum Kaiser in „Die Frau ohne Schatten“ und zum Bacchus in „Ariadne auf Naxos“ brachte. In der vorliegenden Aufnahme präsentiert sich der Sänger auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Belmonte stilsicher und technisch versiert, metallisch im Klang und sehr geläufig.

Jutta Vulpius, erste Koloratursopranistin der Berliner Staatsoper, war im Zenit ihrer Laufbahn. Die Aufnahme belegt das. Der Ton ist üppig. Die Höhe stahlt, wiewohl insgesamt eine sanfte, melancholische Verschattung die Stimme charakterisiert. Ausgestattet mit feinen Soubrettentugenden singt Rosemarie Rönisch frisch und munter eine bezaubernde Blonde. Jürgen Förster ist ein Tenorbuffo, der dem Pedrillo beträchtliche musikalische Dimensionen verleiht. Die knappen Choreinsätze kommen prägnant und temperamentvoll.
Das Spiel der Staatskapelle nimmt dem Singspiel alle „Niedlichkeit“, immer waltet großer Atem und Otmar Suitner gestaltet den dramatischen Fluss so, dass man sehr gut fortlaufend hören kann, gerne „dran“ bleibt. Eine durchgestaltete Interpretation ohne Zeigefinger, dafür so, dass der Hörer durch intensives Musizieren immer wieder die Tiefen der Abgründe spürt, an deren Rändern das schöne Märchen seinen Verlauf nimmt. Eine Besonderheit dieser Aufnahme stellen die von prominenten Schauspielern gesprochenen Dialoge dar. Die sind für sich genommen, nämlich sehr brillant und haben die Qualität eines exakt gestalteten Hörspiels.
Zu erwähnen ist die geschmackvolle Gestaltung dieses Albums mit komplettem Textbuch. Schade aber, dass es keinerlei Hinweise zu den Interpreten dieser historischen Aufnahme gibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Die Entführung aus dem Serail

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
2
16.06.2005
Medium:
EAN:

CD
0782124329327


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Mozart, Wolfgang Amadeus


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Dirigent(en):Suitner, Otmar
Orchester/Ensemble:Staatskapelle Dresden
Interpret(en):Van Mill, Arnold
Piontek, Klaus
Förster, Jürgen
Weschke, Wilfried
Kuhl, Katja
Rönisch, Rosemarie
Schaal, Wilfried
Haschke, Waltraud
Vulpius, Jutta
Apreck, Rolf


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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