> > > Sibelius, Jean: Symphonie Nr.4/Pohjolas Tochter/Finlandia
Samstag, 15. August 2020

Sibelius, Jean - Symphonie Nr.4/Pohjolas Tochter/Finlandia

Genialer Klangmodellierer und Dramatiker


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese hervorragende Interpretation zeigt vor allem zwei Stärken des Dirigenten

Der Zyklus der Gesamteinspielung sämtlicher Sinfonien Jean Sibelius’ durch das Helsinki Philharmonic Orchestra unter seinem Chefdirigenten Leif Segerstam erreicht mit der hier vorliegenden Aufnahme der Vierten Sinfonie op. 63 seinen Abschluss- und zugleich – soviel sei im Voraus verraten – seinen Höhepunkt. Schon die Interpretation gerade der Dritten und Fünften Sinfonie zeigten die sowohl klug durchdachte als auch sinnliche Lesart des finnischen Dirigenten Leif Segerstam, die Sibelius weniger als anachronistischen (Spät-)Romantiker erscheinen ließen, sondern vielmehr als einen Komponisten, der, basierend auf der sinfonischen Tradition des 19. Jahrhunderts, neue Wege beschreitet und zudem für jede Sinfonie eine in formalem Aufbau und Einsatz des Orchesterklangs einzigartige Lösung anbietet. Mit der Vierten Sinfonie ist von Segerstam und seinem traditionsreichen Orchester aus Helsinki Schwieriges gefordert, gilt dieses 1911 vollendete Werk doch als Sibelius’ kargstes, das sich vor allem durch herbe Klangfarben und eine zerrissene Struktur auszeichnet. An diesem Werk sind schon mehrere Dirigenten gescheitert, auch solche, die bei der Interpretation anderer Sinfonien von Jean Sibelius durchaus glanzvolle Leistungen erbrachten. Die Vierte bildet bei jeder Einspielung der Sinfonien des finnischen Nationalkomponisten als die härteste Nuss.

Mit viel Sinn für Zusammenhang und Orchesterkolorit

Leif Segerstam meistert diese Aufgabe jedoch mit Bravour. Diese hervorragende Interpretation zeigt vor allem zwei Stärken des Dirigenten: zum einen den Überblick über das Gesamtwerk, der der zerrissenen Anlage des Werkes entgegenwirkt. Segerstam schafft hier ungeahnte Spannungsbögen über weite Teile des Stücks, die Zusammenhänge und Entwicklungen nachvollziehbar machen. Zum anderen zeigt diese Produktion den feinen Klangsinn Segerstams, der den äußerst kargen Orchesterklang mit feinsten Nuancen modelliert und somit auch auf klanglicher Ebene höchste Spannung erzeugt. Womöglich kommt Segerstam hier seine Doppelbegabung oder –beschäftigung als Dirigent und Komponist zugute; als schaffender Künstler weiß er um die feinsten Schattierungen und Kombinationsmöglichkeiten von Klängen des Orchesters und die Wichtigkeit des formalen Zusammenhangs, der hier dann von ihm – wie fast keinem zweiten – auf überzeugende Weise vermittelt wird. Das Orchester aus Helsinki ist im hier ein williger Partner, der die Direktiven des Dirigenten nicht nur bereitwillig, sondern mit Spannung, Leidenschaft und vor allem Präzision umsetzt. Die rhythmischen Knifflichkeiten gerade dieser Vierten Sinfonie scheinen für das Helsinki Philharmonic Orchestra nicht zu bestehen, traumwandlerisch können sich die Musiker der Phrasierung und der ungemein fein schattierten Dynamik zuwenden (während andere Orchester schon mit der ausgefeilten Rhythmik schwer zu kämpfen haben). Schon der erste Satz strotzt nur so vor klangfarblichen Nuancen. Man ist geneigt zu fragen, ob dieses Werk wirklich – wie es so oft heißt – das kargste Orchesterwerk Sibelius’ ist, denn Segerstam straft diese Anschauung Lügen. Zugegeben, die erschaffenen Farben sind vor allem Nuancen im dunklen Bereich, aber doch sehr reichhaltig. Schon der klangsatte Anfang der Sinfonie wirkt bei Segerstam zwingend und energiegeladen. Die Abstimmung zwischen den Orchestergruppen ist vorbildlich, auch eine einzelne Fagottstimme vermag hier leicht aus einem wuchtigen Streichersatz hervorzutreten. Dies ist natürlich auch Ergebnis der differenzierten Aufnahmetechnik, die jedes Instrument bestens einfängt. Trotz der optimalen Transparenz entsteht hier ein voller Orchesterklang, der von Segerstam bis ins kleinste Detail fein modelliert wird. Auch wenn Segerstam für den ersten Satz ein erstaunlich langsames Tempo anschlägt (oder zumindest ein vergleichsweise sehr langsam wirkendes), so besitzt dieser Satz unter Segerstams Stabführung dennoch etwas Drängendes, das vor allem von der ungeheueren Spannung herrührt, die der Dirigent zu erzeugen vermag. Neben dem mit sicherem Gespür für das richtige Maß an ritardando interpretierten zweiten Satz, überzeugen auch die beiden folgenden auf ganzer Linie: Die Partituranweisungen im dritten Satz hört man (fast) nie so konsequent und überzeugend umgesetzt wie hier, der letzte Satz mit seiner vordergründig ausgelassenen und doch tragischen Grundstimmung wirkt unter der Leitung Leif Segerstams absolut zwingend.

