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Freitag, 28. Februar 2020

Biber, Heinrich - Mariae Verkündigung

Virtuoses Gebet


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Rosenkranz gilt als eine der typischsten Erscheinungsformen katholischer Frömmigkeit. Seine moderne Gestalt entwickelte das Gebet in einem Trierer Kloster des frühen 15. Jahrhunderts. Die Legende erzählt, dass Dominik von Preußen der Mutter Gottes täglich einen Kranz aus Rosen darbrachte. Als die Aufgaben des Klosters ihn dazu nicht mehr die Zeit finden ließen, wandte er sich traurig an seinen Beichtvater. Der machte den Vorschlag, jede Rose durch ein ‚Gegrüßet seist du Maria’ zu ersetzen. Mit der Zeit entwickelte Dominik aus dieser Anregung eine Meditation des Lebens Jesu in 15 Szenen – aus dem Blumenkranz, war eine bis heutige gültige Meditationsform geworden.

Ausbildung im Jesuiten-Gymnasium

Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 -1704 in Salzburg) erhielt seine musikalische Ausbildung in einem Jesuiten-Gymnasium. Dort entwickelte er sich nicht nur zu einem der berühmtesten Geigenvirtuosen des deutschen 17. Jahrhunderts, sondern nahm auch mit Sicherheit an den dortigen Rosenkranzgebeten teil. Einen Nachhall davon bringt seine erste bekannte Komposition von 1663, ein 'Salve Regina' für Sopran, Violine, Gambe und Orgel zu Gehör. Auch seine unter dem Begriff Mysteriensonaten bekannten ‚16 Sonaten über die 15 Mysterien des Rosenkranzes für Violine und Basso Continuo’ widmen sich dem Rosenkranz in ungewöhnlicher Breite und zählen zu den extravagantesten Kompositionen für Violine des 17. Jahrhunderts.

Skordatur

Im Mai 2004 führte das Ensemble Lyriarte mit dem Geiger Rüdiger Lotter die Mysteriensonaten in der Allerheiligenhofkirche der Münchner Residenz auf. Eine besondere Schwierigkeit des hochvirtuosen Zyklus stellt die Vorliebe Bibers für die Skordatur, das Umstimmen einzelner Saiten, dar. Diese Praxis ermöglichte ihm besondere Effekte aber auch die Spielbarkeit schwieriger Griffe in hohen und tiefen Lagen sowie auf leeren Saiten. Kaum ein Geiger und Komponist vor ihm setzte so häufig Doppelgriffe, Dreier- und Viererakkorde ein wie Biber, der schon damals das Violinspiel bis in die siebente Lage beherrschte, was Arcangelo Corelli noch für unmöglich gehalten hatte..

Rundum überzeugend

Den 15 unterschiedlichen Skordaturen (eine für jedes Geheimnis des Rosenkranzes – die abschließende Passacaglia ist wieder in der gängigen Violinstimmung notiert) stellte sich Lotter mit drei unterschiedlich gestimmten Barockgeigen, um einen reibungslosen Verlauf des Konzertes zu gewährleisten. Der vorliegende Mitschnitt zeigt, dass Lotter nicht nur den technischen Aspekt meisterhaft bewältigt. Zart von Theorbe (Axel Wolf), Cembalo und Truhenorgel (Olga Watts) umsponnen, füllt er mit einem Höchstmaß an Konzentration und musikalischer Vorstellungskraft die ungemein anspruchsvollen Stücke mit Leben. Einerseits unterstreicht Lotter die neuartige und höchst expressive Qualität der Musik, die zu allerlei interessanten Effekten wie der täuschenden Nachahmung von Fanfaren in der Himmelfahrtssonate XII oder gar Hammerschlägen in der Kreuzigungssonate X fähig ist. Andererseits nimmt er den meditativ-religiösen Charakter der Musik ernst und verleugnet nicht ihren Ursprung aus der Frömmigkeit. Bibers Sonaten, die ‚zur absonderlichen Erquickung des Gehörs componirt’ wurden, überzeugt in dieser geschlossenen ersten Live-Aufnahme rundum. Das Booklet mit den aufschlussreichen Texten Lotters zu Zahlensymbolik, biblischen und wissenschaftlichen Bezügen der Musik verdient ein gesondertes Lob.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Biber, Heinrich : Mariae Verkündigung

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
2
02.01.2006
Medium:
EAN:

CD
4260034865143


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Biber, Heinrich Ignaz Franz


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Interpret(en):Lotter, Rüdiger
Watts, Olga
Wolf, Axel


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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