> > > Klaviertrios der 20er Jahre: von Shostakovich, Martin, Bloch, Copland, Cassadó
Sonntag, 29. Mai 2022

Klaviertrios der 20er Jahre - von Shostakovich, Martin, Bloch, Copland, Cassadó

Zeit des Umbruchs


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der Geigerin Solveigh Rose, der Cellistin Bettina Barbara Bertsch und der Pianistin Christiane Behn haben sich im Jahr 2000 drei Kammermusikerinnen von starker Individualität zusammen gefunden, die nun beim Norddeutschen Rundfunk / Musicaphon eine charismatische Einspielung von fünf Werken für Klaviertrio vorlegen. Die Kompositionen sind allesamt innerhalb von nur sieben Jahren und in der von politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen geprägten Zeit nach Ende des Ersten Weltkriegs entstanden. Sie entstammen jedoch sehr gegensätzlichen kulturellen Umfeldern, und so der Hörer wird einer beeindruckenden stilistischen Bandbreite teilhaftig: neben Musik der Schweizer Komponisten Frank Martin und Ernest Bloch sind ausdrucksstarke Werke des Russen Dmitri Schostakowitsch, des Spaniers Gaspar Cassadó und des Amerikaners Aaron Copland enthalten.

Die Musikerinnen beginnen mit dem einsätzigen Trio op. 8 von Schostakowitsch, einem Jugendwerk, das gleichwohl schon viele Charakteristika der Tonsprache des reifen Meisters vorausahnen lässt. Der klare, fast plakative Stil der Komposition wird vom Trio Kairos hervorragend vermittelt. Die charakteristischen Kontraste zwischen kapriziöser, fast ironischer Spritzigkeit, verträumter Harmonie (wie in der zweimal erklingenden Adagio-Kantilene des Cellos) und klangvoll-fulminantem Pathos. Hier wird der offene Aufeinanderprall von romantischem und expressionistischem Gestus gekonnt inszeniert. Das Klavierstaccato korrespondiert wunderbar mit den Pizzicati der Streicher; schade ist lediglich, dass sich die Cellistin in tiefer Lage bisweilen schwer gegen den tendenziell dominanten Klaviersatz behaupten kann.

Frank Martins Klaviertrio über irische Volksmelodien ist ein sowohl anachronistisches als auch originelles Werk. Komplexeste rhythmische Strukturen sind hier gleichermaßen vertreten wie schwebende, tonal mehrdeutige Sequenzen wie zu Beginn des zweiten Satzes. Nach einem etwas fahl wirkenden Streicherunisono zu Beginn, dessen Legato nicht ganz konsequent geführt ist, gelangt das Ensemble zu einer überaus präzisen Artikulation und vermag die von Folklore und Tanz inspirierte, fröhlich dahinjagende Musik überzeugend zu interpretieren. Die dynamischen Abstufungen dürften nach meinem Dafürhalten in einigen Fällen durchaus noch variantenreicher gestaltet sein, doch die rasanten Fiddling-Imitationen und brummenden Bordunquinten der finalen Gigue, welche im Charakter an das Perpetuum mobile aus Ravels Violinsonate gemahnt, werden davon in keiner Weise beeinträchtigt.

Die drei Nocturnes von Ernest Bloch bilden eine Gattungsrarität in der Literatur für Klaviertrio; in diesem knapp gehaltenen Zyklus entfaltet sich eine subtile, mit äußerster Präzision gezeichnete und fast mysteriöse Tonsprache. Während das erste Stück mit seinen Flageolett-, Tremolo- und Dämpfereffekten impressionistisches Kolorit verströmt, steht die Nr. 2 ganz im Zeichen eines gesanglichen und anrührend gestalteten Dialogs der beiden Streicher, der fein vom Klavier untermalt wird. Das dritte Nocturne ist eine atemlos bewegte Miniatur, in der perlende Klaviergirlanden das kraftvolle Unisono von Geige und Cello ablösen.
Auch die Studie über ein jüdisches Thema von Copland, benannt nach der russischen Kleinstadt Vitebsk, ist in Konzeption und Ausdrucksgehalt etwas Einzigartiges. Der Komponist verwendet einen Dialog von rezitativischen Streicherpassagen und schroffen Akkorden im Klavier, gefolgt von wahnwitzigen Imitationen und einem wild dahinjagenden Tanz (Allegro vivace), um die programmatische Idee einer von einem bösen Geist besessenen Seele musikalisch zu verwirklichen. Das Sujet ist der jüdischen Mythologie entlehnt und wird hier gleichermaßen brillant komponiert und interpretiert; die hochinteressante Melodik ist stark von Sekundreibungen und auch Vierteltonintervallen in den Streichern gekennzeichnet.

