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Samstag, 10. Dezember 2022

Rheinberger, Joseph Gabriel: Vom Goldenen Horn - Weltliche Chormusik

Ein west-östliches Fest der Sinne


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wolfgang Schäfers Freiburger Vokalensemble lässt sich darauf ein und bietet das, was man wohl eine perfekte Interpretation nennen muss

Verblüffung. In schönster romantischer Harmonie trägt ein gemischter Chor in makelloser deutscher Aussprache vor ‘Allah ist groß!’ Wie geht das zusammen? Diesen Mix der Kulturen hat gegen Ende des 19. Jahrhunderts Joseph Gabriel Rheinberger angerührt. Mit scheinbar größter Leichtigkeit bringt der Münchener Kompositionsprofessor, Freund und Vertrauter von Johannes Brahms und Lehrer Wilhelm Furtwänglers, Ost und West, Orient und Okzident in Zusammenklang und belegt damit, dass noch Ende des 19. Jahrhunderts Reste einer Tradition des selbstverständlichen Interesses und Verständnisses orientalischer Kultur und Sprache lebendig war, für die Montesquieus ‘Persische Briefen’, die so genannten ‘Türkenopern’ Mozarts oder Goethes ‘West-östlicher Divan’ nur die bekanntesten Beispiele sind. Ganz anders als heute war die Orientalistik, das Studium von Persischen, Arabisch und Türkisch keineswegs ein ‘Orchideenfach’, sondern gehörte, wie etwa Theologie und Medizin, zum Kernbereich der Universitäten.

Kreuzfahrten statt Kreuzzüge

Auf zwei Kreuzfahrten (die gab’s also damals schon) ließ sich die Bremer Schriftstellerin Bernhardine Schulze-Smidt von dem türkischen Volkssänger und Improvisator Agha Gül faszinieren und veröffentlichte unter dem Titel ‘Rosenblätter’ 1893 eine hochpoetische dichterische Übertragung einiger seiner Texte ins Deutsche. (Wir entnehmen solche Informationen dem flüssig geschriebenen Booklet-Text von Barbara Mohn.) Heraus kamen wunderbare Verse, die heute noch spontan eine touristische Entdeckerlust hervorrufen: ‘Gekuppelte Moscheen / umglüht des Morgensegens Purpurflamme; / sie glüht auf Bergesschnee, auf dunklen Seen …’ (aus Nr. 1 ‘Der Morgenruf / Sabahi’), oder, um noch eine Kostprobe zu geben: ‘Lüfte einmal nur den Schleier / Tageslärm ist längst vergessen, / und der Mond wirft schon im Bogen / über schwarze Bergzypressen / goldne Ketten auf die Wogen, / Assaïdy!’ (aus Nr. 3 ‘Der Ruderer / Kaïkji’). Auf engstem Raum begegnen sich in dieser Lebenswelt Religion und (erfolgreiches!) Liebeswerben, auch sprachlich hochverdichtet unter feinfühligster Austarierung der Lautfolge und behutsamem Einsatz von Wortneuschöpfungen (‘glanzgestickt und perlenflimmernd’ wünscht sich das Mädchen Assaïdy ihren Schleier, auf dessen Verführungskraft sie setzt; Nr. 7 ‘Mondlicht / Maitab’).

Locker fügen sich die neun strophischen Gedichte, die Rheinberger unter der Gattungsbezeichnung ‘Liederspiel’ für Chor und vier Solisten komponierte, zur Geschichte des liebeskranken Assim und des Mädchens Assaïdy. Die Geschichhte bezieht dabei ihren Reiz einerseits aus einer starken, der Natur entlehnten Bildhaftigkeit, aber auch aus dem bemerkenswerten Umstand, dass es unmöglich ist, sich von den beiden Akteuren ein wirkliches Bild zu machen, wie wir das gewöhnt sind. Gesellschaftlicher Rang, Stand, selbst die gängigen Attribute der Schönheit bleiben völlig außen vor – dies unterscheidet sie völlig von ‘unseren’ Liebesgeschichten, die ja immer von Prinzen, einfachen Bauernmädchen, Handwerksburschen, Müllerstöchtern, Matrosen usw. Handeln – vermutlich ist es sogar ein Ausrutscher der deutschen Textdichterin, dass Assim doch einmal als ‘blond’ bezeichnet wird. So bleiben die Figuren verschwommen, alles konzentriert sich auf das eigentlich Abstrakte, auf Verlangen und Liebe selbst.
So ist es konsequent, dass Rheinberger den Dialog – oder das, was man aus westlicher Perspektive zunächst als solchen auffassen möchte – nicht realistisch auf zwei, sondern auf vier Stimmen verteilt, ihn ins Phantastische überführt und bewusst entkörperlicht. Auch ihm gelingt es, wie Schulze-Smidt, sozusagen mit einem gewagten Spagat den Bosporus zu überspannen und das ‘Türkische’ in die Welt des deutschen Gesangvereins zu implantieren.

Rarität in idealer Darbietung

Wolfgang Schäfers Freiburger Vokalensemble lässt sich darauf ein und bietet das, was man wohl eine perfekte Interpretation nennen muss: formidabel die Intonation und der Klangausgleich zwischen Forte und Piano, eine sprachliche Sensation (im Wortsinne: eine geradezu sinnliche Erfahrung!) die Präsentation der Texte (im Piano: ‘Stiller Grabstein im Zypressendüster, / den die Muschel krönet, leer und golden, / Antwort gib dem Abendwindgeflüster …’; aus Nr. 6 ‘Perle / Indschü’), Sprache und Musik vollendet zu ihrem Recht kommen lassend.
Ebenso überzeugend die Solisten Silke Schwarz (Sopran), Christine Müller (Alt), Hans Jörg Mammel (Tenor) und Markus Volpert (Bass), allesamt Leute mit reichlich (Theater-) Bühnenerfahrung, die dennoch allesamt begriffen haben, dass herkömmliche Theatralik hier fehl am Platz wäre, dass es hier um ein zartes Gebilde aus Klang, Assoziation und Poesie geht. Und damit nicht genug des glücklichen Händchens für die Zusammenstellung des Ensembles (Gratulation an den Leiter Wolfgang Schäfer!): Chia Chou am Flügel bringt Rheinbergers hochmusikalischen Klaviersatz, der oft in der Art eines ‘Liedes ohne Worte’ die vielleicht wesentlichsten ‘Aussagen’ oder ‘Inhalte’ birgt, in vollkommener Deutlichkeit und Zurückhaltung (noch ein gelungener Spagat) zum Klingen.
Bezeichnend, dass Rheinbergers Liederspiel ‘Vom goldenen Horn’ eine fast vergessene Rarität ist: vielleicht ist solche von Einfühlsamkeit und Neugier geprägte Begegnung der Kulturen zu optimistisch für unsere Zeit – leider. Umso schöner, dass das Freiburger Vokalensemble sich mit so viel Liebe dieses Projekts angenommen hat, einwandfrei produziert vom SWR-Studio Karlsruhe, ansprechend aufgemacht vom Carus Verlag, der sich in der Vergangenheit mit vielen gelungenen Rheinberger-Produktionen hervorgetan hat.
In vergleichbarer künstlerischer Qualität versammeln sich außerdem auf dieser CD die Zyklen ‘Liebesgarten’ op. 80 von 1855 und ‘Sturm und Frieden’ op. 170 von 1892. Die Verblüffung allerdings muss ausbleiben; heißt es ‘Wellen blinkten durch die Nacht, / blass der Mond am Himmel stand, / Mägdlein saß an Ufers Rand, / hielt bei ihrem Leinen Wacht, / sang in leisen Melodein / in die weite Nacht hinein’ (1. Strophe op. 80, Nr. 4), so fühlt man sich daheim. Auch schön.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Andreas Münzmay,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rheinberger, Joseph Gabriel: Vom Goldenen Horn: Weltliche Chormusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.06.2005
68:05
2005
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350831773
CAR 83177


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Rheinberger, Joseph
 - In Sturm und Frieden Op. 170 -
 - Liebesgarten Op. 80 -
 - Vom Goldenen Horn Türkisches Liederspiel Op.182 -


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Dirigent(en):Schäfer, Wolfgang
Interpret(en):Mammel, Hans-Jörg
Chou, Chia
Schwarz, Silke
Müller, Christine
Volpert, Markus


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"Im Mittelpunkt der neuen CD mit weltlicher Chormusik von Rheinberger steht der Zyklus „Vom Goldenen Horn“, ein „türkisches Singspiel“ nach Texten des Volkssängers und Improvisators Assim Agha Gül-hanendé, in den die „Handlung“ - eine Liebesgeschichte zwischen Assim und Assaïdy - nur angedeutet wird. Rheinberger verzichtete auf „Orientalismen“, sondern gab sich ganz der Ausdeutung der stimmungsvollen Liebesdichtung hin und komponierte eine Musik, in „schöner Form den zärtlichen Grundton der Dichtung festhält“ (Theodor Kroyer). Obgleich die Lieder in einem gewissen thematischen Zusammenhang stehen, so sind - anders als in „Vom Goldenen Horn“ - die beiden anderen eingespielten A-cappella-Chorwerke keine Zyklen im engeren Sinne. In „Liebesgarten“ dienen Naturbilder zu Reflektionen über die Liebe in ihren vielen Schattierungen, in „In Sturm und Frieden“ wird der Titel mal wörtlich verstanden, mal steht er metaphorisch für den menschlichen Lebenslauf. Die drei eingespielten Zyklen vermitteln einen charakteristischen Eindruck von den inhaltlichen Themen und dem musikalischen Reichtum dieses Genres. Rheinbergers weltliche Gesänge sind anspruchsvolle Werke mit dichten harmonischen Wechseln und großen Anforderungen an die klangliche Gestaltung, die vom Freiburger Vokalensemble unter der Leitung von Wolfgang Schäfer souverän gelöst werden. "


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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