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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Willi, Barbara Maria - deconstruction

Gemeinsamkeiten der Musik und Physik


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Als Mittel für ihre Darstellung von Spannungsauf- und -abbau, formaler Freiheit und fester Form, dient Barbara Willi das Cembalo.

In den meisten Fällen steht hinter der Zusammenstellung eines neuen Albums eine feste musikalische Idee, die der Platte einen bestimmten Rahmen verleiht. Barbara Maria Willi hat sich bei ihrer neuen Einspielung vordergründig nicht an den musikalischen Zusammenhängen orientiert, sondern ihre Einspielung an einem Gedanken aus der Naturwissenschaft aufgebaut. Der Energieerhaltungssatz, der jeglichen Energieverlust innerhalb des Universums zurückweist, lehrt die ständigen Gleichungen von Form und Unform, Spannung und Entspannung, oder Konstruktion und Dekonstruktion, wie der Titel dieser CD lautet.

Dieses naturwissenschaftliche Axiom aus Bewegung und Stillstand, Dynamik, Energie und Kontinuierlichkeit, Ordnung und Chaos nimmt Barbara Maria Willi als Grundlage und ihr Ziel, dem Hörer den Ursprung von Musik und Kunst zurück ins Gedächtnis zu rufen: die Abfolge von Formfreiheit und –strenge.

Spiel der anziehenden Gegensätze

Als Mittel für ihre Darstellung von Spannungsauf- und –abbau, formaler Freiheit und fester Form, dient Barbara Willi das Cembalo. Als Paradebeispiel für diese musikalischen Gegensätze passen wohl keine Werke besser als die von Johann Sebastian Bach (1685-1750). Seine ‚Chromatische Fantasie und Fuge’ zeigt die Formen freier und vorgegebener Konstruktion in diachroner Weise. Gleichzeitige Verläufe von wiederholten Strukturen einerseits und solistischen ‚Unordnungen’ andererseits werden in Willis Interpretationen ’Pass’e mezzo’ von Barockkomponist Giovanni Picchi (?-?) sowie in György Ligetis (*1923) ’Hungarian Rock’ vorgestellt.

Sowohl das 1621 entstandene Stück aus Picchis ’Intavolatura di balli d’arpicordo’ als auch die zeitgenössische Chaconne Ligetis stellen hingegen Ostinato-Stücke dar und nehmen ihre Faszination aus den Gegensätzen von dynamischer Entwicklung vs. steter Basslinie. Vor allem die dynamische und energiegeladene Linie der beiden Werke zeichnet Willi in ihrem klaren, nie verwischten Spiel nach.

Von einer ganz anderen Stimmung geprägt ist die 1982 komponierte Orpheus-Ouvertüre von Louis Andriessen (*1939). Nicht so sehr chromatische Gestaltungsmöglichkeiten charakterisieren sein Stück, vielmehr nutzt Andriessen das Cembalo zur Bildung von Echo und Resonanzräumen. Der Sage entsprechend gelingt Willi eine mystische Interpretation mit nuancenreichen Klangschattierungen, welche Orpheus’ Abstieg in die Unterwelt musikalisch begleiten.

Mit François Couperins (1668-1733) ’Les barricades mystérieuses’ aus den ‘Pièces de Clavecin II’ und Jean-Philippe Rameaus (1683-1764) Suite a-moll unterstreicht die Cembalistin, die u. a. bei Nikolaus Harnoncourt Historische Aufführungspraxis studierte, ihr facettenreiches, weiches Spiel.

Neugier auf mehr

Der puristische Titel DeConstruction macht neugierig auf den CD-Inhalt, über den der Leser im Booklet von der Interpretin selbst neben Bekanntem interessante Ansätze über ihre Vorstellung zum Zusammenhang von naturwissenschaftlichen und musikalischen Energieformen erfährt. Jedes der sechs von ihr ausgewählten Werke wird dabei angesprochen. Nicht nur für Liebhaber der solistischen Tastenmusik ist dieses bei musicaphon erschienene Album als Bereicherung für den CD-Schrank zu empfehlen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Andrea Hampe Kritik von Andrea Hampe,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Willi, Barbara Maria: deconstruction

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Musicaphon
1
07.04.2005
62:13
2003
EAN:
BestellNr.:

4012476568638
mus556863


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Andriessen, Louis
 - Ouverture to Orpheus (1982) -
Bach, Johann Sebastian
 - Chromatische Fantasie und Fuge -
Couperin, Francois
 - Les barricades mystérieuses -
Ligeti, György
 - Hungarian Rock -
Picchi, Giovanni
 - Pass'e mezzo (1621) -
Rameau, Jean-Philippe
 - Suite a-moll -


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Interpret(en):Willi, Barbara Maria


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"Konstruktion und Destruktion = „deconstruction“ lautet der Titel dieser Aufnahme, dessen Idee einem Axiom aus den Naturwissenschaften entlehnt ist: Wie im Energieerhaltungssatz behauptet wird, dass keine Energie im System des Universums verlorengeht, dass jedem Plus ein Minus entspricht, so entsteht auch eine musikalische Spannung durch das gleichzeitige Existieren von Struktur und Un-Struktur, von Freiheit und Strenge. Bei der Wahl dieses etwas ungewöhnlichen Blickwinkels geht es nicht darum, umstürzend Neues mitzuteilen. Vielmehr soll der frische Blick auf etwas, das wir zu kennen glauben, dazu beitragen, jene Haltung wiederzuerwecken, die am Ursprung von Kunst und Erkenntnis steht: das Staunen. Die Zusammenstellung der Werke aus Barock und Gegenwart ist also keineswegs zufällig, sondern steht ganz im Dienst der oben geschilderten Idee. Weitere Aufnahmen mit Barbara Maria Willi: Musicaphon 556827 und 556828 (d?Anglebert), 556830 (Schop) und 556832 (Schmelzer) "


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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