Virtuose und kontrastreiche Nischenwerke für Triobesetzung

In Gaspar Cassadós Klaviertrio findet das Trio Kairos zu einem packenden und dramatischen Finale voller spieltechnischer Raffinesse. Das dreisätzige Werk enthält keinen wirklichen langsamen Teil und übertrifft an Virtuosität noch einmal die vorangegangenen Stücke. Mit den anderen vier Kompositionen teilt es jedoch die starke Prägung durch musikalische Kontraste: breite, ausladende Streichermelodik, rhythmische Ostinatofiguren im Klavier und schwärmerische, nahezu exzessive Unisoni wechseln sich in rascher Folge ab. Die Musikerinnen nutzen die abrupten Charakterwechsel zu einer überaus gelungenen Darstellung ihres reichen farblichen Differenzierungsvermögens. Einflüsse spanischer Folklore auf die Harmonik sind besonders in den Dominantspannungen des zweiten Satzes gegenwärtig und werden voll ausgekostet; und das Werk bildet in diesem außergewöhnlichen CD-Programm einen eindrucksvollen Beschluss.

Obschon der Klang aller Instrumente vereinzelte Schwächen aufweist (so wirkt auf mich die Geige in der Balance zu ihren Partnern bisweilen unterbelichtet, der Celloton gerät stellenweise ein wenig fahl, und das Klavier klingt besonders in Solopassagen leicht trocken und dumpf), besticht diese Einspielung vor allem durch das selten auf Konzertprogrammen und CD-Covern anzutreffende, aber überaus hörenswerte Repertoire, dessen Interpretation in nahezu allen Belangen überzeugen kann. Das Trio Kairos nähert sich den gewählten Werken mit Unbefangenheit, Verve und natürlicher Brillanz, was dem Charakter der Musik vortrefflich entspricht, und fügt auch dem Beiheft durch selbst verfasste und sehr ausführliche Begleittexte eine sympathische persönliche Note hinzu.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Wendelin  Bitzan Kritik von Wendelin Bitzan,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Klaviertrios der 20er Jahre: von Shostakovich, Martin, Bloch, Copland, Cassadó

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Musicaphon
1
15.04.2005
66:15
2003
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
401247656872
mus556872


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Bloch, Ernest
 - Three Nocturnes (1924) -
Cassadó, Gaspar
 - Trio (1926) -
Copland, Aaron
 - Vitebsk – Study on a Jewish Theme (1929) -
Martin, Frank
 - Trio über irländische Volksweisen (1925) -
Schostakowitsch, Dimitri
 - Trio op. 8 (1923) -


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"In den 20er Jahren steht vor der Kunst-Vielfalt in der internationalen Kultur-Szene ein gemeinsames Erlebnis: der 1.Weltkrieg. Dieser verheerende Krieg brachte in seiner Folge zahlreiche Gesellschaftssysteme in tiefste Krisen und Umwälzungen, z.B. das Zusammenbrechen der Monarchien in Europa und die Oktober-Revolution in Russland. Wirtschaftlicher Absturz und Armut machten auf allen gesellschaftlichen Gebieten Neuorientierungen und Neustrukturierungen notwendig. Diese einschneidenden Erlebnisse, Veränderungen, die sich in rasantem Tempo abspielten, finden ihren Niederschlag auch in der Musikkultur. In diesem CD-Programm finden sich europäische (Martin, Cassado), europäisch-amerikanische (Bloch, Copland) Komponisten und der Russe Schostakowitsch wieder. Sie alle repräsentieren auf ihre ganz eigene Art die Suche nach „Moderne“, der Zukunft der Musik, dabei aber auch die Weiterführung und Respektierung überlieferter Traditionen. Für ihre erste Trio-CD bei „Musicaphon“ haben sich die drei jungen Hamburger Musikerinnen bewusst für dieses Programm entschieden, weil es neben der gängigen Trio-Literatur in der Zeit der sogenannten „goldenen 20er Jahre“ eine außerordentlich große Vielfalt der Kompositionsstile bietet. "


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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