Nicht nur als Lückenfüller

Neben der grandiosen Deutung der Vierten Sinfonie findet sich auf dieser Aufnahme eine nicht weniger erstaunliche Interpretation der sinfonischen Dichtung ‘Pohjohlas Tochter’ op. 49. In Konzerten nimmt dieses Werk meist die Position eines ‘Haydn zum Einspielen’ ein. Geht es mal nicht um ein Programm mit Werken der Klassik, bei dem dann vor der Pause eine vermeintlich so leichte Sinfonie von Joseph Haydn zum Warmspielen der Musiker und Warmhören der Zuhörer dient, sondern vielleicht um einen Abend mit Werken skandinavischer Komponisten, so dient die sinfonische Dichtung Sibelius’ als Pendant zu Haydn: Bevor man zur zweiten Konzerthälfte kommt, bei der es dann um ‘richtige’ Werke geht, spielt man eben das viertelstündige ‘Pohjohlas Tochter’ und noch ein kleineres Werk zum Aufwärmen. Hierbei wird dieses eigentlich höchst interessante und kurzweilige Werk zu einem appetitanregenden Leckerbissen degradiert. Weniger besser ergeht es diesem Stück bei CD-Aufnahmen. Da nach einer Sinfonie von Sibelius noch fast die Hälfte einer Compact Disc leer ist, nimmt man eben dann noch ‘kleinere’ Werke wie das Opus 49 auf, um die Aufnahme voll zu machen. Dass das dann auch meist nur leidlich beherzt interpretiert wird, braucht nicht mehr erwähnt zu werden.

Deswegen ist diese Produktion des Labels Ondine eine so große Überraschung. Denn Segerstam begegnet der ‘niedlichen’ sinfonischen Dichtung ‘Pohjohlas Tochter’ mit dem gleichen Ernst und ebenso großer interpretatorischer Detailarbeit. Vor allem im Bereich der Instrumentation zeigt dieses Werk eine Palette an reich schillernden Klangfarben, die von Segerstam mit instinktivem Gespür für Effekt und feinen Nuancen ausgekostet wird; man denke hier z.B. an die ulkigen, dennoch unkomischen Klarinettentriller, die an Strauss’ ‘Macbeth’ erinnern. Den Abschluss dieser CD macht die inoffizielle Nationalhymne Finnlands, ‘Finlandia’ von Jean Sibelius. Segerstam wählte hier eine Hybrid-Fassung, die für die hymnischen Teile dieses kurzen Werkes auf einen Chor als Unterstützung des Orchesters zurückgreift. Noch nie hat man dieses Werk rhythmisch so spritzig und akkurat gehört wie hier. Denn aus der genauen Umsetzung des in der Partitur notierten ergibt sich ein unwiderstehlicher rhythmischer Drive, den andere Interpreten meist zugunsten von schwelgerischem Pathos vermissen lassen.

Überzeugendes Klangbild

Wie oben schon kurz erwähnt, fingen die Techniker von Ondine den fein ziselierten Orchesterklang vorbildlich ein. Jedes Instrument bleibt hier verfolgbar, ohne dass der Klang zerfaserte. Ganz im Gegenteil: Einen so differenzierten Klang hört man – gerade bei Aufnahmen der Vierten Sinfonie – nie.

Mit dieser Aufnahme ist Leif Segerstam ein höchst bemerkenswerter Abschluss der Gesamteinspielung der Sinfonien Sibelius’ geglückt. Vor allem die Dramatik und dunkle Leidenschaft kommt in dieser unvergleichlichen Interpretation bestens zum Tragen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sibelius, Jean: Symphonie Nr.4/Pohjolas Tochter/Finlandia

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Aufnahmejahr:
Ondine
1
29.03.2010
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
0761195104026
ODE 1040


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Sibelius, Jean


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Dirigent(en):Segerstam, Leif
Orchester/Ensemble:Helsinki Philharmonic Orchestra


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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