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Samstag, 6. Juni 2020

Zimmermann, Bernd Alois u.a. - Die fromme Helene

'Die fromme Helene' gelesen von Gisela May


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wilhelm Busch Fans werden die CD sowieso haben wollen wegen Gisela Mays famoser Lesung der ,Frommen Helene'.

Wilhelm Busch ist bekannt für seine bitterbösen Bildergeschichten, deren berühmteste nach wie vor ,Max und Moritz' ist. Neben diesem Klassiker der Kinderliteratur sind besonders seine humoristischen Gedichts-Zyklen ,Fipps der Affe' und ,Die fromme Helene' populär. Letztere wird auf der neuen CD des Emsland Ensembles vorgetragen von der grandiosen Gisela May, die wohl wie keine andere den skurrilen Charme dieser Texte wiederzugeben vermag mit ihrem unvergleichlichen ironischen Unterton. Er dürfte allen bekannt sein, die May aus der Kultserie ,Adelheid und ihre Mörder' kennen, wo sie die ,Muddi' von Evelyn Hamann spielt.

Was ihre Lesung der Busch-Gedichte besonders interessant macht, ist die musikalische Anreicherung der Texte durch - ausgerechnet - den Neutöner Bernd Alois Zimmermann (1918-1970). Er hat zu den 17 Busch-Gedichten 17 kurze Zwischenmusiken geschrieben, die meist nicht länger als 20 Sekunden sind und das Ganze angenehm auflockern. Es mag der satirische Ton der Texte und die darin enthaltene Gesellschaftskritik gewesen sein, die Zimmermann anregten, sich mit der ,Frommen Helene' zu beschäftigen. Leider findet sich im Booklet kein Hinweis, warum und wann und wo Zimmermann diese Musik geschrieben hat. Anzunehmen ist, dass es sich um eine relativ frühe Komposition aus den 1950er Jahren handelt. Denn die ,Helene' Musik ähnelt stilistisch sehr den fünf (ebenfalls kurzen) ,Rheinischen Kirmestänzen' Zimmermanns aus dem Jahr 1952, die im Anschluss an den Busch-Zyklus zu hören sind. Wer Zimmermann nur als Komponist der Oper ,Die Soldaten' (1965) kennt und somit nur als radikalen Vertreter der Neuen Darmstädter Schule, der wird überrascht sein, wie anders dieser frühe Zimmermann klingt. Die Wiedergabe seiner Musik durch das im Jahr 2000 gegründete Emsland Ensemble hat genau den richtigen Biss und die nötige energische Spielfreude, die diese spröden Stücke überzeugend und unaufdringlich lebendig werden lässt. Sie erinnern entfernt an Schostakowitsch und seine berühmte Tanzmusik, wobei Zimmermann die melodische Eingängigkeit des russischen Kollegen (bewusst?) meidet. Dennoch ist es eine Freude, diese teils schrillen, derben, wilden Kirmesklänge zu hören.

Auf die Zimmermann-Zyklen folgen Dvoráks Mazurka e-Moll op. 49 und das Rondo g-Moll op. 94  sowie drei Tänze aus Friedrich Smetanas Oper ,Die verkaufter Braut', in jeweils neuen Arrangements von Andreas N. Tarkmann fürs Bläserensemble Prisma. Es stellt sich im direkten Hör-Vergleich heraus, dass der musikalische Abstand zwischen Smetanas tschechischen Furianten und Dvoráks böhmischen Tänzen zu Zimmermann rheinischem Kirmes gar nicht so groß ist. Das eröffnet unerwartete Perspektiven, die Zimmermann mehr als gut tun und neugierig machen auf mehr Musik dieses Komponisten.

Fazit: Wilhelm Busch Fans werden die CD sowieso haben wollen wegen Gisela Mays famoser Lesung der ,Frommen Helene'. Die musikalische Anfüllung mit Zimmermann, Dvorák und Smetana ist dabei ein angenehmes, höchst unterhaltsames Extra.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Zimmermann, Bernd Alois u.a.: Die fromme Helene

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Musicaphon
1
19.05.2005
64:13
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476568591
mus556859


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Dvorák, Antonín
 - Mazurek e-moll op. 49 -
 - Rondo g-moll op. 94 -
Smetana, Bedrich
 - Drei Tänze aus "Die verkaufte Braut" -
Zimmermann, Bernd Alois
 - Die fromme Helene -
 - Rheinische Kirmestänze -


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Interpret(en):May, Gisela


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"Hauptwerk dieser Einspielung ist die Fromme Helene, rezitiert von Gisela May, mit den witzigen, aphoristischen Zwischenmusiken von Bernd Alois Zimmermann. Sehr gut passen im Anschluß seine „Rheinischen Kirmestänze“ sozusagen als Kehraus zu der gar wunderbaren Geschichte. - Die Werke von Dvorak und Smetana erklingen in sehr gelungenen Transkriptionen für Violine solo/Violoncello solo und Ensemble von A. N. Tarkmann. Gisela May Besuch der Schauspielschule in Leipzig. Neun Jahre En-gagement an verschiedenen Theatern, u. a. Staatstheater Schwerin, Landestheater Halle. Ab 1951 Engagement am Deutschen Theater in Berlin, der einstigen Wirkungsstätte Max Reinhards. Sie spielte die unterschiedlichsten Rollen von den Klassikern bis zur Moderne. 1962 wechselte Gisela May zum Brecht-Theater, dem Berliner Ensemble, dem sie 30 Jahre lang angehörte. Hier spielt sie u. a. Madame Cabet in „Die Tage der Commune“, Frau Peachem in „Die Dreigroschenoper“, Frau Kopecka in „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“. Der schauspielerische Höhepunkt auf der Brecht-Bühne wurde für sie die Verkörperung der Mutter Courage. Diese Aufführung stand über 13 Jahre bis Ende 1992 auf dem Spielplan des Berliner Ensemble. Seit 1992 ist die Künstlerin freischaffend und arbeitete u. a. am Berliner Renaissance-Theater. Gisela May?s zweite Karriere als Diseuse verlief parallel zu ihrem schauspielerischen Weg. Der Komponist Hanns Eisler entdeckte sie für den speziellen Songstil Brechts und arbeitete mit ihr. Neben der Song-Interpretation besitzt Gisela May Erfahrungen im Musical-Bereich: In Hallo Dolly war sie als Titelfigur am Metropol-Theater Berlin zu erleben sowie als Fräulein Schneider in „Caberet“ im Theater des Westens. Gastspielreisen durch ganz Europa, durch Amerika und Australien führten sie u. a. nach New York an die Carnegie-Hall, an das Opernhaus Sydney und die Mailänder Scala. Gisela May ist Mitglied der Akademie der Künste, Berlin-Brandenburg. Einem breiten Publikum wurde sie durch ihre Mitwirkung in der TV-Serie „Adelheid und ihre Mörder“ bekannt. "


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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