> > > Schreker, Franz: Christophorus
Samstag, 4. Dezember 2021

Schreker, Franz - Christophorus

Schrekers Vision einer Künstleroper


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die entdeckerfreudige Oper Kiel hat in den Spielzeiten von 2001 bis 2003 unter der Intendanz von Kirsten Harms drei Bühnenwerke Franz Schrekers in den Spielplan aufgenommen:

Die Franz Schreker Renaissance ist etwas Eigenartiges. Seit den 1970ern gibt es konstante Bemühungen großer wie kleiner Häuser seine Opern für die Bühne zurückzuerobern und ihm den einstigen Erfolg und den verdienten Platz neben Richard Strauss im Repertoire zu geben. Allein, trotz vieler einzelner Erfolge in teils spektakulären Aufführungen, trotz großer Künstlernamen und trotz nicht abreißendem Einsatzes, Aufführungen von Schrekers Opern sind immer noch die Ausnahme. Daran haben weder die mustergültigen Aufführungen des ‘Fernen Klang’ in Wien und Berlin in den letzten Jahren etwas ändern können, noch wird die gerade bei den Salzburger Festspielen mit großem Erfolg in Szene gegangene Produktion der ‘Gezeichneten’ das Blatt wenden können. Es ist unwahrscheinlich diesem musikalisch aufregenden und dramaturgisch zwingenden Werk andernorts bald eben so oft zu begegnen, wie den Opern von Schrekers Zeitgenossen Richard Strauss.

Späte Uraufführung

Die entdeckerfreudige Oper Kiel hat in den Spielzeiten von 2001 bis 2003 unter der Intendanz von Kirsten Harms drei Bühnenwerke Franz Schrekers in den Spielplan aufgenommen: ‘Flammen’, ‘Das Spielwerk und die Prinzessin’ und ‘Christopherus oder die Vision einer Oper’. Mit dem erscheinen des letzten Titel liegen nun alle drei Werke als Mitschnitte der Aufführungen auf CD bei cpo vor, die gemeinsam mit den Technikern von Deutschlandradio Berlin vorzügliches geleistet haben. Die Ausstattung der 2-CD-Box ist mit Libretto, umfangreichen Einführungs- und Hintergrundmaterial, sowie Aufführungsphotos wieder einmal vorbildlich gelungen.

Das Werk selbst erklingt erstmals vollständig, die posthume Uraufführung, die 1978 in Freiburg stattfand (und von der ein Mitschnitt existiert) präsentierte nur eine gekürzte Version. Mit gut 100 Minuten Spielzeit bleibt das 1928 fertiggestellte Werk dabei trotz aller inhaltlichen Eigenheiten überschaubar. Thematisiert wird ein Lieblingsthema in der Kunst der Moderne nach 1900, die Bedingungen und Konsequenzen künstlerischen Schaffens. Die Diskurse Nietzsches und Thomas Mann sind hier präsent. In mehrfachen Spiegelverhältnissen zur Legende des heiligen Christopherus erzählt Schreker eine klassische, tödlich endende Dreiecksgeschichte um den Jungkomponisten Adrian, seinen Freund Anselm und die von beiden begehrte Lisa. Durchzogen von christlichen Anspielungsmustern und mit symbolistischen Bedeutungswelten der Zeit angereichert, werden die Erlebniswelten von Treue, Eifersucht, Sünde und Rauschzuständen durchgespielt. Die Lebensqualen Anselms werden schließlich zur Grundlage seiner künstlerischen Schaffensqualen und münden in der Komposition eines Streichquartetts. Ansätze für Deutungsmöglichkeiten bietet das literarisch hochwertige und vom Komponisten selbst besorgte Libretto reichlich. Ein Vergleich mit Pfitzners Palestrina-Oper, die mit anderen Mitteln eine ähnliche Thematik verarbeitet wäre sicherlich lohnend. Ist Pfitzner mehr um die Zeitlosigkeit seiner Botschaft bedacht, so versucht Schrekers Künstleroper den Spagat zur Zeitoper der späten 1920er Jahre. Gerade diese Zeitverhaftetheit macht das Werk heute allerdings etwas sperrig und spröde, fordert mehr zur intellektuellen, denn zu sinnlichen Auseinandersetzung heraus.

