> > > Lehár, Franz: Zigeunerliebe, Gipsy Love
Montag, 6. Dezember 2021

Lehár, Franz - Zigeunerliebe, Gipsy Love

Oper(ette)


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Romantische Operette in drei Bildern, so lautete der Untertitel, den Lehár seinem dritten Welterfolg gab. Nach ‚Die lustige Witwe’ und ‚Der Graf von Luxemburg’ eroberte ‚Zigeunerliebe’ von 1910 die europäischen Theater von Rang, verlor dann aber rasch an Bedeutung. Zu weit für seine Zeit war Lehár in dieser Operette mit seiner Experimentierfreude gegangen; und zu nah hatte er sich an die Grenze gewagt, welche die Operette von ihrer großen Schwester, der Oper trennt. Es war seit langem sein er erklärten Ziel, die Scheidewand zwischen den beiden Gattungen einzureißen. Mit der Zigeunerliebe Brach er zumindest ein riesiges Stück heraus und schuf dabei ein kompositorisches Meisterwerk auf höchstem Niveau.
Die Behandlung des Orchesters, die Disposition der Szenen, die Behandlung der Singstimme, die großen Finali würden jeder Oper der Zeit zur Ehre gereichen. Demgegenüber stehen weiterhin selige Operetten-Melodik, Zigeunerromantik, glutvoll-melancholischen Geigenklänge, coupléartigen Spielduette und das charmante Lokalkolorit der extravaganten Instrumentierung mit Cymbal und Tárogató. Alles wie es nicht schöner in ‚Land des Lächelns’ oder ‚Giuditta’ zu finden wäre. Und doch passt es zusammen, ist kein Flickenteppich, sondern eine ganz originäre und vor allem runde Form. Wie eine Zusammenfassung derselben wirkt die große Eröffnungsszene: ein sinfonisches Sturmgemälde mit wagneresquen ‚Heissa, heissa! Heiss, huchhei! Heia! Heia! Hei!’-Rufen, einer kühnen tonmalerischen Schilderung des ungezügelt triebhaften Naturells der Protagonistin im Orchester und einer gehörigen Prise Paprika.

Cymbalklänge

Auf lange Sicht reagierte das Publikum irritiert auf das Neuartige der Zigeunerliebe. Lehár antwortete darauf, indem er den Stoff mehrfach umarbeitete. Bis zum ersten Weltkrieg hatte das Werk als ‚Gipsy Love’ in einer stark verstümmelten Version in Großbritannien einen gewissen Erfolg. Die einschneidenste Veränderung erfuhr ‚Zigeunerliebe’ jedoch auf dem Kontinent. Im Auftrag der Budapester Oper erarbeitete Lehár 1942 eine durchkomponierte ungarische Fassung mit dem Titel ‚Garabonciás Diák’.
Wie so oft bei Lehár, blieb die erste Fassung eines Werkes die Schlüssigste. Wie so oft hat auch cpo einen hervorragenden Instinkt beweisen und macht mit vorliegender Aufnahme das erste Kennenlernen der Originalfassung in hervorragender Besetzung möglich. Allerdings gibt es auch eine kleine Ausnahme bei der Treue zur Originalfassung. Auf das zauberhafte Lied und den nachfolgenden Csárdás ‚Hör’ ich Cymbalklänge’ der Ilona, das in der Fassung von 1915 auf Ungarisch erschien, aber auf 1908 datiert ist, konnte dann doch nicht verzichtet werden.

Exquisites Ensemble

Dagmar Schellenberger, Star vieler cpo-Einspielungen, singt nicht nur diesen Gassenhauer glutvoll und mit Attitüde. Auch Johanna Stojkovic als Zorika und Zoran Todorovich als Jozsi leisten Herausragendes in bezug auf Gesang, Interpretation und Spielfreude. Mit solider Technik und der gehörigen Portion Schmäh machen sie das exquisite Solistenensemble rund. Der NDR-Chor und die NDR Radiophilharmonie geben unter dem feinen und eloquenten Stab Frank Beermans den Charme und die trügerische Leichtigkeit wienerischer Operettenseligkeit genau so zum Besten, wie sie die weitragenden Spannungsbögen und die raffinierte Harmonik dieses besonderen Werkes ins rechte Licht zu setzen vermögen. Ob Oper oder Operette, wenn der russischen Violinsolist Andrei Biel sich in den Geigenhimmel der Zigeuneraufweisen aufschwingt und opulentes Opernpathos im Orchester dräut, kann man sich nur freuen, dass ‚Zigeunerliebe’ endlich in einer Referenzaufnahme vorliegt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lehár, Franz: Zigeunerliebe, Gipsy Love

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.04.2005
Medium:
EAN:

CD
0761203984220


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Lehár, Franz


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Dirigent(en):Beermann, Frank
Interpret(en):Hörl, Andreas
Schulze, Raphaela
Köhler, Markus
Rankl, Stefan-Alexander
Lukic, Ksenija
,
Todorovich, Zoran
Schellenberger, Dagmar
Stojkovic, Johanna
Bielow, Andrej


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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