Formal hält die Partitur einige Sonderheiten bereit, das bemerkenswerte Vorwort zur Partitur ist dankenswerter Weise im Beiheft mit abgedruckt. Es ist Zeugnis von den Bemühungen Schrekers, die Oper zu reformieren und ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern. Ulrich Windfuhr am Pult des bestens aufspielenden Kieler Orchesters gelingt es die Musik, trotz immer wieder eingestreuter Dialogpassagen, im Fluss zu halten, ja stellenweise geradezu einen liturgischen Charakter zu erzeugen. Schrekers Musik kennt auch hier das Primat der Melodie und dennoch ist sie wenig eingängig, bleibt wenig haften nach dem Hören der Partitur. Es sind mehr Klangereignisse, orchestrale Farben, Instrumentationseffekte die sich akustisch in den Vordergrund drängen.

Die Sänger der Aufführung sind erstklassig, allen voran das rivalisierende Freundespaar Robert Chafin und Carsten Sabrowski, die mit Präsenz und Gestaltungsvermögen psychologisch durchdachte Porträts entwerfen. Zwischen ihnen steht Susanne Bernhard als Lisa mit ausdrucksstarkem Sopran. Ergänzt wird das Trio durch das tadellose Ensemble der Kieler Oper, deren Engagement für dieses Werk hörbar wird. Empfehlenswert!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Uwe  Schneider Kritik von Uwe Schneider,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schreker, Franz: Christophorus

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
2
20.02.2005
Medium:
EAN:

CD
0761203990320


Cover vergössern

Schreker, Franz


Cover vergössern

Dirigent(en):Windfuhr, Ulrich
Orchester/Ensemble:Kiel Philarmonic Orchestra
Interpret(en):Arnold, Jennifer
Holz, Roland
Pauly, Simon
Schöpflin, Hans-Jürgen
Gebhardt, Bernd
Klein, Matthias
Chafin, Robert
Sabrowski, Jörg
Bernhard, Susanne
Ahrens, Hans Georg


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Uwe Schneider:

  • Zur Kritik... Beverly Sills' amerikanische Norma: Nach über 30 Jahren ist die Studio-'Norma' von Beverly Sills erstmals auf CD erhältlich. Eine Wiederbegegnung mit jener Zeit, die das Ende des Belcanto-Gesangs einläutete. Weiter...
    (Uwe Schneider, )
  • Zur Kritik... Sinfonische Märchenoper: Das Märchen vom Fischer und seiner Frau als spätromantische Oper mit starken sinfonischen Akzenten. Musikalisch überzeugend dargeboten in einem Mitschnitt aus dem Theater Aachen. Weiter...
    (Uwe Schneider, )
  • Zur Kritik... Kleine Oper um eine große Primadonna: Entdeckungswürdige, charmante Konversationoper um eine Primadonna des 18. Jahrhunderts, von Gabriel Pierné in kunstvolle, subtile Klangfarben gesetzt. Weiter...
    (Uwe Schneider, )
blättern

Alle Kritiken von Uwe Schneider...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Brahms ohne Schrei – aber als Trost im Lockdown: Emmanuel Despax realisiert mit engen Vertrauten seinen Jugendtraum, Brahms' 1. Klavierkonzert aufzunehmen. Und liefert eine im Lockdown entstandene Interpretation von 16 vierhändigen Walzern mit Ehefrau Miho Kawashima hinterher. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Very British: Die Ballette von Lord Berners sind in der Einspielung durch David Lloyd-Jones ein Vergnügen. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Verbeugung vor den Damen: Ein vergessenes Werk von Ethel Smyth und ein Geschenk zum hundertsten Geburtstag. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich